Die Ottawa Bucket List: Biberschwanz und Eislaufen auf dem Rideau-Kanal

Im Winter verwandelt sich die kanadische Hauptstadt in die weltlängste Eislaufbahn. Unsere Autorin meint, dass es sich lohnt, früh aufzustehen, um sie zu genießen.

Der Rideau Canal erstreckt sich im Winter als Eislaufbahn durch ganz Ottawa.
Der Rideau Canal erstreckt sich im Winter als Eislaufbahn durch ganz Ottawa.imago

Als mich meine holländische Familie vor ein paar Jahren in Ottawa besuchte, waren sie sich vor allem darin einig, dass die Stadt „ein bisschen steif“ sei.

Ottawa ist hübsch und umgeben von wunderschönen Wanderwegen und Flüssen, trotzdem fanden mein Onkel und meine Tante die Atmosphäre in der Stadt zu streng. Außer am Wochenende gibt es hier am späteren Abend kaum noch ein offenes Restaurant oder eine Bar, in die man einkehren kann.

Wenn Sie Ihren Sommerurlaub in Kanada verbringen wollten, würde ich Ihnen Ottawa nicht empfehlen. Eher schon wären Montreal, Toronto, die Rocky Mountains und das pittoreske St. John’s (nicht zu verwechseln mit Saint Johns) auf der Liste. Aber einmal im Jahr ist Ottawa tatsächlich etwas Besonderes.

Auf Schlittschuhen zum Supermarkt

Für ein paar Wochen im Januar und Februar wird die Stadt zu einem Eislaufmekka. Einheimische und Touristen trotzen den zweistelligen Minusgraden und vergnügen sich auf dem 15 Kilometer langen Rundeislaufkurs auf dem Rideau-Kanal. Hier wird natürlich nicht in kleinen Kreisen gefahren. Stattdessen kann man ganze Stadtviertel und Parks auf dem Eis durchqueren.

Die in den frühen 1800er-Jahren gebaute Wasserstraße erstreckt sich über 200 Kilometer von Kingston nach Ottawa. Der Eislaufkurs führt allerdings nur durch das Stadtzentrum von Ottawa. Solange es kalt genug ist, ist er 24 Stunden am Tag zugänglich.

Manche nutzen ihn, um Einkäufe zu erledigen oder auf Schlittschuhen zur Arbeit zu fahren, andere zum Sightseeing oder als Ausrede, sich eine heiße Schokolade und einen Beaver Tail zu gönnen – ein süßes Gebäck benannt nach dem Biber, einem der Nationalsymbole Kanadas und auch dem größten einheimischen Nagetier.

Das mit dem Nagetier (und auch dem Trip in die Eiseskälte) klingt vielleicht nicht so verlockend, aber Eislaufen auf dem Rideau-Kanal ist wirklich etwas Besonderes und gehört auf jeden Fall auf Ihre Bucket List.

Bis 2008 beanspruchte Ottawa für den Kanal den Titel der längsten Eislaufbahn der Welt. Mittlerweile gibt es zwar in Westkanada längere Bahnen, aber die Stadt kann immer noch für sich beanspruchen, dass es hier die größte, weil breiteste Bahn der Welt gibt.

Die subtile Kunst des Einfrierens

Damit der Kanal zum Eislaufen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann, muss das Eis mindestens 30 Zentimeter dick sein. Weil man in Ottawa dabei nur auf Mutter Natur vertraut, muss es ungefähr zwei Wochen durchgehend sehr kalt sein – mindestens minus 10 Grad Celsius. Natürlich kann es im tiefsten Winter in Kanada noch viel kälter werden, im vergangenen Januar zum Beispiel bis minus 27 Grad.

Die Eisbahn wird fast jeden Abend gereinigt und geflutet. Erst fahren Schneepflüge, Schneefräsen und Traktoren mit riesigen rotierenden Besen über das Eis. Dann flutet ein aufgemotzter Zamboni mit Verlängerungsarmen, die wie riesige Scheibenwischer aussehen, das Eis mit frischem Wasser, das bei den Minusgraden schnell gefriert. Die Crews fangen vor Mitternacht an zu arbeiten und machen das Eis wieder frisch, während alle anderen schlafen. Die beste Zeit zum Eislaufen ist also zum Sonnenaufgang, ungefähr um 7 Uhr in der Früh.

Den Körper warm zu halten ist wichtiger als guter Style

Ich bin absolut keine Frühaufsteherin, aber ich kann Ihnen sagen: Das frühe Aufstehen ist es wert. Hat man erst einmal seine Schlittschuhe mit vor Kälte tauben Fingern zugeschnürt, dann darf man die größte Eislaufbahn der Welt betreten, die man zu dieser Uhrzeit noch fast für sich allein hat, und kann nach Süden in den Sonnaufgang gleiten.

Wenn Sie sich wegen der Kälte sorgen, dürfen Sie eines nicht vergessen: Im Winter interessiert sich in Kanadas Hauptstadt niemand für guten Style. Von Dezember bis März sind lange Daunenparkas das wichtigste Kleidungsstück – jeder normale Mensch sieht also aus wie ein Schlafsack. Wenn Sie sich von oben bis unten dick einpacken, sind Sie also in guter Gesellschaft. Sie sollten mehrere Lagen Wolle und Daunen tragen und ein Ende Ihres Schals um Ihr Gesicht wickeln.

Natürlich kann man zu jeder möglichen Uhrzeit auf dem Kanal fahren. Der Nachteil ist, dass der Kanal in der Hauptverkehrszeit mit Touristen und Einheimischen überfüllt sein kann, aber dafür haben dann alle Biberschwanzstände geöffnet.


Aus dem kanadischen Englisch von Maria Seidl.