Noch da, noch da, noch da … jetzt ist die Sonne weg. Fast jeden Abend kann man die letzten Sekunden des Tages so herunterzählen. Jeden Abend werden die Schatten länger, vor dem Ehrenmal in Treptow genauso, wie am Brandenburger Tor oder am Funkturm, wenn es sein muss. Wir haben die besten Orte Berlins zusammengestellt zum gemeinsamen oder einsamen Genuss eines Sonnenuntergangs. Und für alle Fans von langen deutschen Worten hier unsere Sonnenuntergangsortsempfehlungsliste:

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Beinahe zu beliebt: Der Mauerpark an einem warmen Abend.

Mauerpark: Perfekt zum Schlussmachen geeignet

Danke, nein. Das ist der Satz, den alle Besucher häufig sagen müssen, wenn sie den Mauerpark betreten. Heute nichts Illegales, danke, nein. Hinter diesen inoffiziellen Parkwächtern öffnet sich dafür eine Welt, die wie für Sonnenuntergänge gemacht ist. Die Sonne scheint nämlich im Sommer immer gerade so, dass sie am Ende eines langen Tages einmal nördlich vom Mauerpark entlangwandert, als möchte sie auch hier noch einmal den Leuten auf die Finger schauen.

Es gibt eigentlich zwei Mauerparks, den in der Woche und den am Wochenende. Am Wochenende trifft sich ganz Deutschland hier, Longboard-Fahrer auf Zwillings-Kinderwagen-Schieber, Rasta-Träger auf Eigenheimbesitzer. In der Woche ist es mehr der Park der Anwohner, sie kommen hier her, weil sie entweder keinen Balkon haben oder ihre Gruppe im Zuge der Verabredung zu groß für den Balkon geworden ist.

Am besten genießt man den Sonnenuntergang auf der schrägen Wiese an der Ostseite des Parks, unterhalb der Schaukeln. Dort im Gras wurden schon ungezählte Wohnungsschlüssel und Feuerzeuge verloren oder verliehen, Freundschaften geknüpft und Beziehungen beendet. Gerade für letzteres ist dieser Ort bestens geeignet. Das sanfte Orange der Sonne lässt selbst den oder die Ex in einem milden Licht erscheinen. Und: Es gibt für alles Zeugen. Allein wird man hier niemals sein.

Dass die Sonne untergegangen ist, merkt man spätestens daran, dass die Polizei eine Durchsage macht, damit die teuren, neuen und ausnehmend hässlichen Wohneinheiten im Norden des Parks in Ruhe ihre Netflix-Serie auf dem Balkon schauen können. Und: Auf dem Heimweg das „Nein, danke.“ nicht vergessen. Sören Kittel

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Wer etwas Zeit mitbringt und vielleicht einen Heiratsantrag vorhat, muss zum Teufelsberg. Bester Platz.

Teufelsberg: Da, wo die Seele ruht

Es wird ja leider oft sehr abschätzig vom Teufelsberg gesprochen: Er sei mit 120 Metern nur ein Witz von einem Berg. Und eigentlich auch nur ein Trümmerhaufen. Beides stimmt. Aber dennoch: Wo, bitte, kann man sonst so wunderbar auf diese Stadt schauen, während verliebte Paare knutschen und Kinder mit ihren Drachen spielen? Wo sonst kann man sich groß fühlen, während Berlin auf einmal klein wirkt? Es weht einem der Wind um die Nase hier oben. Und der Blick geht bis zum Horizont.

Besonders andächtig wird es, wenn der Tag sich dem Ende entgegenneigt und das helle Gelb der Sonne langsam dunkler wird. Da wendet man sich wie automatisch von der Stadtkulisse ab. Vom Funkturm, dem Messegelände, dem Hupen und Zetern. All das liegt dann im Rücken. Man schaut gen Westen, da wo die Sonne jetzt schon glutrot schimmert. Alles, was man noch sieht, ist links die alte Wetterstation, rechts das Corbusierhaus. Und Wald, nur Wald. Berlin, unsere tobende, brausende Stadt, sie ist plötzlich still. Der Wind trägt die Alltagssorgen davon, die strapazierte Seele ruht und der Blick kann segeln, na klar, dem Sonnenuntergang entgegen. Niklas Liebetrau


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Schwindelfrei? Dann ist der Fernsehturm ein guter, wenn auch teurer Ort für Sunset-Hopper.

Bar 203: Die höchste Schule des Cocktail-Schlürfens

Die Bar 203 hat wieder geöffnet. Nach eigenen Angaben ist sie „eine der beliebtesten Cocktailbars“ der Stadt. Ganz objektiv betrachtet ist sie auf jeden Fall die höchste, wie der Name schon sagt: Sie liegt 203 Meter über dem Alexanderplatz, im Fernsehturm. Mit einem Mixgetränk und Salzgebäck lässt sich der Sonne entspannt beim Untergang hinter dem ehemaligen Flughafen Tegel zusehen. Es sei denn, man gönnt sich zu viel vom flüssigen Stoff, denn der trübt auch bei bestem Wetter die Sicht.

Sunset-Hoppern sind Freitag, Sonnabend und Sonntag für einen Barbesuch zu empfehlen, denn dann hat der Fernsehturm eine halbe Stunde länger geöffnet, nämlich bis 23 Uhr. Zwar geht die Sonne bereits um 21.11 Uhr unter, aber Berlin mit seiner Nachtbeleuchtung ist ja auch eine Augenweide. Noch nicht dagewesen? Dann wird es – Achtung, Wortspiel – höchste Zeit. Neben den Drinks müssen Sie leider auch für den Blick bezahlen: vor 22 Jahren kostete der Eintritt 1 D-Mark, heute 24,50 Euro pro Person. Christian Schwager


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Nicht nur für Skater ein Traum: Das Tempelhofer Feld ist ein Sehnsuchtsort für alle Großstädter und Großstädterinnen.

Tempelhofer Feld: Große Freiheit

Es gibt eigentlich nichts, was auf dem Tempelhofer Feld nicht schön ist: Leichter Grasgeruch weht über das Gras, und wenn Balsen backt, riecht es nach Keksen. Das Auge hat Auslauf auf der großen Freifläche und irgendwie kommen alle miteinander aus zwischen Volkspark Hasenheide und der Ringbahn: Skater und Jogger, Radler und Spaziergänger, Kiffer und Sonnenbadende, Alt und Jung, Deutsche und Menschen von anderswo.

Das Highlight für alle ist der Sonnenuntergang, denn auf dem Tempelhofer Feld kann man ihn besonders intensiv genießen. Und besonders lang, denn keine Häuserzeile, keine Skyline schiebt sich zwischen den Betrachter und den dicken glutroten Ball, während man auf der Wiese liegt und sich der Tag in Berlin dem Ende nähert. Ein ebenbürtiger Kandidat zum Sonnenuntergang wäre hier wirklich nur der Sonnenaufgang. Das Feld öffnet aber in den Frühlings- und  Sommermonaten erst um sechs Uhr, da steht selbst in der Langschläferstadt Berlin die Sonne schon recht hoch am Himmel. Marcus Weingärtner


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Für Trainspotter und Großstadtromantiker: die Modersohnbrücke in Friedrichshain.

Modersohnbrücke: Bis die Sonne genug gesehen hat

Menschen, die auf vorbeifahrende Züge starren, nennt man „Trainspotter“. Menschen, die in eine untergehende Sonne blicken, gelten als Romantiker. Und Menschen, die bei der Betrachtung einer ollen S-Bahn vor einem pittoresken Gluthimmel zu Ohs und Ahs neigen, sind … – ja, was eigentlich?

Oftmals bierseelige Touristen, die auf Brücken hocken und einem besonderen Berlingefühl nachspüren. Einem Berlingefühl aus Späti, Party, Freiheit, das mit dem passenden Filter ins Netz gestellt die nächste Touristengeneration anlockt. Was war zuerst da: Die Motten oder das Licht?

In Berlin ist ja immer Brückentag. Und auf der einfeldrigen Stabbogenbrücke mit innen liegender Fahrbahn und außen liegenden Geh- und Radwegen alias Modersohnbrücke in Friedrichshain stehen, sitzen, quatschen und feiern auch viele Berliner ihren Abend. Der Blick folgt den Schienen nach Westen, wo der Fernsehturm wie ein erhobener Zeigerfinger in den Himmel pikst. Unten das eklektische Farbenspiel der Signalanlagen. Und dazwischen auf der Brücke, da hämmern die Bässe und ploppen die Kronkorken, bis die Sonne genug gesehen hat an diesem Tag. Paul Linke


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Von der Elsenbrücke aus sieht man gleich mehrere Berliner Wahrzeichen.

Elsenbrücke: Zwischen Köpfen und Türmen

Vom Club Else zum Club Ost und dem Salon zur Wilden Renate führt die Elsenbrücke. Oder wenn man sich nicht an Clubs orientiert oder orientieren will: vom Treptower Park zum Markgrafendamm. Gerade wird die Brücke noch umgebaut, die freien Spuren rücken hin und her, der Gehsteig auf der Westseite blieb bisher meist zugänglich.

Irgendwie hat die Brücke durch den Umbau etwas an Anziehungskraft verloren, da fragt man sich, ob es früher neben der Fahrbahn wirklich gemütlicher war. Doch besonders in den Abendstunden lehnen am Geländer manchmal immer noch Leute mit riesigen Kameras und blicken zur Oberbaumbrücke. Wenn die Sonne hinter ihren backsteinfarbenen Türmen versinkt, spiegelt die Spree die Farben des Abendhimmels etwas verwässert wieder, darauf schwebt der Molecule Man. Manchmal stimmt der Winkel, sodass die Sonne zwischen seinen drei Köpfen hindurchstrahlt. Der Fernsehturm im Hintergrund komplettiert die rosarote Großstadtromantik. Maria Häußler


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Ein rosa-roter Sonnenuntergang vom Hügel des Kreuzberger Viktoriaparks

Viktoriapark: Nie wieder alleine sein!

Willkommen im Herzen von Kreuzberg! Der Viktoriapark ist die grüne Oase im stets lauten Hauptstadtdschungel zwischen Yorckstraße, Mehringdamm und Platz der Luftbrücke. Der Wasserfall im Viktoriapark – für Berliner einer der beliebtesten Instagram-Hintergründe, nicht nur bei Sonnenuntergang.

Der Viktoriapark ist also keinesfalls der ruhige Geheimplatz für einen romantischen Spaziergang. Besonders belebt ist es auf dem Gipfel, beim Denkmal für die Befreiungskriege gegen Napoleon. Auf dem höchsten innerstädtischen Stadthügel sitzen Arbeits- und Studikollegen mit Radler und/oder Joints in der Hand, hören Musik aus mitgebrachten Boxen, müssen deswegen noch lauter reden und essen nebenbei einen Döner von Mustafa. So riecht und klingt Kreuzberg 61.

Gerade wegen dieser Lage ist der Viktoriapark für viele Neu-Berliner ein großer Pluspunkt. Er ist zwar nicht so hoch wie der Teufelsberg, aber dafür besser erreichbar: mit S1 und S2 oder U6 und U7. Nicolas Butylin