Jasmin Allende und Chantal Munford testen in einem Hinterhof in der Bergmannstraße in Kreuzberg.
Foto: Sabine Gudath

Berlin„Heute morgen haben wir rund 300 Leute getestet“, berichtet Ärztin Sibylle Katzenstein aus Neukölln. Dirk Berkmann (76) und seine Partnerin Regine Galitzki (77) beobachten am Montagmittag aus ihrem Fenster an der Bürknerstraße das Treiben vor der Praxis. „Es rennen so viele Leute zu Frau Katzenstein, dass man denkt, hier werden ganze Busse abgekippt“, sagt der Rentner. Von seiner Wohnung aus kann Berkmann auf das Fenster blicken, an dem die Ärztin direkt Abstriche von Patienten nimmt. Es hat sich herumgesprochen, dass das im Risikogebiet Neukölln bei ihr ohne Termin geht. „Man kann sein Kranksein ja nicht planen und wenn wir die Infektionsketten unterbrechen wollen, muss derjenige, der sich krank fühlt, sofort getestet werden“, sagt Katzenstein.

Sie testet nicht nur Menschen mit akuten Krankheitssymptomen, sondern auch Reisende. Innerhalb Deutschlands müssen  von nun an Berliner, die aus den Bezirken Mitte, Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schönberg stammen, in den Bundesländern Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein einen negativen Covid-19-Test vorlegen oder für 14 Tage in Quarantäne. „Fürchterlich“ findet Regine Galitzki das. Ihre Tochter wohnt in Rheinland-Pfalz. Aktuell kann die Mutter sie nicht besuchen. „Wenn wir uns keinem Corona-Test unterziehen und in Rheinland-Pfalz mit unserem Kennzeichen erkannt werden, laufen wir Gefahr, dass wir uns Ärger einhandeln“, sagt Berkmann.

„Es macht mich vollkommen irre“

Einige Hundert Meter Luftlinie weiter im Bergmannkiez schiebt Ärztin Jasmin Allende in einer Hinterhof-Teststation Physiotherapeutin Eva Wannek einen Mundspatel in den Rachen. Nächste Woche beginnen die Herbstferien. Wannek möchte gerne nach Usedom reisen. Auch wenn das in Mecklenburg-Vorpommern liegt, lässt sie sich testen. „Es macht mich vollkommen irre, ob ich dorthin fahren kann oder nicht“, sagt die Kreuzbergerin. „Ich finde die Entscheidung, einzelne Bezirke als Risikogebiet auszurufen, kompliziert.“

Die 30-jährige Laura läuft mit ihrem Baby die Bergmannstraße entlang. Sie hält die Entscheidung, einzelne Bezirke als Hotspots auszuweisen, für absurd: „Wenn, dann sollte die ganze Stadt zum Risikogebiet erklärt werden." In der wie üblich sehr belebten Bergmannstraße macht sich am Montagvormittag kaum Angst vor einer Corona-Infektion breit.  Beschäftigte und Touristen sitzen bei mildem Wetter in Restaurants und Cafés und genießen ihre Mittagspause.

„Die Menschen, die in den jetzt ausgerufenen Risikobezirken wohnen, sind natürlich extrem verunsichert“, berichtet Allgemeinmediziner Erik-Delf Schulze aus Prenzlauer Berg von seinen Erfahrungen: „Man muss aufpassen, dass keine Panik entsteht. Allein die Aussicht, an einer Landesgrenze wie Schleswig-Holstein wieder weggeschickt zu werden, ist stigmatisierend. Sollte Berlin in Gänze zu einem Risikogebiet erklärt werden, wird es zu noch größerem Frust kommen. Die Leute fühlen sich machtlos, kontrolliert und stehen unter Generalverdacht.“

„Das Virus kennt keine Bezirksgrenzen“

„In Spandau oder Zehlendorf ist mehr Platz und die Leute führen ein etwas anderes Leben, so dass es in den inneren Stadtbezirken nicht verwunderlich ist, dass die Infektionszahlen hochgegangen sind“, erklärt Katzenstein. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Hausärzteverbandes Berlin und Brandenburg, Allgemeinmediziner Wolfgang Kreischer, wird sich die Lage auch in den Randbezirken bald ändern: „Die jetzt ausgewiesenen Risikogebiete sind nur der Anfang, ich gehe davon aus, dass in ein bis zwei Wochen ganz Berlin betroffen sein wird. Die Stadt durchmischt sich von selbst, man kann nicht alle U-, S- und Straßenbahnen sowie Busse kappen. Es gibt eine Fluktuation, das Virus kennt keine Bezirksgrenzen.“

Das muss auch Dominic Pesler feststellen. Der 36-Jährige lebt in Spandau, arbeitet aber in einer Kindertagesstätte in Kreuzberg und hat leichte Symptome, als er sich bei Ärztin Jasmin Allende und ihrem Team in der Bergmannstraße zum Corona-Test vorstellt. „Ich habe schon Angst, mich anzustecken, weil ich ja auch mit Kindern arbeite. Da macht man sich seine Gedanken, wie der Herbst und der Winter aussehen werden“, so Pesler.

Dabei sei es nicht so kompliziert, die Ausbreitung zu stoppen, erklärt Allgemeinmediziner Kreischer: „Sich an die Vorschriften halten: Masken tragen und zu anderen auf Abstand gehen. Derzeit wird kaum Rücksicht genommen. Diese mangelnde Einsicht bei vielen wird dazu führen, dass die Infektionszahlen steigen.“ Irgendwann treffe es dann ganz Deutschland. Über zunehmende Corona-Tests sagt er aber: „Mehr können wir nicht leisten. Die Labore gehen inzwischen an ihre Grenzen.“ Viele Deutsche würden über Schweden schimpfen, dass dort keine Maskenpflicht gelte. „Die Menschen dort haben es allerdings verstanden und halten Abstand. Daher sind die Zahlen dort auch nicht so hoch.“

Jens Berchner (62) steht vor einem Zelt am Ärztehaus in den Ministergärten. Im MVZ-Testzentrum nehmen Sebastian Pfeiffer und sein Team aktuell deutlich mehr Patienten wahr, die sich für einen Corona-Test anmelden. Je näher die Ferien rücken und seitdem vier Berliner Bezirke als Risikogebiete gelten, melden sich etwa 20 Prozent mehr Menschen, sagt er. „Das Testzelt ist bis auf zwei Wochen im Voraus ausgebucht.“

Dort, wo schräg gegenüber unter anderem die schleswig-holsteinische Landesregierung in Berlin ihren Sitz hat, wird Berchner gleich auf Covid-19 getestet. Vergangene Woche hatte der Testingenieur direkten Kundenkontakt zu jemandem aus Frankreich, dessen Frau positiv auf Corona getestet wurde. „In der Firma wurde angeordnet, einen Test zu machen“ sagt er. Angst vor einer Ansteckung hat er nicht. „Ich habe noch im Ohr, wie vor einem halben Jahr gesagt wurde, dass Corona ohnehin 70 Prozent der Leute bekommen werden. Das einzige, was wir machen müssen, sei die Welle flach zu halten“, sagt er. „Ich gehe davon aus, dass ich es irgendwann bekomme. Ich möchte dann nur möglichst in aller Ruhe behandelt werden.“