Die BVG - größtes kommunales Verkehrsunternehmen in Deutschland.
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BerlinEva Kreienkamp hat ein Prinzip. „Ich habe stets geschaut: Was hat das Leben im Angebot?“, sagte sie in einem Interview. Und in einem anderen Gespräch verriet sie: „Ich kann gut mit Unsicherheit und persönlichem Risiko umgehen.“ Das passt zu dem Chefposten, den Kreienkamp Anfang Oktober antreten will. Am Mittwoch gaben die obersten Gremien der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wie berichtet grünes Licht dafür, dass sie Vorstandsvorsitzende des Landesunternehmens wird.  Auf die 57-jährige Mathematikerin, die seit viereinhalb Jahren die Mainzer Verkehrsgesellschaft leitet, warten in der Hauptstadt große Herausforderungen.

Intern gebe es für die neue Chefin einiges zu tun, sagt Christian Böttger. Der Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin befasst sich seit vielen Jahren mit der Ökonomie des Verkehrs. „Was Organisation und operative Strukturen anbelangt, gibt es bei der BVG erhebliche Defizite“, analysiert der Wirtschaftswissenschaftler. Die Verfügbarkeit des zum Teil überalterten Wagenparks sei schlecht, viele U-Bahn-Wagen und Doppeldeckerbusse seien nicht einsetzbar. Was den Betrieb anbelangt, gebe es viel Handlungsbedarf – wobei Böttger unklar ist, ob die neue Chefin dafür ausreichend Expertise mitbringt.

Kreienkamps Vorgängerin Sigrid Nikutta, die Anfang des Jahres zum Güterbahnunternehmen DB Cargo gewechselt ist, habe ein „schwieriges Erbe“ hinterlassen. Zu diesem Fazit kommt Jens Wieseke, Sprecher des Fahrgastverbands IGEB. Ob Strecken, Bahnhöfe oder Teile der Fahrzeugflotte: „Die BVG ist ein betriebssicherer Sanierungsfall.“ Statt sich mit voller Kraft um das Kerngeschäft zu kümmern, habe das Unternehmen die Marketingabteilung, in deren Verantwortung Fahrgastkritik mit frechen Twittersprüchen beantwortet wird, auf mehrere hundert Stellen vergrößert. Mit Elan wird die Umstellung auf Elektrobusse vorangetrieben, die derzeit noch teuer und wenig leistungsfähig sind. „Das ist Luxus, den wir uns schon vor der Krise kaum leisten konnten“, schätzt Wieseke ein.

Eva Kreienkamp, ab Oktober 2020 Vorstandsvorsitzende der BVG. Derzeit ist sie noch Geschäftsführerin der Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG).
BVG

Doch auch das Umfeld, in dem die BVG agiert, sei schwierig, gab Böttger zu bedenken. 

Beim Fahrgastverband IGEB ärgert man sich unter anderem über die jüngst markierten temporären Radfahrstreifen in der Kantstraße in Charlottenburg. Sie engen nicht nur den Platz für Autos, sondern auch für Busse ein. Öffentlicher und Individualverkehr müssten sich seit einigen Tagen nun jeweils einen Fahrstreifen pro Richtung teilen. Bedenken innerhalb der Verkehrsverwaltung wurden weggewischt, die BVG wäre nicht angehört worden, hieß es. Der Verband erwägt, gegen die straßenverkehrsrechtliche Anordnung Widerspruch einzulegen. Bei manchen Themen steuere die Politik die BVG in die falsche Richtung, ergänzte Wieseke. Politische Geschenke wie die Einführung kostenloser Schülertickets hätten die Finanzlage verschlechtert. „Das wird in der Wirtschaftskrise, die uns bevorsteht, massiv zum Tragen kommen.“

Wie berichtet rechnet die BVG damit, dass das Defizit in diesem Jahr auf 160 bis 180 Millionen Euro steigt. Die Zahl der Fahrgäste in der Coronakrise ist um rund drei Viertel gesunken. Internen Prognosen zufolge könnte es zweieinhalb Jahre dauern, bis die BVG wieder die früheren Nutzerzahlen und Fahrgelderträge erreichen. „In meinem Bekanntenkreis steigen manche wieder aufs Auto um“, berichtet der SPD-Verkehrspolitiker Tino Schopf. Auch darauf werde die neue BVG-Chefin reagieren müssen.

Kreienkamps Vorgängerin Nikutta, mit der im Oktober 2010 erstmals eine Frau den BVG-Chefsessel einnahm, hatte im vergangenen November ihren Wechsel zu DB Cargo bestätigt. Im Jahr davor hatte sie laut Geschäftsbericht ein Gehalt von 362 500 Euro bezogen. Zusammen mit weiteren Posten summierte sich die Zahlung an Nikutta auf 541 000 Euro. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, die den Aufsichtsrat des Landesunternehmens leitet, wünschte sich von Anfang an wieder eine Frau an der Spitze der BVG. "Angesichts der Vielzahl von männlichen Besetzungen werden wir auch hier versuchen, wieder eine starke und erfahrene Frau zu gewinnen", so die Grünen-Politikerin. Dem Vernehmen nach hat unter anderem Susanne Henckel, Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), Interessen an dem Vorstandsposten gezeigt. In der Endrunde stand rund ein halbes Dutzend Namen auf der Liste.