Eine Obdachlosen-Schlafstätte am Bahnhof Zoo.
Foto: Sven Darmer/DAVIDS

Eine Aktion gegen die Gleichgültigkeit

BerlinDie „Nacht der Solidarität“ sollte – in modifizierter und ständig zu verbessernder Form – dringend wiederholt werden. Und das gerne öfter als einmal im Jahr. Die Idee nämlich ist vielversprechend. Sie greift den gesellschaftlichen Schwachpunkt an, der Wurzel für die fehlenden Daten zu Obdachlosigkeit ist: Wir sehen Obdachlose ständig, wollen aber nichts mit ihnen zu tun haben – und wissen deswegen nichts über sie.

Unsere Gesellschaft diskriminiert und stigmatisiert Obdachlose konsequent. Gerade in Berlin, wo man so direkt wie in keiner anderen deutschen Stadt mit ihrer Not konfrontiert wird, ist das noch größere Problem aber unsere Gleichgültigkeit. Liegt im Winter ein Obdachloser mit faulenden Wunden in der Bahn, räumen Mitfahrer wegen seines Geruchs lieber schimpfend den gesamten Waggon, pressen sich in den nächsten – als dass einer fragt, ob man helfen kann.

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Dabei können wir als Gesellschaft uns solidarisieren. Wir beweisen es zurzeit: Die „Fridays for Future“-Bewegung hat im Kampf gegen den Klimawandel Hunderttausende mobilisiert, sie verändert damit gerade Stil und Inhalte der Politik. Doch den Obdachlosen und Armen fehlte lange die Lobby in der Mitte der Gesellschaft.

Diese Ausgangslage hat dafür gesorgt, dass die Politik mit Hilfsangeboten geizte – und mit ihren in Rathauszimmern erdachten Strategien oft kläglich scheiterte. Jetzt aber ist der Mittelstand bedroht, die Berichte über Familien, Rentner und Normalverdiener, die um ihre Wohnung bangen, reißen nicht ab. Mieten und Zwangsräumungen liegen auf einem so hohen Niveau, dass die Menschen spüren, dass tatsächlich der Satz gilt: Es kann jeden treffen. Das eröffnet zurzeit ein Fenster der Solidarität, politisch wie gesellschaftlich, gerade jetzt im Winter. Sozialsenatorin Elke Breitenbach hat es genutzt.

Bei den Freiwilligen hat die „Nacht der Solidarität“ ohne Frage eine Wirkung erzielt. Sie haben sich eine Nacht in die Lage von Obdachlosen hineinversetzt, sind ihre Schlafstätten abgelaufen, sind mit ihnen ins Gespräch gekommen. Ein 75-jähriger pensionierter Arzt erzählte am Mittwoch in Britz schon vor Start der Zählung, dass ihn allein die Beschäftigung mit der Aktion und der Kritik daran dazu gebracht habe, sich zu ändern: Er spreche jetzt regelmäßig mit Obdachlosen, wolle oft spenden – und habe so zu seiner Überraschung schon häufiger die Erfahrung gemacht, dass sein Geld gar nicht gewollt sei, ein aufrichtiges Gespräch aber sehr wohl. Die Berichterstattung über solche Aktionen hat das Potenzial, auch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu verändern. Damit der Effekt nachhaltig ist, darf Breitenbach jetzt keinesfalls aufgeben.

Außer Frage steht allerdings: Die Methodik der Obdachlosenzählung muss dringend verbessert werden. Manche Obdachlose haben sich der Zählung bewusst entzogen und kritisierten das Konzept scharf. Es muss jetzt erfragt werden, wie systematisch und warum das passiert ist. Klar ist aber schon jetzt: Die Zahlen sind nicht valide und dürfen keinesfalls für konkrete Bedarfsplanungen, zum Beispiel bei Notunterkünften herangezogen werden. Vermutlich wird sich das auch nie ändern.

Die Aktion konzentrierte sich deswegen zu stark auf die quantitative Erhebung, die reine Zählung. Sie wurde mit 2600 Freiwilligen in nur drei Stunden absolviert. Wichtiger aber wäre eine qualitative Erhebung, bei der im Idealfall erfahrene Interviewer auch mehrere Stunden in das Gespräch mit einer Person investieren. Zu selten lässt sich die Politik hier von den Sozialwissenschaften beraten. Dann aber gäbe es eine Chance, tatsächlich zu erfahren: An welchen Orten schlafen diese Menschen? Und warum? Wo bräuchten sie eine Unterkunft, was muss sie ihnen bieten? Und vor allem: Welche Hilfsangebote bräuchten sie, um sich auf den Weg zurück in die Gesellschaft zu machen, einen Job und eine Wohnung zu finden und zu halten?

Von Annika Leister


Die Freiwilligen konnten nur scheitern

Die Nacht der Solidarität, die Nacht in der Berlins Obdachlose gezählt werden sollten, war ein Reinfall. Das Endergebnis ist noch nicht bekannt. Doch wie es aussieht, waren viele dieser Menschen in der Nacht zum Donnerstag wie vom Erdboden verschluckt. Sie haben sich angeblich versteckt, weil sie sich nicht zählen lassen wollten. Und das stellt den Sinn und Zweck einer solchen Aktion massiv infrage.

Es ist natürlich völlig richtig, Menschen ohne Wohnung zu helfen. Ein Rechts- und Wohlfahrtsstaat, einer der reichsten der Welt erst recht, kann und darf es nicht zulassen, dass Menschen erfrieren. Um das zu verhindern, muss er helfen und Angebote passgenau gestalten.

Doch um passgenau helfen zu können, muss der Staat – oder im konkreten Fall das Land Berlin – eine Menge wissen: Wie viele Obdachlose halten sich überhaupt in der Stadt auf? Bisher gibt es nur Schätzungen mit großer Fehlertoleranz. Wie viele von ihnen sind krank, sitzen im Rollstuhl, haben Hunde? Wie viele von ihnen sind Frauen? Sie bedürfen eines besonderen Schutzes. Alles wichtige Informationen, um möglichst vielen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

All das sollte in der Nacht zu Donnerstag abgefragt werden. Doch jeder Hilfeversuch kann nur gelingen, wenn sich die Menschen auch helfen lassen.

Mir tun die Leute auf der Straße leid. Ich kenne keine Obdachlosen, weiß nichts über sie über das hinaus, was ich höre und lese, was ich täglich sehe, auf dem Bürgersteig, unter Brücken, auf Bahnhöfen. Und dieses Bild ist vielfältig. Es gibt verfallene Gestalten, gezeichnet von Drogensucht und langer Armut. Aber es gibt auch Gruppen, die trinkend, schwatzend, ja sogar kochend auf dem Gehweg sitzen oder liegen. Es sieht so aus, als wollten sie das, als täten sie das freiwillig. Ich gebe kein Geld, weil ich sonst viel zu vielen Leuten Geld geben müsste. Aber ich gebe mir Mühe, mich nicht belästigt zu fühlen. Das gelingt nicht immer.

Doch was an dem Dasein auf der Straße ist wirklich freiwillig? Wie gesagt: Ich weiß nicht wirklich etwas über diese Leute. Und das ist einer der Gründe, warum ich in der Nacht nicht zählen war. Warum ich in meiner beheizten Wohnung geblieben bin.

Ich habe deshalb kein schlechtes Gewissen. Aber ich bin froh darüber, dass es in Berlin mit seiner großen Sozialbranche so viele Menschen gibt, die sich besser auskennen als ich. Die professionell, kompetent, engagiert, und im besten Fall auch empathisch mit Obdachlosen arbeiten. Und die dafür leider viel zu oft schlecht bezahlt werden. Das ist für mich übrigens ein Grund, wirklich ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Weil ich feststellen muss, wie gering wir diese wertvolle Arbeit schätzen. Ich hätte gerne, dass wir sie besser bezahlen.

Diese Profis kennen sich mit ihren Leuten so gut aus, dass sie uns nach der gescheiterten Nacht erklären, warum sich viele Obdachlose eben nicht zählen lassen wollen. Dass die sich fürchteten vor einer Registrierung – auch wenn es darum gar nicht ging. Dass sie sich den Regeln in Unterkünften nicht unterwerfen wollten. Dass viele Angst hätten vor vielen Menschen wie ihnen selbst unter einem Dach, in einem Raum.

Okay! Offensichtlich ist so eine gut gemeinte Zählung also nicht der Weg zu mehr Erkenntnis. Erfolgreicher wäre es sicher, es die Profis machen zu lassen. Gut bezahlte Sozialarbeiter gehören auf die Straße, jeden Tag. Dann werden wir bald auch mehr wissen.

Am meisten leid tut es mir bei dem Fehlschlag von Mittwochnacht um die 2.600 Freiwilligen, die sich eine Winternacht um die Ohren geschlagen haben. Sie sind eben nicht in der beheizten Wohnung geblieben, sondern sind drei Stunden lang durch zugige Straßen gestapft, haben in unwirtlichen Ecken nach Leuten gesucht, die nicht gefunden werden wollten.

Was für eine Verschwendung von Engagement.

Von Elmar Schütze