Die Markthalle IX in Berlin Kreuzberg
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Berlin-KreuzbergDie Markthalle Neun war nicht immer hip. Sie ist quasi aus der Not heraus 1890 gebaut worden. Während heute Gentrifizierungsdebatten laufen, weil ein Aldi aus der Halle verschwinden soll und das höherpreisige Segment aus Bio-Smoothies, handgemachter Pasta und Bio-Tofu nicht alle Anwohner anspricht, wurde die Markthalle einst in Kreuzberg hochgezogen, um die städtische Bevölkerung dauerhaft zu bezahlbaren Preisen und auf hygienisch unbedenkliche Weise mit Lebensmitteln versorgen zu können.

Genau das wurde vor über hundert Jahren in der rasant wachsenden Stadt nämlich zunehmend schwieriger. Gemüse und Fleisch wurden zuvor auf offener Straße angeboten – je nach Jahreszeit umringt von Insekten, jeglicher Witterung ausgesetzt.  

Berlin baute insgesamt 14 Markthallen

Das Berliner Magistrat schritt ein und beschloss ein Infrastrukturprogramm. Der Bau von 14 Markthallen wurde in Auftrag gegeben. Neben der Markthalle Neun in der Eisenbahn- und Pücklerstraße entstanden bald kleinere und größere Hallen wie am Alexanderplatz oder in Moabit. Unter geschützten Dächern konnten für damalige Verhältnisse gute hygienische Standards eingehalten werden. Zudem erleichterte es den Bürgern an festen Orten an ihre Lebensmittel zu günstigen Preisen zu kommen.

Während neben der Markthalle Neun auch die Arminiusmarkthalle in Moabit noch heute in Betrieb ist, finden an vielen anderen Standorten schon lange keine Verkäufe mehr statt. Einige trugen sich wirtschaftlich einfach nicht mehr.

Einzug der Aldi-Filiale im Jahr 1977

Die Wirtschaftlichkeit ist auch ein Grund, warum das Konzept der Markthalle heute ein anderes ist. Denn obwohl die Kreuzberger Markthalle überlebt hat, ist auch sie durch turbulente Zeiten gegangen. Neben Beschädigungen des Baus im Zweiten Weltkrieg, entstand mit dem Aufkommen von Supermärkten starke Konkurrenz, eine Markthalle war nicht mehr zeitgemäß, die Kundenzahl brach massiv ein. Zusätzlich veränderte sich später in Folge des Mauerbaus das Viertel, viele zogen weg.

Einen kleinen Auftrieb erhielt das Geschäft ausgerechnet wieder durch den Einzug der Aldi-Filiale im Jahr 1977, die endgültige Rettung war aber auch dies nicht. Anfang der 2000er engagierten sich verschiedene Anwohnerinitiativen für eine Neugestaltung. Die Projektgruppe Markthalle Neun legte schließlich ein Konzept vor, mit dem sie 2011 den Zuschlag bekam, als Betreiber zu übernehmen. Sie setzt seither auf Stände mit handwerklichen Produkten und Angeboten von Kleinbauern, auf Veranstaltungen und Gastronomie. Es funktioniert: Die Halle ist wieder voll, beliebt bei vielen Berlinern und Touristen. Aber gleichzeitig bleiben die, die sich verdrängt fühlen oder eine Verdrängung fürchten. Derzeit läuft ein Dialogprozess mit den Anwohnern. Es bleibt ein schwieriger Spagat.