Ein Prototyp unterwegs auf Testfahrt in Schottland - dort herrscht LInksverkehr.
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BerlinDas Emblem mit dem Berliner Wappen prangt schon auf der Seite der beiden Busse. Und auch die Lackierung ist bereits wie bestellt: Die neuen Doppeldecker tragen das leuchtende Verkehrsgelb zur Schau, das seit einem Vierteljahrhundert die offizielle Farbe der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ist. Im heimatlichen Schottland haben die Fahrzeuge bereits diverse Probefahrten hinter sich. Doch nicht mehr lange, dann werden die ersten Exemplare der neuen Doppelstockbus-Generation in Berlin unterwegs sein – und dann auch Fahrgäste befördern. „Am 21. Oktober sollen sie bei einem Pressetermin auf dem Betriebshof Müllerstraße vorgestellt werden“, sagte ein Insider der Berliner Zeitung. Einen Spitznamen haben sie schon: die Schotten. Berichten zufolge könnten die Serienfahrzeuge allerdings aus der Türkei kommen.

Enviro 500: So heißt das Busmodell, von dem die BVG zunächst 200 Exemplare bei Alexander Dennis (ADL) in Schottland bestellt hat. Inzwischen hat das Unternehmen, das sich als Weltmarktführer bei Doppelstockbussen bezeichnet, zwei Prototypen fertiggestellt. Dem Vernehmen nach sind sie bereits in Berlin eingetroffen.

Flotte ist stark geschrumpft - zu hoher Spritverbrauch

Die Dreiachser sind 13,8 Meter lang. Drei Türen dienen dem Fahrgastwechsel, zwei Treppen führen zum Oberdeck. Der Enviro, den die BVG vor fünf Jahren im Spandauer Netz getestet hatte, verfügte nur über einen Aufgang. In anderen Ländern kommen die Fahrgäste damit zurecht. Dagegen könnte es in Berlin beim Gegenverkehr Stau und Streit geben, hieß es. Deshalb orderte das Landesunternehmen lieber Doppeldecker mit zwei Treppen. Laut Hersteller kann ein Bus etwas mehr als 120 Fahrgäste befördern, davon 80 im Sitzen. Das entspricht ungefähr der Kapazität der jetzigen Doppeldecker, so die BVG.

Noch in Schottland, vor der Lieferung  nach Berlin: ein Prototyp der neuen Bus-Generation. Die Bügel am Oberdeck sind Astabweiser.
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Ursprünglich sollten die beiden Vorserienfahrzeuge, die von Euro-6d-Dieselmotoren angetrieben werden, Mitte dieses Jahres nach Berlin kommen. Doch die Lieferung verzögerte sich – wozu dem Vernehmen nach die Corona-Krise beigetragen hat. Zunächst war die Linie M19, die zwischen Grunewald und Kreuzberg den Westen Berlins durchquert, als Einsatzgebiet im Gespräch. Am Montag hieß es dagegen, dass die beiden Prototypen voraussichtlich ab Ende nächster Woche auf der Linie X34 verkehren werden. Die Strecke, eine der längsten Buslinien der BVG, verbindet den Spandauer Ortsteil Kladow mit dem Bahnhof Zoo. Auch entlang dieser Route warten auf die Bus-Fans reizvolle Fotogelegenheiten – zum Beispiel auf der schnurgeraden Heerstraße oder in der City West. Allerdings gilt die Linie X34 als verspätungsanfällig.

Der Rahmenvertrag, den die BVG und ADL vor fast genau zwei Jahren geschlossen haben, umfasst bis zu 430 Fahrzeuge – ein Volumen von 220 Millionen Euro.  Aus Großbritannien kommen jedoch Nachrichten, wonach die heimischen Werke des britischen Marktführers und deren Belegschaft von dem Großauftrag womöglich nicht profitieren werden.

Bislang habe das Unternehmen nicht mitgeteilt, wo die Serienfahrzeuge entstehen, wird die Gewerkschaft Unite zitiert. Ihren Informationen zufolge sollen die ersten 28 Busse in Großbritannien gebaut werden, die übrigen in der Türkei – vom Fahrzeughersteller Karsan. Beobachter vermuten, dass die nach dem Brexit zu erwartenden Erschwernisse die Entscheidung begünstigt haben. Die Firma ADL, die der kanadischen New Flyers Industries Group gehört, will 650 Stellen in Großbritannien streichen.

Wie berichtet ist die Doppeldecker-Flotte der BVG, die zuletzt 416 Fahrzeuge umfasste, in den vergangenen Monaten deutlich geschrumpft. Im März gehörten nur noch 330 Doppelstockbusse zum Bestand, davon waren 130 nicht einsetzbar. Immer wieder gibt es Berichte, wonach die BVG die jetzigen Fahrzeuge des Typs MAN A39 nicht mehr lange betreiben will, unter anderem wegen ihres hohen Spritverbrauchs. Von mehr als 60 Liter Diesel pro 100 Kilometer ist die Rede. Auch sind viele der jetzigen Doppelstockbusse in die Jahre gekommen, weshalb sie ebenfalls abgestellt werden. Die Folge: Immer öfter müssen sich Fahrgäste in kleineren Busse drängen. (mit gl.)