Berlin - Die Kleinste ist gut einen Meter hoch, die größte 1,60 Meter. Sie sind aus Fichte, Ahorn oder Zedernholz: Etwa ein Dutzend Harfen stehen in der Lichtenberger Werkstatt von Pepe Weissgerber. Der 32-Jährige hat sie nach historischem Vorbild nachgebaut: keltische Harfen, böhmische, gotische oder die Barockharfe nach einer Vorlage aus dem Jahre 1710. Manchmal restauriert er auch Harfen – wie die herzogliche Hofharfe aus dem Jahr 1906.

Weissgerber ist Harfenbauer, einer von schätzungsweise zehn in Deutschland und der einzige in der Region. Seit den 1970er Jahren seien Harfen in Deutschland wieder gefragt, sagt Weissgerber. Maßgeblich dazu beigetragen hätten Musiker wie Rüdiger Oppermann, ein bedeutender Harfenist, der die keltische Harfe populär gemacht hat.

Ein Instrument für Frauen

Die meisten seiner Instrumente verkaufe er an Frauen, sagt Weissgerber. Es sind vor allem „Wanderharfen“, vier bis sechs Kilogramm schwer, mit denen Musikerinnen weltweit unterwegs sind. Ganz unterschiedliche Musikstile lassen sich auf dem Traditionsinstrument – die ersten Harfen gab es vor 6000 Jahren in Mesopotamien – erzeugen. Klassische Tänze, Jazz, Folk, Rock: Je nach Belieben können die Saiten eingesetzt werden. Eine Kundin sei mit ihrer Harfe durch Afrika und Indien gereist, wo sie mit indischen Musikern eine CD aufnahm, erzählt der Harfenbauer. Eine andere studiere in Irland Irish Folk.

Auch Weissgerber war lange Zeit ein Reisender. Geboren in Oberfranken, war er als Kind mit seiner Mutter und seinem Bruder mit fahrenden Handwerkern unterwegs. Sie zählten sich in den 1980er-Jahren zu den Hippies, fuhren mit Lkw und Zirkuswagen durch das Land. Auf Festivals verkauften sie selbstgeflochtene Körbe oder von der Mutter gebackene Pfannkuchen, sie machten auch Musik. Später lebte die Gruppe als Kommune in Bayern, Anfang der 90er-Jahre zog Weissgerbers Mutter mit den Söhnen nach Niedersachsen. Dort begann Pepe Weissgerber eine Tischler- und Drechslerlehre, interessierte sich für Reggae-Musik, spielte Bass und Percussion. Später kam die Harfe dazu, die ihn mehr und mehr faszinierte. Als er im Jahr 2000 auf der Hochzeit seines Bruders im Wendland den Instrumentenbauer Frank Sievert kennenlernte, stand sein Wunsch fest: Er wollte Harfenbauer werden. Von Sievert lernte Weissgerber vier Jahre lang die Kunst des Harfenbaus. Danach arbeitete er ein Jahr lang bei dem Künstler und Instrumentenmacher Andreas Hermert in Berlin, der sich mit dem Nachbau historischer Tasteninstrumente einen Namen gemacht hat. 2007 eröffnete Weissgerber schließlich seine eigene Werkstatt in der Lichtenberger Wartenbergstraße.

In einer Harfe steckt viel Mathematik

Etwa zehn Harfen baut Weissgerber im Jahr. Eines seiner jüngsten Modelle hat mit Mozarts Harfner zu tun, mit dem Prager Straßenmusikanten Josef Häussler, genannt „Zöpfchen“. Häussler war in den Prager Wirtshäusern Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein als virtuoser und einfallsreicher Harfenspieler bekannt. Nach einer Begegnung mit ihm komponierte Mozart ein Harfenstück, das heute recht unbedeutend ist. Weissgerber hat Häusslers Harfe nachgebaut, nach einem Gemälde aus dem Jahre 1796. Inzwischen hat er schon fünf davon deutschlandweit verkauft. Und dass obwohl so ein Instrument aus seiner Werkstatt nicht billig ist. Eine keltische Harfe mit 34 Saiten, die acht Kilo schwer ist, kostet von 2400 Euro aufwärts.

Etwa fünf bis acht Wochen dauert es, bis eine Harfe fertig ist. Es stecke jede Menge Mathematik in so einem Instrument, sagt Weissgerber, schließlich müsse der Corpus so stabil sein, dass er die gewaltige Spannung der Saiten aushält. Bis zu 600 Kilogramm Zugkraft muss der Klangkörper halten. Mit speziellen Formeln kalkulieren die Harfenbauer die Dichte des Holzes, des Saitenmaterials, der Halterungen. Natürlich ist auch wichtig, welches Holz verwendet wird. Fichte beispielsweise eignet sich hervorragend für Wanderharfen, weil es eine relativ leichte Holzart ist, die dazu noch den Schall gut transportiert. Wenn ein Instrument Weissgerbers Werkstatt verlässt, ist es noch lange nicht fertig. „Es dauert ungefähr ein Jahr oder 400 Stunden Spielzeit, bis eine Harfe ihr volles Schwingungspotenzial erreicht hat“, sagt er.

Hin und wieder fährt Weissgerber zu Ausstellungen und Festivals. In diesem Jahr war er beim Harfensommer in Hessen und bei einem internationalen Harfenfestival in der Bretagne. Dort gab es Konzerte von Harfenisten aus Schottland, Deutschland, Irland oder Südamerika. Unter anderem spielte der Kolumbianer Edmar Castaneda. Weissgerber schwärmt: „Was Castaneda der Harfe für Klänge entlockte, hat dem Publikum die Sprache verschlagen.“

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Weitere Informationen im Internet: www.weissgerber-harfen.de