BerlinWegen Corona gilt in Berlin, dass nur zehn Leute privat zusammenkommen dürfen. Was also tun, wenn man feststellt, dass sich beim Nachbarn deutlich mehr Personen treffen? Benjamin Jendro, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin, hat in diesen Fällen die Bevölkerung um Mithilfe gebeten. Der Nachbar solle dann bitte bei der Polizei gemeldet werden. Eine heftig diskutierte Aufforderung. Ein Pro und Contra von Jörg Hunke und Petra Kohse. 

Pro: Wer die Polizei ruft, zeigt Verantwortung

Jendro bittet die Bürger, das zu melden. Rechtlich ist es in diesem Fall nämlich so, dass die Polizei nur nach Hinweisen aus der Bevölkerung aktiv werden darf. Aus meiner Sicht hat das ganz viel mit Verantwortungsgefühl und Zivilcourage zu tun, nichts mit Denunziantentum. Oder käme jemand auf die Idee, wenn er einen Wohnungseinbruch beobachtet, nicht die Polizei zu verständigen?

Und so ähnlich ist es auch mit Partys und Feiern, an denen mehr als zehn Personen teilnehmen. In der aktuellen Berliner Infektionsschutzverordnung steht eindeutig, dass private Veranstaltungen und private Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen mit mehr als zehn zeitgleich Anwesenden verboten sind. Und warum ist das so? Genau: weil die Infektionszahlen in Berlin steigen, die Bürger der Stadt geschützt werden sollen, um lokale Hotspots zu vermeiden. Diese Regelung gilt auch nicht immer, sondern nur in diesen Zeiten mit bedrohlich hohen Infektionszahlen. 

Es geht also um Verantwortungsbewusstsein. Nur wenn wir die steigenden Infektionszahlen als Warnung verstehen, können wir eine Eskalation wie in einigen Nachbarländern verhindern. Das wird aber nur funktionieren, wenn sich jeder Bürger der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist.

Wenn aber eine Gruppe von mehr als zehn Personen zu einem privaten Fest zusammenkommt, dann ist da nichts mit Verantwortungsbewusstsein. So ein Treffen wird zu einem Risiko. So sehen das jedenfalls die Experten, also die Virologen.

Aber selbstverständlich sollte der Anruf bei der Polizei das letzte Mittel sein. Davor gibt es die Möglichkeit, mit Taktgefühl das direkte Gespräch mit den Nachbarn zu suchen, in freundlichem Ton vor den Gefahren zu warnen und auf die Rechtslage zu verweisen. Wenn die andere Seite sich allerdings uneinsichtig zeigen sollte, wäre die nächste Eskalationsstufe, einen möglichen Anruf bei der Polizei anzukündigen. Und wenn das immer noch nicht helfen sollte, dann wäre der Anruf die letzte Lösung.

Keine Frage, das ist alles nicht schön. Zu einem Haus und einer Wohnung gehört ganz sicher auch, dass darin so richtig gefeiert werden darf. Aber leider leben wir gerade in nicht so lustigen Zeiten. Jörg Hunke

Contra: Leben und leben lassen statt Blockwarttum

Ja, auch ich beachte die aktuellen Regeln zum Infektionsschutz, empfange selbst zur Zeit nur einzelne Personen und würde, falls ich Gewaltverbrechen beobachte, die Polizei rufen. Auf keinen Fall aber würde ich Nachbarn anzeigen, aus deren Fenstern Musik und die Geräusche vieler Gäste in den Hof dringen. Ich reiße ja auch niemandem die Zigarette aus dem Mund oder hindere im Restaurant die Leute an der Bestellung einer weiteren Flasche Wein, wenn auf ihrem Tisch ein Autoschlüssel liegt.    

Ich schreibe keine Kennzeichen auf, wenn jemand mit überhöhter Geschwindigkeit durch unsere Straße fährt, ich gucke still zu, wenn ich sehe, wie im Park kleine Päckchen von Hand zu Hand gehen. Wenn erwachsene Menschen Dinge tun, von denen sie wissen, dass sie ihnen schaden können, ist es nicht meine Aufgabe, sie auf einen anderen Weg zu zwingen. Dass dabei auch Dritte Schaden nehmen können, ist für mich kein Grund, Einzelne in ihrer Selbstbestimmung zu beschneiden. 

Denn: Werden beim Verkauf PS-starker Autos etwa Persönlichkeitstests der Kaufwilligen gemacht? Ist die gesundheitliche Unbedenklichkeit der 5G-Netze ausreichend belegt? Oder müssen sich auch nur angehende Lehrer auf ihre Empathiefähigkeit hin prüfen lassen? Nein. Stets sind in dieser Gesellschaft die Dinge so, wie sie dem jeweiligen wirtschaftlichen oder verwalterischen Hauptziel dienen, und der Umstand, dass jemand darunter leiden könnte, wird, sofern es keine Klage gibt, vernachlässigt.  

Nur weil das, was in so vielen Hinsichten sonst ein Nebenwiderspruch ist (die Gesundheit), mit dem Tunnelblick auf Corona-Infektionen jetzt zur Hauptsache erklärt wurde, die eine Reglementierung des Soziallebens erforderlich macht, werde ich das friedliche Miteinander von Leben und Lebenlassen, das ich für die einzige Sicherheitsgarantie im sozialen Gefüge halte, nicht zugunsten eines Blockwarttums aufgeben, von dem es auch ohne polizeiliche Ermutigung schon viel zu viel auf den Straßen und Hausfluren gibt.   

Wobei es wie bei jeder Entscheidung gilt, eine Risiko-Nutzen-Analyse vorzunehmen und Wahrscheinlichkeiten zu berücksichtigen. Was wird also passieren, wenn ich – nach freundlicher Ansprache und vorangegangener Drohung  – den Einsatztrupp zum Nachbarn schicke? Werden alle Gäste erschrocken aufmerken, sich ihre Masken aufsetzen und nach Hause gehen? Nein, sie werden sich bei nächster Gelegenheit wieder verabreden und bis dahin wütend und frustriert sein. Und das, da dürften wir uns einig sein, schwächt das Immunsystem in jedem Fall. Petra Kohse