Das umkämpfte Haus an der Liebigstraße 34.
Foto: imago images/Sebastian Gabsch

BerlinSonntagmittag, Schichtwechsel in der Liebigstraße 34: Ein vollbesetzter Mannschaftswagen der Einsatzhundertschaft verlässt den Kiez, ein anderer fährt vor. Die Beamten unterhalten sich, ein paar Passanten laufen an der „Liebig 34“ vorbei und schießen Fotos von dem Haus. Auf den Balkonen des Hauses stapeln sich zerstörte Absperrgitter. Spuren der Räumung, wie auch die eingeschlagenen Fensterscheiben. Rund 48 Stunden, nachdem die letzte der 57 Personen von den Polizeikräften aus dem besetzten Haus hinausgeführt wurde, ist es wieder ruhig im Friedrichshainer Kiez. „Fast schon zu ruhig“, sagt ein Mann, der ein Café dort betreibt. Er glaubt nicht an ein Ende der Krawalle. „Die holen sich das Haus zurück.“ 

Der Kiez und seine Bewohner haben unruhige Tage hinter sich. Und Nächte. Erst die Räumung der „Liebig 34“ am Freitagmorgen, dann die Krawalle. Insgesamt 19 Polizisten wurden verletzt, 132 Personen festgenommen, gegen 37 von ihnen wurden Strafermittlungsverfahren wegen schweren Landfriedensbruchs eingeleitet, wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Sachbeschädigung. Und obwohl sich die Situation am Sonntag ruhiger gestaltete, rechnet die Polizei mit weiteren Ausschreitungen. Man sei „für mehrere Aktionen sensibilisiert“ und „dementsprechend aufgestellt“, sagte eine Polizeisprecherin.

Dass Berlin an diesem Wochenende einiges bevorsteht, hat sich schon die ganze Woche abgezeichnet. Erst der Brandanschlag auf die Ringbahn, dann brennende Autos,  Schmierereien – und immer wieder der Verweis auf die „Liebig 34“.  Am Abend vor der Räumung ging es weiter: brennenden Müllcontainern, Autoreifen und ein Abfertigungsgebäude im S-Bahnhof Tiergarten. 

Erstaunlich ruhig verlief dann die eigentliche Räumung der „Liebig 34“ am Freitagmorgen: Als die Polizei endlich in dem Haus drin war, leisteten nur zwei der 57 aus dem Haus geführten Personen Widerstand. Vor dem Gebäude allerdings zeigte sich ein anderes Bild: Prügeleien zwischen Polizisten und vermummten Demonstranten, Steine wurden geworfen, Flaschen flogen. Rund um die Kreuzung Liebigstraße/Rigaer Straße zählten Beamte in der Spitze etwa 1000 Personen, die zum Teil massiv gegen die Räumung des Gebäudes protestierten. Am späten Abend verlagerte sich dann der Schauplatz. Die Linksautonomen randalierten vor allem in Berlin-Mitte. Es gab chaotische Ausschreitungen, die rund 1700 Demonstranten beschädigten bei ihrem Streifzug vom Monbijouplatz bis zu Eberswalder Straße gezielt Schaufensterscheiben anliegender Läden wie zum Beispiel „Motel Amio“, einem Keramikgeschäft, oder „Specs Berlin“, einem Brillengeschäft in der Alten Schönhauser Straße. Außerdem brannten zwölf Autos. 

In der Nacht von Sonnabend zu Sonntag ging es weiter mit „vereinzelten Sachbeschädigungen“, wie es von der Polizei hieß. In Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow brannten Fahrzeuge. Ein unmittelbarer Bezug zur Räumung sei zunächst nicht zu erkennen gewesen. Inzwischen jedoch hat der polizeiliche Staatschutz die Ermittlungen aufgenommen, da ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden kann.   

Alles in allem war es ein halbwegs ruhiger Sonntag im Kiez. Aber so wird es nicht bleiben, fürchten einige der Anwohner. „Das war es noch nicht“, sagt auch der Besitzer des kleinen Cafés gleich um die Ecke der „Liebig 34“. Eine Frau kommt aus seinem Café und sieht, dass mehrere Polizeibeamte vor der Eingangstür mit der Hausnummer 15 in der Liebigstraße stehen. „Verpisst euch!“, sagt sie, geht rüber zu den Uniformierten und diskutiert. Dann verschwindet sie in einem Eingang schräg gegenüber der „Liebig 34“. Die Beamten bleiben.