Berlin - Himmelhoch jauchzend hinein ins Leben? Die neuen Öffnungen in Berlin komplett genießen? Oder erst mal abwarten? Gucken, was die anderen machen? Ganz auf dem Sofa bleiben? Und überhaupt: Welche Pandemie-Gewohnheiten sind gar nicht so übel? Welche darf mit in die Zukunft? Rück- und Ausblicke.

Küssen verboten

Früher haben wir gern über München gelacht: In Filmen sahen wir, wie sich schwer aufgetakelte Damen leicht aufgekratzt um den Hals fielen. Oberflächliche Bussi-Gesellschaft. Dann hielt diese Unart auch in Berlin Einzug. Nicht nur bei Frauen. Auch Männer umklammerten sich immer öfter: Sie wandten dabei zwar meist das Gesicht ab, klopften sich aber übertrieben auf die Schulter. Ich gestehe: Ich habe es auch gemacht. Aber nur bei guten Freunden – so als ironisches Ritual.

Doch es blieb da immer ein Unwohlsein, wenn ein Freund einen Kumpel mitbrachte. Sollte ich jetzt nur den Freund oder auch … Dann kam Corona. Die kleine Befreiung. Seither regiert der Wuhan-Gruß per Ellenbogen oder Fuß. Und egal, was nun kommen wird: Hauptsache, das distanzlose Rumgeknutsche mit fast Fremden lebt nicht wieder auf. Jens Blankennagel

Mein Trotz ist meine Freiheit

Die Zeit der Pandemie habe ich nicht zuletzt auch als eine Belastungsprobe für staatsbürgerliche Pflichten wahrgenommen. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Vorfahrtsregeln, Meldepflicht und Steuern zahlen. Als dringlich angemahntes bürgerliches Wohlverhalten galten nun Mindestabstand und die Unterdrückung des Hustenreizes. Als jemand, der in den 60er- und 70er-Jahren sozialisiert worden ist, identifizierte ich darin natürlich sofort die Merkmale staatlicher Repression, nun aber im Gewand von Selbstschutzgeboten. Das tat nicht weh, aber schmerzte.

Der forcierte Rückzug ins Private war indes nicht mein Problem. Wenn ich ehrlich bin, hat sich mein Sozialverhalten nicht allzu sehr verändert in den letzten eineinhalb Jahren. Nun aber, da die Freiheiten langsam zurückkehren, bemerke ich eine gesteigerte Test-Aversion. Ich möchte nicht, dass jemand in meinem Rachen kratzt, ehe ich ins Restaurant gehe. Lieber warte ich ab, bis niemand mehr nach der Luca-App fragt und sich mit Testtinktur nähert. Mein Trotz ist meine Freiheit. Harry Nutt

Zaghaft wieder unterwegs

Es ist beileibe nicht so, dass ich jeden Öffnungsschritt herbeisehnen würde. Innengastronomie? Muss nicht sein. Fitnessstudios? Konnte ich schon vor der Pandemie nicht ausstehen. Shoppen? Ich brauch doch eigentlich nichts. Corona hat die Bedürfnisse eingefroren und manches komplett lahmgelegt. Aber Essengehen, das war ein Thema. Irgendwann ist man des Zu-Hause-Kochens müde und möchte sich mal wieder bewirten lassen.

Also gingen wir essen – draußen, mit Test. Leider war der teure Spargel zu hart und die Sauce Hollandaise nicht so lecker wie daheim. Kurze Ernüchterung – hatte das Virus uns versaut? Nein, an dieser Stelle müssen wir stärker sein als der Erreger. Der Herd bleibt aus! Wir wagen uns wieder hinaus ins Berliner Gastro-Leben mit seinen Höhen und Tiefen, zaghaft, aber bestimmt. Es ist wie bei der harten Spargelstange: Manchmal muss man sich einfach durchbeißen. Anne Vorbringer

Future Image
Restaurants auf dem Gendarmenmarkt haben ihre Außenbereiche bereits geöffnet. 

Essen in einem echten Innenraum

Man darf nun also wieder im Restaurant sitzen. In einem Innenraum! Dunkle, ungenutzte Räume, die monatelang vor sich hinmuffelten, erwachen wieder zum Leben. Es klappert in der Küche, Kellner eilen hin und her. Der Raum summt von den Gesprächen der Gäste. Ich hätte nie gedacht, einmal etwas ganz Alltägliches so feierlich zu sehen. Besonders freue ich mich für unseren Inder gleich um die Ecke. Er hat sich monatelang mühsam mit Außer-Haus-Verkauf über Wasser gehalten. Nun hat er wieder Gäste. Echte Gäste!

Aber der Kopf arbeitet dennoch. Man hat einfach zu viel Wissen angesammelt in den letzten Monaten. Zum Beispiel über Aerosole. Der Mann da in der Ecke, er redet so laut. Sammelt sich gerade über ihm eine feine Tröpfchenwolke, die sich langsam im Raum ausbreitet? Begriffe schwirren durch den Kopf: Viruslast, Mutationen, Inzidenz ... Was dagegen hilft? Sich aufs Essen und die guten Gespräche mit den Freunden zu konzentrieren! Torsten Harmsen

Lob des Maskenspießers

Mir geht es gut. Ich trage Maske. Und das wird bis zu meiner vollständigen Impfung auch so bleiben. Schließlich leben wir immer noch in einer Pandemie: Mit den jetzt beginnenden Lockerungen und Öffnungen ist das Virus ja nicht verschwunden. Meine Vor- und Rücksicht haben mich bislang heil durch die Corona-Krise gebracht. Also werde ich mich jetzt doch nicht ins Nachtleben stürzen, ich werde nicht den Menschen auf den Liegewiesen oder in den Supermärkten auf die Pelle rücken.

Ich bin ein Maskenspießer. Ich glaube an wissenschaftliche Vernunft. Und nein: Die Demokratie war und ist nicht wegen des Lockdowns gefährdet, sondern weil den am stärksten durch das Virus betroffenen Menschen nicht geholfen wurde. Vor allem jenen nicht, die durch Corona arbeitslos wurden. Auch jenen nicht, die an vorderster Front gegen die Krankheit kämpfen. Und den Jungen und Kindern nicht. In dieser Hinsicht werden wir uns einiges verzeihen müssen. Christian Schlüter

Der unsichtbare Schutzschirm

Von Aerosolen wusste man bis zum vorigen Frühjahr ja weniger als man ahnte. Plötzlich waren sie überall, winzig klein und mit gefährlicher Fracht beladen. Eine Bedrohung, schlimmer noch als Islamismus oder Inflation. Ich war auch beunruhigt – bis ich feststellte, dass die Aerosole auch ein unsichtbarer Schutzschirm waren. Vor allem bei der beinah letzten Freizeitaktivität, die uns Corona ließ – beim Einkaufen.

Vorm Keksregal, wo die Profieinkäufer um Zauderer wie mich früher einfach rumgriffen („Darf ich mal an die Himbeer-Cookies!?“), konnte ich nun in aller Ruhe prüfen und wägen. Vor der Kasse, wo Kurzsichtige und Drängler mir ihren Wagen in Hacken und Gesäß rammten, warteten sie nun in respektvoller Distanz.

Dass dieser Respekt niemals mir galt, sondern stets dem Virus, das war mir immer bewusst. Vielleicht überlebt ja trotzdem etwas von der Höflichkeit, zu der uns Corona gezwungen hat. Die roten Abstandsmarkierungen vor den Kassen sind vielleicht die größte Errungenschaft dieser Pandemie. Frederik Bombosch

Wir hätten auch selbst darauf kommen können

Mein Verhältnis zum Virus namens Sars-Cov-2 ist zugegebenermaßen nicht ganz eindeutig. Natürlich hat es viel Unheil angerichtet, aber ein wenig mag ich es auch. Denn es hat die bis dahin für unabdingbar gehaltene Präsenzpflicht im Büro auf wundersame Weise aufgehoben und brutal Helikopterchefs ausgebremst. Dank Homeoffice musste ich mich plötzlich nicht mehr mit dem Auto durch die Stadt quälen.

Morgens brauchte ich etwa eine Stunde bis in die Redaktion. Dazu permanenter Zeitdruck, weil wieder drei rote Ampeln und ein die Durchfahrt blockierendes „Räumschiff“ der BSR die Minuten bis zur ersten Ressortsitzung raubten. Corona hat gelehrt, dass es anders, nämlich viel entspannter und nicht schlechter gehen kann. Homeoffice ist ein Geschenk der Pandemie, das ich nicht mehr hergeben möchte. Das Ärgerliche dabei: Wir hätten selbst drauf kommen können – viel früher. Jochen Knoblach

Vergessen wir nicht die Kunst des Improvisierens

Endlich öffnet sich Berlin. Das ist auch gut so. Und doch: Es wäre zu schade, wenn nun das in Vergessenheit geriete, was wir uns angeeignet haben – die Kunst des Improvisierens nämlich. Erinnern Sie sich noch, wie so manche aus Stoffresten Masken nähten, weil es diese nicht in den Läden gab? Einige häkelten sich sogar welche, obwohl eine Maske mit Löchern keinen Sinn macht.

Wir griffen zur Schere, besorgten uns Haarschneider, um uns die Haare selber zu schneiden, weil die Friseure nicht öffnen durften. Man war überrascht, wie viele Talente in einem doch so schlummern. Bei mir war es das abendliche Brotbacken. Was sollte man auch machen, wenn man nicht ins Theater konnte? Also: Bewahren wir uns auch künftig die Eigenschaft, neue Dinge in uns selbst zu entdecken, das Unmögliche möglich zu machen. Norbert Koch-Klaucke

Auf den letzten Metern nichts riskieren

Biergarten, Freibad oder Konzert kommen für mich wegen unkontrollierbarer Kontakte und Nähe-Angst noch nicht in Frage. Ich warte noch einige Wochen ab, dann bin ich geimpft und auf der sicheren Seite. Die Pandemie-Zeit habe ich bisher gut überstanden, jetzt will ich auf den letzten Metern nichts riskieren. Durch den langen Entzug bin ich komplett jenseits des Begehrens, kann noch länger verzichten. Den Endspurt werde ich dazu nutzen zu überlegen, was sich für mich danach ändert. In der S-Bahn Maske tragen? Warum nicht! Biergarten, Freibad, Kaufhaus, Konzert: Kommt alles wieder nach und nach. Das Leben wird sich wieder normal einpendeln. In einigen Jahren lächeln wir, wenn wir uns erinnern. Susanne Dübber

Nur keinen Freizeitstress

Ein kluger Beobachter hat die ruhige Corona-Zeit mit den Weihnachtstagen verglichen. Die Menschen wussten, wo sie hingehören. Nach Hause. Sie hatten keine Angst, etwas zu verpassen, weil die Familie und die Freunde auch dort waren, wo sie sich sicher fühlen konnten. Zu Hause. Dieses Gefühl der Geborgenheit geht ab jetzt wieder verloren. Ich brauche das nicht, dass mir jemand ein schlechtes Gewissen macht, weil ich den neuesten Blockbuster nicht gesehen oder die Mega-Ausstellung und die Wahnsinnsaufführung im Theater verpasst habe. Das macht Stress, ist Reizüberflutung. Ich fange schon jetzt an, die unbeschwerten Spaziergänge in der Abendsonne mit einem Freund oder meiner Freundin zu vermissen. Jörg Hunke

Die Angst vor der Gästeliste

Vor zwei Tagen hörte ich es im Radio: Bei Privatfeiern seien von nun an 30 Gäste im Innen- und 70 im Außenbereich zugelassen.

Hast du gehört, fragte ich meinen Mann? 70 Gäste im Außenbereich!

Am Wochenende zuvor hatten wir mit unseren Gartennachbarn, die aus dem Catering-Business kommen, ein Sommerfest geplant und gerätselt, wie viele Gäste wir einladen dürfen. 20 fanden wir bereits viel, 30 das Maximum. Dabei hatten wir früher locker Partys mit 50 Gästen geschmissen, völlig ohne Hilfe der Catering-Nachbarn. Und nun 70!

Es war nur eine Zahl, eine Möglichkeit. Aber ich habe mich, das merkte ich in diesem Moment, in der Corona-Zeit so an Auflagen gewöhnt, die mein Freizeitverhalten bestimmen, dass jede Möglichkeit ein Muss ist. Vor allem, wenn sie so unerwartet kommt. Meinem Mann ging es ähnlich. Wir standen vor dem Radio und sahen uns entsetzt an – zwei diktaturgeschädigte Ostdeutsche zum Ende der dritten Welle. Herr Wanderwitz hatte doch recht. Seitdem arbeiten wir an der Gästeliste, ergänzen, streichen - und hoffen, dass es regnet. Anja Reich

Langeweile - welche Langeweile?

Wenn andere Menschen von Langeweile erzählen, kann ich nur müde lächeln. Das Pandemie-Jahr war für mich ein Jahr der extremen Beschleunigung. Binnen zwölf Monaten habe ich einen neuen Job angetreten, gleich zwei Ressorts übernommen, bin zweimal umgezogen, habe die Stadt gewechselt und auch sonst gut zu tun gehabt: Mein Vater hatte einen Schlaganfall, ich musste zwei Monate zwischen drei Bundesländern pendeln, um ihm in Kliniken beizustehen sowie mich um Haus und Grund zu kümmern, da ich die einzige weitere Überlebende der Familie bin. Und dann gibt es da noch diesen fiesen Kriminalfall, dazu später mal mehr.

Wenn Mitmenschen also berichten, dass sie vor lauter Verzweiflung anfingen, zu stricken oder gar zu backen, kann ich anbieten, dass ich drei Keller auszuräumen hätte, zwei Wohnungen zu streichen sowie ein Haus zu entmüllen. Möchte wer? Ach ja, Covid-19 hatte ich auch schon, aber bereits im März 2020, ich scheine seitdem immun zu sein, weshalb ich mich mit Maske längst wieder ins Getümmel stürze – in München geht das Gott sei Dank schon seit Wochen. Ein kräftiges Prosit allerseits! Ruth Schneeberger