Die Raser warten in ihren hochmotorisierten Autos nicht etwa stundenlang am Straßenrand auf irgendein Rennen. Die Berliner Raser-Szene trifft sich auch nicht nur an roten Ampeln, sondern ganze Gruppen von ihnen treffen sich in speziellen Bars und Clubs. In Friedenau geriet nun ein solcher Szenetreff ins Visier der Ermittler. In der Nacht zum Sonntag kontrollieren Polizisten drei Lokale an der Rheinstraße. Die Polizei zieht also nicht mehr nur getunte Autos aus dem Verkehr, sondern blickt auch hinter die Kulissen der Tuning-Szene.

Um 22.30 Uhr überraschten etwa 40 Polizisten sowie Mitarbeiter des Ordnungsamtes die Gäste und Inhaber von zwei Shisha-Bars und einem Burgerladen überrascht. Anwohner sollen der Polizei den Tipp gegeben haben, denn es habe immer wieder Ruhestörungen gegeben. Bis 3 Uhr dauerte die Kontrolle von 20 Fahrzeugen und Dutzender Personen. „Zwei Mercedes und ein Audi wurden wegen Verdachts auf technische Mängel sichergestellt“, sagt ein Polizeisprecher. „Die Autos werden von Spezialisten technisch begutachtet. Gegen einen Mann wurde ein offener Haftbefehl vollstreckt.“ Da er später auf der Wache eine Geldstrafe zahlte, kam er frei.

„Gefahr für die Gesundheit“

Auch die Feuerwehr kam zum Einsatz. Sie hatte die Luft in den Shisha-Bars gemessen. Eine der Bars wurde daraufhin geschlossen, weil erhöhte Kohlenmonoxid-Werte festgestellt wurden. „Es bestand große Gefahr für die Gesundheit der Gäste und Mitarbeiter“, sagte der Polizeisprecher. Auch der Burgerladen wurde dicht gemacht – wegen „erheblicher hygienischer Mängel“. Der Einsatz dürfte sich schnell in der Szene herumsprechen. „Es ist ein Zeichen, dass es nicht mehr nur Schwerpunktkontrollen auf Straßen gibt“, sagte ein Ermittler.

Die Polizei hatte die Kontrollen getunter Autos in Berlin verschärft, nachdem im Februar 2016 bei einem illegalen Autorennen auf der Tauentzienstraße der unbeteiligte 69-jährige Michael W. starb. Der tödliche Raserunfall sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Der verstorbene Rentner war in seinem Geländewagen von der Nürnberger Straße vorschriftsmäßig bei Grün abgebogen, als ihn der 26-jährige Hamdi H. in seinem getunten Auto rammte. Der Tacho des Audi A6 stand auf Tempo 170. H. war zuvor mit dem 24-jährigen Mercedes-Fahrer Marvin N. um die Wette gefahren.

Bei den etwa 400 Polizeikontrollen im ersten Halbjahr 2016 wurden 4700 Pkw und 640 Motorräder überprüft. Dabei wurden 455 Mängel festgestellt. 46 illegale Autorennen wurden in der Zeit angezeigt.

Erstmals lebenslange Haft

Später gingen die beiden Raser vom Tauentzien auch in die Rechtsgeschichte ein. Sie wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Es war bundesweit das ersten Mal, dass Teilnehmer eines illegalen Autorennens wegen Mordes verurteilt wurden. Ihre Verteidiger legten Revision ein. Laut einem Sprecher des Berliner Landgerichtes könne der Bundesgerichtshof die Revision als unbegründet verwerfen oder das Urteil auf mögliche Rechtsfehler prüfen – Ergebnis offen.

Dieser Fall brachte rechtliche Verschärfungen ins Rollen. Seit etwa einem Monat sind illegale Autorennen keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern eine Straftat. Dies hatte der Bundestag am 29. Juni beschlossen. Das heißt: Für die Teilnahme oder den Versuch der Organisation eines illegalen Rennens gelten nun bis zu zwei Jahren Haft oder eine Geldstrafe. Bis zu fünf Jahre kann es geben, wenn Leib und Leben eines Menschen oder Dinge von bedeutendem Wert gefährdet werden. Wer bei einem illegalen Straßenrennen einen Menschen tötet oder einen Menschen schwer verletzt, soll bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe bekommen können.

In Berlin sind „Profilierungsfahrer“ und Raser fast immer Männer im Alter zwischen 18 und 25, die als wenig selbstbewusst gelten. Ein früherer Rennteilnehmer beschreibt die Rollenverteilung folgendermaßen verteilt: Deutsche tunen, Araber fahren. Der Überwachungsdruck der Polizei habe viel verändert, sagt er. Rennen seien heute fast nur noch spontan möglich.