Berlin -  Der Schock war groß: Die Autotür stand offen. Ganz weit und schon ganz lange. Gut sichtbar für alle, die es sehen wollten. Das ist mehr als eine Einladung. Nicht nur für professionelle Autodiebe, auch für jugendliche Angeber, von denen es heißt, dass manche sich gern mal ein Auto nehmen, um einfach nur eine Weile damit herumzufahren und es dann wieder irgendwo abzustellen, wenn es langweilig wird.

Das sind Geschichten, die so erzählt werden. Fachleute sagen: Wenn du irgendwo in der Fremde unterwegs bist und dein Auto am Nummernschild gut als Tourist erkennbar ist, dann stelle das Auto nicht in irgendwelchen düsteren Ecken ab, nur um die Parkgebühr zu sparen. Suche dir einen Ort, an dem auch der frechste Dieb nie auf die Idee käme, das Auto zu knacken.

Wir waren Touristen, nun, da es wieder erlaubt ist, sind wir endlich mal wieder mit Freunden in eine Ferienwohnung im Brandenburgischen gefahren. Wir hatten alles richtig gemacht. Wir standen am größten Platz der schönen kleinen Stadt Neuruppin, hatten unser Auto gut platziert. Für alle gut sichtbar.

Als wir zwei Stunden und einen kleinen sommerlich anmutenden Wolkenbruch später zurückkamen, stand die Beifahrertür sperrangelweit offen. Der Schock war groß, aber noch größer war die Freude, dass das Auto noch da war. Es hatte ordentlich reingeregnet ins Auto, aber wie hätten wir uns darüber ärgern können, wenn wir uns so sehr freuten, dass unser Fahrzeug noch da war.

Alles war also fein, aber dieser Fall zeigt mal wieder, wie sehr sich doch das Gehirn zu langweilen scheint. Das Gehirn sagte nicht etwa nur: „Toll, dass das Auto noch da ist. Schön, dass die Leute in Neuruppin so ehrlich sind. Zumindest in den vergangenen zwei Stunden.“ Nein, das Gehirn – gut trainiert von Hunderten Fernsehkrimis – malte sich nun etwas anderes aus. Und da ging es um die Frage: Was hätte alles passieren können?

Natürlich sagt dies auch einiges über uns und unsere Gesellschaft aus: Alle, denen wir davon erzählt haben, machten staunende Gesichter, alle rechnen offenbar immer mit dem Schlimmsten. Damit, dass ein offen stehendes Auto gestohlen wird.

Aber vielleicht ist die Gesellschaft ganz anders: Vielleicht lassen wir viel öfter mal eine Autotür offen, aber ständig kommen ehrliche Mitbürger vorbei, staunen kurz und machen die Tür zu. So mache ich es ja auch, wenn ich in unserem Haus an einer Tür einen vergessenen Schlüssel hängen sehe oder wenn eine Tür offen steht: Dann klopfe ich, dann klingele ich, dann rufe ich in den Flur und schaue nach, ob jemand vergessen hat, die Tür zu schließen.

Bei unserem Auto hatte niemand die Tür geschlossen. Vielleicht haben die Leute gedacht: Die steht so weit offen, da belädt gerade jemand sein Auto und kommt gleich wieder.