Beliebte Flaniermeile: die Bergmannstraße in Kreuzberg. Künftig gibt es mehr Platz für Fußgänger.
Simulation: Raumscript

BerlinAuf einer beliebten Flaniermeile im südlichen Berliner Stadtzentrum werden Autos weiter zurückgedrängt. Die Bergmannstraße in Kreuzberg wird auf dem Abschnitt zwischen Nostitz- und Schleiermacherstraße für den motorisierten Individualverkehr gesperrt. Das teilte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg am Dienstag mit. Das Teilstück wird zu einer Fußgängerzone erklärt, in der auch Radfahrer unterwegs sein dürfen. Für sie wird ein Radweg mit zwei Fahrstreifen angelegt, hieß es. Der Auto-Durchgangsverkehr im Verlauf der Bergmannstraße ist schon seit mehr als einem Jahrzehnt vor der Marheineke-Markthalle unterbrochen. 

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: berlin.de

Das Viertel rund um die Bergmannstraße soll Modellprojekt für den „Kiez der Zukunft“ werden, kündigte Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) an. Am Dienstag beschloss das Bezirksamt ein Konzept zur verkehrlichen Umgestaltung dieses Bereichs.

Lieber Menschen und Insekten als Autos

Einbahnstraßenregelungen und Tempo-20-Bereiche sollen im gesamten Viertel den Verkehr beruhigen, hieß es. Die Sperrung der Bergmannstraße für Autos wird ein zentrales Vorhaben sein. Lieferverkehr ist dort nur noch zwischen 6 und 11 Uhr erlaubt. Für die Gestaltung der neuen Fußgängerzone, die mit einem Radweg versehen wird, will das Bezirksamt einen städtbaulichen Wettbewerb ausschreiben. „Ein wichtiges Element der Gestaltung soll dabei Infrastruktur sein, die Grünflächen und Wasserelemente strategisch miteinander verbinden und dadurch Regenwasser filtert, die Temperatur lokal regelt und Lebensräume für Insekten bietet“, so die Pressemitteilung.

Das vom Bezirksamt entwickelte Konzept geht auf die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung 2019 zurück. Diskutiert wird aber schon viel länger. Als der Senat 2011 die erste deutsche Fußverkehrsstrategie beschloss, tauchte dort bereits die Bergmannstraße auf.

Geplant war, die Flaniermeile in Kreuzberg 61 zu einer Begegnungszone umzugestalten - als zweites Berliner Projekt dieser Art nach der Maaßenstraße in Schöneberg. Begegnungszone: Das war der offizielle Begriff für den Schonraum für Fußgänger, der dort nach Schweizer Vorbild entstehen sollte. Angekündigt wurde eine Verkehrsberuhigung mit Tempo 20, einer schmaleren Fahrbahn und weniger Parkplätzen. Damals gab es auf dem rund 500 Meter langen Abschnitt noch Stellflächen für 95 Autos, außerdem 111 Parkplätze in einer Tiefgarage, die aber kaum genutzt wurden.  Lediglich 17 Prozent der Wege würden mit Autos zurückgelegt, so die Planer damals. Deshalb wäre es sinnvoll, mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer zu schaffen.

Zunächst hieß es, dass nach einer umfangreichen Bürgerbeteiligung bereits 2015 mit dem Bauen begonnen werden sollte. Später war von 2017 die Rede. Doch die Diskussionen zogen sich in die Länge - und immer wieder gab es Ärger mit einem großen Teil der Gewerbetreibenden und mit anderen Anrainern. Kritisiert wurde vor allem, dass Parkplätze wegfallen.

Als das Bezirksamt in der Bergmannstraße zwei langgestreckte Holzbänke mit Sitzbänken aufstellte (Kosten: jeweils 59000 Euro), wurde die Kritik lauter. Dann kamen die Parklets: 17 Podeste aus Stahl und Holz mit gelb lackierten Pflanzkübeln sowie Sitzgelegenheiten, die ebenfalls als Ruhezonen gedacht waren und Parkplätze belegten. Kosten: insgesamt 428 000 Euro. Nicht nur sie, auch grüne Punkte auf der Fahrbahn, die Autofahrer zum Langsamfahren motivieren sollten, erhitzten die Gemüter zusätzlich. Als der neue Leiter des Straßen- und Grünflächenamts, Felix Weisbrich, im vergangenen Jahr Findlinge auf die Straße legen ließ, um Falschparker zu vergrämen, war die Bergmannstraße endgültig als Experimentierfeld für Anti-Auto-Strategien etabliert.

Bürgermeisterin: Die Zeit der autogerechten Stadt ist vorbei

„Die Vormachtstellung des Autos und die Zeit der autogerechten Stadt sind vorbei“, bekräftigte Bezirksbürgermeisterin Herrmann am Dienstag. „Diejenigen, die in unseren Kiezen leben, haben größtenteils kein eigenes Auto und bewegen sich klimafreundlich mit dem Rad, dem Nahverkehr oder zu Fuß fort. Daher fordern sie zu Recht eine Umgestaltung des öffentlichen Raumes – mit mehr Flächengerechtigkeit und mehr Platz für die Menschen. Von dieser Verbesserung der Lebensqualität durch weniger Autoverkehr profitieren am Ende alle.“

Interessierte können sich ab dem 17. September in der Ausstellung „Zukunft Bergmannkiez – Öffentlicher Raum, Mobilität, Lebensqualität“ im ehemaligen Rathaus Kreuzberg über die geplante Gestaltung  informieren. Die Ausstellung ist bis zum 2. Oktober 2020 montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr im ersten Obergeschoss in der Yorckstraße 4-11 zu sehen.