Berlin - Claus Behrend sieht seine 270 Milchkühe nur noch ab und an. Er wohnt seit dem 26. Januar nicht im beschaulichen Wulfersdorf bei Wittstock, sondern mit Ausnahme weniger Tage in einem Campingwagen – „mein Büromobil“ – an der Karl-Marx-Allee knapp vor dem Alexanderplatz. Der 72-jährige Landwirt zählt zu dem gegenwärtig noch einem Dutzend Kollegen, das in Berlin gegen die deutsche Agrarpolitik demonstriert

Aufgereiht stehen Trecker, Pick-ups, ein Unimog und ein paar Pkw auf dem Parkstreifen am Haus der Statistik, brechen täglich zu ihrer Protestrunde unter anderem zum Landwirtschafts- und zum Umweltministerium auf („Die kommen da nicht mal raus“), begleitet von einer einem Staatsbesuch würdigen Motorrad- und Funkwagen-Kavalkade der Polizei.

Behrend, in der Hamburger Gegend gebürtig und seit 1992 in Ostdeutschland Bauer, ist einer der Wortführer der Landwirte, die Berlin zeitweise mit endlosen Traktoren-Korsos verlangsamt hatten, mittendrin Behrends Kombi mit einer Plastikkuh auf dem Dach. 

Der Landwirt, dessen Frau, Sohn und Mitarbeiter jetzt ohne ihn wirtschaften, formuliert, was die Bauern umtreibt: Missachtung durch die Politik, ungerechtfertigte Schuldzuweisungen in Umweltfragen, Aktivismus ohne wissenschaftliche Grundlage, schlechtes Image in der Öffentlichkeit.

„Wir werden für den Einsatz von Insektiziden angegriffen, die wir weder entwickelt noch genehmigt haben“, sagt der gelernte Tischlermeister, während er im mit Bett, Dusche und Gasherd ausgestatteten „Büromobil“ Milch in seinen Kaffee rührt. „Die Mittel sind auch teuer, keiner spritzt mehr als unbedingt nötig“, fügt er hinzu und kritisiert das geplante Insektenschutzgesetz, das vor der Verabschiedung steht und Hauptkritikpunkt der Bauern ist.

Es sei fachfremd, sagt er: „Nach drei Jahren soll seine Wirkung überprüft werden, es gibt aber keine wissenschaftliche Grundlage, warum Insekten seltener werden, und es fehlen Grunddaten. Mit was will man dann vergleichen, wer legt in drei Jahren fest, ob das Gesetz erfolgreich war?“ Die Scheinwerfer seines Traktors jedenfalls würden nachts auf dem Feld umschwärmt.

Das Gesetz werde zusätzlich die Ergebnisse einer mühsam bewerkstelligten Kooperation zwischen Landwirten, Naturschützern und Politik zunichte machen, wie sie in Niedersachsen praktiziert werde, sagt der Bauer. Er verweist darauf, dass immer weniger Pflanzenschutz- und Düngemittel ausgebracht, dafür unter anderem Blühstreifen angelegt würden.

Das werde nicht zur Kenntnis genommen, überhaupt habe er den Eindruck, die Politik hätte sich zum Ziel gesetzt, die Landwirtschaft in Deutschland verschwinden zu lassen, weil man ja genug Nahrungsmittel aus dem Ausland bekäme. „Wir produzieren in Deutschland Lebensmittel mit den höchsten Standards“, sagt Behrend. Er zweifelt sehr daran, dass aus dem Ausland jenseits der EU ähnlich Gutes komme: „Es werden dort zum Beispiel Spritzmittel eingesetzt, die bei uns seit Jahren verboten sind. Wollen wir das?“

Enteignung für Insektenschutz?

Und natürlich geht es auch ums Geld. Für sein Land, auf dem er unter anderem Mais und Getreide anbaut, hat Behrend es noch nicht ausgerechnet, ein Kollege aber werde 67 Hektar verlieren, wenn er laut Gesetz am Rand seiner Flächen zehn Meter unbeackert lassen soll: „Das ist Enteignung.“ Zum Vergleich: Ein Fußballfeld misst etwa einen guten Hektar.

Foto: Volkmar Otto
Landwirt Benedikt Bühlsbusch ist aus dem Münsterland nach Berlin gekommen.  

Derlei Maßnahmen verkleinerten die finanzielle Basis der Bauern weiter. Behrend ist Eigentümer von 250 Hektar Land, hat weitere 210 Hektar gepachtet und rechnet vor: „Ein Hektar kostet heutzutage 15.000 bis 20.000 Euro. Zusammen mit Stallungen und Vieh komme ich auf sechs bis  sieben Millionen Euro eingesetztes Kapital, und vor Steuern erziele ich am Ende nur 140.000 bis 170.000 Euro pro Jahr, inklusive 100.000 Euro EU-Agrarzuschüsse.“

Dafür müssten sich die Bauern in der Öffentlichkeit anhören, sie führen mit tollen Traktoren herum, die – so die Faustregel – 1000 Euro pro PS kosten. Behrend zeigt auf einen grünen John-Deere-Trecker: „Der hat 155 PS. Und glauben Sie nicht, dass einer von denen nicht von der Bank finanziert ist.“ 

Es gebe in Berlin aber auch viel Solidarität, etliche Menschen versorgten die demonstrierenden Bauern, berichtet Behrend: „Kürzlich gab es Schweinebraten mit Kartoffeln und Rotkohl, danach Schokoladenpudding mit Vanillesoße.“ Ein Österreicher habe, als die Demonstrationen begannen und noch viele Bauern in b sie noch viele waren, 250 Pizzen liefern lassen – mit der Adresse Karl-Marx-Allee, Feuertonne 1.  

Die Mahnwache soll noch ein paar Wochen bleiben, sagt Behrend und hofft, dass die Bauernverbände, sie sich nicht immer einig sind, sich noch einmal zusammenschließen, um mit geballter Traktoren-Macht in Berlin aufzulaufen.