Der Autor im Herbst 1968 mit seinem nagelneuen Schulranzen. Die Hand gehört seiner Lehrerin.
Foto: Harmsen

Wenn ich heute Kinder sehe, die zur Schule gehen, ergreift mich mitunter heftiges Mitgefühl. Winzige Grundschüler buckeln mit Ranzen einher, die so groß sind wie die Tornister der amerikanischen Astronauten auf dem Mond. Nur dass der Mond eine sechsfach geringere Anziehungskraft besitzt als die Erde. Und dann erst die Vielfalt heutiger Schulranzen! Es gibt sie in allen Formen und Farben – mit Bildchen von Feen, Einhörnern, Delfinen, Raumschiffen, Piraten und Dinosauriern. Gibt es da keinen Kurzschluss in den Synapsen, bevor man sich entscheiden kann?

In dieser Hinsicht hatte ich einst kein Problem. Meine Schulmappe besaß keine Bildchen. Sie bestand aus braunem Leder und besaß hinten zwei Riemen. Zugemacht wurde sie – klick, klack – mit zwei Schnappverschlüssen. Es war ein ganz einfaches Ding, mit dem ich nach meiner Einschulung 1968 jeden Morgen eine halbe Stunde zur Schule tippelte und am Nachmittag wieder zurück. Mittendrin musste ich eine große Straße überqueren. Meine Mutter machte sich täglich Sorgen, dass mir etwas passiert sein könnte. Denn ich kam nie pünktlich nach Hause.

Der Grund dafür war aber nicht die gefährliche Straße, sondern die dicke Antje, meine erste Banknachbarin. Sie war groß, kräftig, besaß runde Pausbacken. Ich dagegen war zart gebaut, hatte einen lustigen runden Jungenkopf mit kurzen Haaren und ein offenes Kindergesicht. Ich war also das ideale Opfer. Wenn ich mir nach der letzten Stunde die Schulmappe auf den Rücken schnallte und loswackelte, lief Antje mir hinterher und rief: „Warum rennste denn so? Wir können doch noch ein bisschen spielen.“

Von einem Spielgefährten hatte sie in etwa die Vorstellung einer Katze von einer Maus. Offenbar verfügte sie über viel überschüssige Energie. Sie schubste mich ein bisschen herum, drückte mich gegen den Feuermelder an der Ecke und sagte: „Spiel doch mit!“ Ich versuchte zu entkommen. Plötzlich packte sie von hinten meine Schulmappe und begann, mich damit hin und her zu zerren, ja richtig herumzuschleudern. „Hör auf, Antje! Hau ab!“, rief ich. Doch sie ließ nicht locker, packte erneut meine Mappe, drückte mich mit ihren kräftigen Armen auf die Knie. Irgendwann schaffte ich es, wegzulaufen. Heute weiß ich, dass Antje mir mit dieser Art des Spiels ihre Zuneigung zeigen wollte. Sie hatte nur noch nicht die richtige Methode gefunden. 

Als ich älter wurde, besaß mein Schulranzen auch einen Griff. An diesem konnte man noch viel besser durch die Gegend geschleudert werden. Doch das kam nicht mehr vor. Denn ich war ja größer. Und als Großer trug man jede Tasche lässig mit der Hand, niemals auf dem Rücken. Coole alte lederne Aktentaschen und Diplomatenkoffer waren „in“. Und Rucksäcke? So was gab es nur für die Wanderung, im Urlaub. Niemals in der Schule. Wer dennoch einen tragen musste, ließ ihn lässig über eine Schulter hängen. Das mache ich noch heute so. Wahrscheinlich wegen meines frühen Schleuder-Traumas.

Torsten Harmsen erzählt in loser Folge über den Wandel der Dinge im Leben.