Biker am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten, etliche von ihnen trugen das Zeichen der russisch-nationalistischen Nachtwölfe.
Foto: Berliner Zeitung/Maritta Tkalec

Berlin Mitte/TreptowDiese Feiern sind einzigartig in Berlin.  Niemals sonst mischen sich so vielfältige Gefühle wie am 9. Mai, wenn Menschen aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion zu den sowjetischen Ehrenmälern in Berlin kommen, um jener zu gedenken, die im Großen Vaterländischen Krieg fielen - vor allem in dessen letzter großer Schlacht, der um Berlin. Da ist Freude über den Sieg, Stolz über die Leistung der Kämpfer und deren Angehörigen in der blutenden Heimat. Da ist natürlich Trauer. Da sind auch nationale Gefühle. Aber keine Spur von Rachsucht.

Zwei junge Männer legen mit einer Kinderschar Blumen am Ehrenmal am Tiergarten nieder. Artem Lyubanevych und Alexei Gregorew erfreuen in Nicht-Corona-Zeiten das Publikum als Flugkünstler im Friedrichstadt-Palast. Man müsse der nächsten Generation die Geschichte weiterreichen, sagt Artem, und Alexei zeigt auf dem Handy ein Foto von zerstörten Reichstag: "Das hat meine ukrainische Urgroßmutter Jekatarina Nikischenka 1945 in Berlin aufgenommen. Sie kam als Kämpferin hierher."

Anastasija Kretschmar aus St. Petersburg hat ein Schild mitgebracht, auf dem zwei Männer in Uniformen der Roten Armee zu sehen sind: Ihre beiden Urgroßväter waren Militärfahrer im Krieg, beide gelangten bis Berlin. Der eine, Fjodor Tschistjakow, erlebte die 900tägige-Blockade Leningrads. Der andere Uropa, Jossif Tschetschotka, kämpfte in der Tschechoslowakei gegen die Wehrmacht. Anastasija, sie studiert  Trickfilmkunst in Potsdam, will die Erinnerung bewahren. "Was diese Menschen geleistet haben, darf ich nie vergessen. Und weil die beiden es nicht mehr tun können, gehe ich heute für sie durch Berlin spazieren", sagt die junge Frau. 

Immer wieder kommen neue Besucher zum Ehrenmal, teils festlich gekleidet, manche mit sowjetischen Militärkäppis, manche mit roten Fahnen, manche mit der orange-braunen Schleife des altrussischen Georgskreuzes. Sie legen Blumen neben die beiden T-34-Panzer, neben die Geschütze und an die Treppe vor der monumentalen Soldatenfigur auf dem Sockel.

Gegen 13 Uhr rollen mehrere Dutzend mächtige Motorräder heran mit Kennzeichen aus vielen deutschen Bundesländern. Die Männer und Frauen tragen schwarze Bikerkluft, manche mit Wolfskopf verziert: dem Zeichen für die russisch-nationalistischen Nachtwölfe.

Olga, eine Frau um die 40, ist mit ihrem Mann und dem Motorrad aus München gekommen, um an diesem besonderen Feiertag eines der bedeutendsten sowjetischen  Ehrenmäler Deutschlands zu besuchen - in Sichtweite des Reichstags. "Jede Familie hat schwere Verluste erlitten durch die deutsche Herrschaft und die Schlachten im Großen Vaterländischen Krieg", sagt die Tochter einer russischen Mutter und eines deutschen Vaters. Sie möchte nicht, dass an diesem Tag des Sieges aktuelle Konflikte wie der zwischen Russland und der Ukraine eine Rolle spielen. 45 Kränze stehen vor dem Monument aufgereiht, darunter die von Vertretern Usbekistans, Kasachstans, Armeniens, Tadschikistans, Russlands, der Ukraine, der Republik Moldau, aus Belarus und so fort.

Bevor die Biker wieder losrollen, stellen sie sich in einer breiten Front vor dem Denkmal auf und zeigen Transparente: "Das ist unser Sieg", heißt es da zum Beispiel. 

Volksfestähnliche Stimmung herrscht am Treptower Ehrenmal. Besucher singen russische Weisen, gönnen sich einen Schluck Wodka, picknicken Tomaten und Brot. Auch hier diese Mischung aus Stolz, Freude und Trauer.


Victoria Safenreiter (43) aus Brandenburg-Land, Lehrerin in Berlin, kommt jedes Jahr mit ihrem Mann zum Ehrenmal. Sie macht Aufnahmen von sich und den alten Fotos ihrer Großeltern Jakov und Nadja. Die schickt sie an die Mutter in der Heimat. Eigentlich kommt sie aus einem kleinen Dorf in Sibirien und lebt, der Liebe wegen, seit 20 Jahren in Berlin. „Hier am Ehrenmal zu sein, bedeutet Nähe zu meinem Land und zu meiner Familie in Russland", sagt sie. "Ich gedenke meines Großvaters, der immer am 8. Mai sehr traurig war und weinte. Er gedachte seiner Kameraden, die nicht wie er heimgekehrt waren.“

Nadja (44) kommt von der Krim, ihr Großvater starb im Krieg. Seit  30 Jahren lebt sie in Berlin, kommt seit 15 Jahren jedes Jahr zum Ehrenmal in Treptow: "Wenn man älter wird, wird einem bewusst, was damals Furchtbares geschehen ist in diesem Krieg. Ich stehe mit gemischten Gefühlen hier – Stolz, Trauer, Freude darüber, dass so viele hier sind und ich dazugehöre. Auch wenn es die Sowjetunion nicht mehr gibt, dieser Tag hält uns alle zusammen.“