Verkehrsspiegel werden zum Denkmal: Die Künstlerin Patricia Pisani will damit „Achtung“ sagen im Gedenken an die Soldaten, die während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs in der Murellenschlucht erschossen wurden. 
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

Berlin-CharlottenburgHinter der Waldbühne, nahe der dicht befahrenen Heerstraße in Charlottenburg, schmiegt sich ein stilles Tal an hohe Hänge: die Murellenschlucht. Waldiges Idyll inmitten tosender Großstadt, einmalig schönes Naturschutzgebiet, zugleich ein Ort des Schreckens. Die Wehrmacht erschoss hier mehrere Hundert ihrer eigenen Soldaten. 28 Hektar Heimat- und deutsche Geschichte, die wenig bekannt ist.

Links vom Eingang zur Waldbühne führt an der Glockenturmstraße ein Pfad ins herrliche Wäldchen. Erst steil hinab vorbei an Ahornbäumen, Eichen, Kiefern, Birken, dann wieder steil hinauf. Den Weg begleiten 104 Verkehrsspiegel, sie bilden ein Denkmal, das an die Erschossenen erinnert. Wie ein Pilgerpfad führt es zu der vermuteten Stelle, an der mindestens 232 Hinrichtungen, wahrscheinlich aber mehr, geschahen. 33 Meter tief ist die Schlucht, die Berge dahinter erreichen eine Höhe von 62Metern. Ein kleines Mittelgebirge, könnte man denken.

Derk Ehlert, Sprecher der Senatsverwaltung für Umwelt und Naturschutz, erklärt, wie es sich vor 20.000 Jahren entwickelte. „Die Murellenschlucht ist eine Toteisrinne, sie verläuft quer zum Berliner Urstromtal. Während der Weichseleiszeit war das heutige Berlin mit dem Eis über die Ostsee gekommener skandinavischer Gletscher bedeckt. Groß und schwer gruben sie sich in den Untergrund ein. Beim Abtauen entstand die Endmoränenlandschaft des Grunewalds, zu der die Murellenschlucht gehört.“ Schießplatz war das Gelände ab 1940 zuerst für die preußische Armee, nach 1945 nutzten britische Truppen das Gelände, heute trainiert auf kleineren Teilen die Berliner Polizei. 1936 baute Architekt Werner March die Waldbühne in den östlichen Abschnitt der Schlucht. Dafür nutzte er Bergabhänge als Zuschauerränge.

Lage des Denkmals in der Murellenschlucht
BLZ/Hecher

Hier geschah, was Helmut Altner in seinem Buch „Totentanz Berlin“ (Berlin Story Verlag) beschreibt. Zusammen mit Soldaten-Kameraden musste der damals 17-Jährige am 3. April 1945 Zeuge einer Hinrichtung sein.„Mir erscheint dies alles unwirklich. Der Wald, die singenden Vögel, die Sonne am kobaltblauen Himmel. Warten müssen, wie Menschen ermordet werden sollen, herabgewürdigt zu einem Jahrmarktschauspiel. Die Verurteilten haben die Köpfe gesenkt. Der Jüngste ist 18, die anderen nicht viel älter. Sie stellen sich an den Pfahl. Zwei bleiche gutgewachsene Jungen mit blauen Augen. Der dritte ein kleiner schmächtiger Kerl. Sie werden mit Lederstricken an den Pfahl gefesselt.

Das Kommando legt an. ‚Lebt wohl, Kameraden!‘, ruft eine helle Stimme, dann senkt sich blitzend der Degen des Offiziers: ‚Feuer!‘ Plötzlich sind die Pfähle leer. Aus dem Holz läuft Blut, als wären sie es, die getötet wurden. Der Arzt untersucht die Erschossenen. Der Kleine hebt sich noch einmal empor. Aus seinem Munde fließt Blut. Der Arzt setzt die Pistole an die Schläfe, drückt ab. Dumpf hallt der Schuss.“

Es waren diese und viele ähnliche Schilderungen, die Pfarrer Norbert Rauer (74) bewegten, sich seit Mitte der 1990er-Jahre in der Arbeitsgemeinschaft Murellenschlucht für ein Denkmal zu Ehren der dort Erschossenen zu engagieren. 2002 wurde es nach vielen Diskussionen errichtet. „Die Erinnerungen an einen meiner Vorgänger im Pfarramt der Evangelischen Kirchengemeinde Staaken, Johannes Theile, waren dort auch zu meiner Amtszeit noch sehr präsent. Er hatte häufig Hinrichtungen als Geistlicher und Seelsorger begleiten müssen. In Staaken habe ich viele Hausbesuche gemacht. Dabei kamen die Schicksalsgeschichten dort einfach auf einen zu, wurden sehr unterschiedlich vorgetragen. Da waren Entsetzen über als auch bei Einzelnen Stolz auf die Taten im Nationalsozialismus.“

Gustav Heisterman von Ziehlberg (1898–1945) Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand 
Hintergründe

Erschossen: Gustav Heisterman von Ziehlberg war eines von mehreren Hundert Opfern, die in der Murellenschlucht hingerichtet wurden. Er starb am 2. Februar 1945. Ihm war nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 befohlen worden, den ihm untergebenen Major im Generalstab, Joachim Kuhn, festnehmen zu lassen. Der wurde verdächtigt, an der Beschaffung des Sprengstoffs für das Attentat beteiligt gewesen zu sein. war. Von Zielberg ermöglichte Kuhn stattdessen Gelegenheit zum Überlaufen zur Roten Armee. Von Ziehlberg wurde zu einer Gefängnisstrafe, später nach Hitlers Intervention zum Tode verurteilt.

Wehrkraftzersetzung: Die überwiegende Zahl der Todesurteile erging wegen Fahnenflucht und „Wehrkraftzersetzung“ – Widerstand wie missbilligende Einschätzungen der politischen Lage oder Aufforderung zum Ungehorsam. 

Gutachten: Historiker Norbert Haase erarbeitete Mitte der 90er-Jahre ein Gutachten über das Geschehen in der Schlucht. Er kommt zu dem Schluss, dass „es außer Zweifel steht, dass die in Spandau- Ruhleben erschossenen Soldaten, wie es insbesondere die aktenmäßig belegbaren Einzelfälle unterstreichen, Opfer einer politischen Terrorjustiz wurden“. Begnadigung war nicht möglich. Die Urteile der Standgerichte ließen nur Todesurteil oder Freispruch zu. Rechtsmittel dagegen gab es nicht, eine Bestätigung durch den Gerichtsherrn war ebenso wenig erforderlich. „Die Exekution erfolgte umgehend.“

Bei Recherchen stellte Rauer fest, dass die Gründe für diese Verurteilungen meist mehr als fragwürdig waren. Die Hinrichtungen hatten nur die Funktion, die Soldaten zu disziplinieren. „Die Wehrmacht war so strukturiert, dass es keine Möglichkeit gab, Kritik anzubringen. Eigene Gedanken waren nicht gefragt. Je mehr es dem Ende entgegenging, desto straffer wurde die Disziplin gehandhabt.“ Von dem Schrecken in der Schlucht erzählt heute nichts mehr. Umfangreich wurde das Gebiet zwei Jahre lang bis 2005 renaturiert, über 27.000 Tonnen Abfall transportierte man ab, entfernte Kugelfänge und Wälle aus Beton. Derk Ehlert erklärt, was hier heute Überlebensraum gefunden hat: „In und auf den seltenen Trockenrasenbereichen leben knapp hundert, teilweise vom Aussterben bedrohte Insekten wie Seidenbiene und kleiner Perlmuttfalter.“