Roland Böhm ist Chef des ORAT-Programms. Die Abkürzung bedeutet Operational Readiness and Airport Transfer. Der Probebetrieb am BER gehört dazu.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDafür, dass er jemand Besonderes ist, wirkt Roland Böhm ziemlich bescheiden. Während mehrere Hundert Freiwillige in den BER strömen, um sich ehrenamtlich als Tester zu betätigen, beantwortet der 44-Jährige freundlich Fragen. Muss ich zwei Koffer einchecken oder nur einen? Wo bekomme ich meine Bordkarte? Für Böhm ist das nichts Neues. Er hat schon einmal bei einer Generalprobe im künftigen Berliner Flughafen Regie geführt – 2012, bis die Eröffnung des BER dreieinhalb Wochen vorher überraschend abgesagt wurde. „Es gibt sicher keinen anderen Menschen, der im selben Flughafen zweimal einen Probebetrieb geleitet hat“, sagt Böhm. Und wendet sich wieder den Komparsen zu.

Kein Zweifel: Diesmal soll der neue Hauptstadt-Airport garantiert in Betrieb gehen. Am 31. Oktober, bekräftigt der gebürtige Rheinländer. „Der BER ist fertig. Wirklich. Im April haben wir die Baufreigabe bekommen.“ Kurz darauf begannen die aktuellen Praxistests. Zunächst kamen die Menschen, die auf dem Gelände arbeiten werden. „Insgesamt 10.500 Beschäftigte“, erklärt Flughafensprecherin Sabine Deckwerth. Für sie sind 48 Testtage vorgesehen. Seit dem 7. Juli nehmen auch Menschen, die beruflich nichts mit dem Luftverkehr zu tun haben, an der Generalprobe teil. „Rund 9000 Komparsen wurden ausgewählt“, so Deckwerth. Für sie sind 28 Probebetriebstage eingeplant, bis 15. Oktober.

An diesem Tag sind außer 633 Mitarbeitern 450 Komparsen zum BER gekommen. Menschen wie Katharina Winkler: „Ich kenne das Gebäude schon, weil ich an Führungen teilgenommen habe“, sagt die Berlinerin. „Jetzt finde ich es spannend, kurz vor der Eröffnung wieder hier zu sein. Und dabei mitzuhelfen, dass alles klappt.“ Für Flughafen-Mitarbeiter wie Roland Böhm, die jahrelang unter BER-Witzen und anderer Häme gelitten haben, ist das Balsam. Die hohen Kosten (sechs Milliarden Euro ohne Zinsen), die lange Projektdauer (der erste Spatenstich liegt 14 Jahre zurück) oder die vielen Pannen beim Bau spielen hier keine Rolle. Geduldig stehen die Komparsen an, um das Programm von heute, Wasser in Tetrapaks und Gutscheine für Sandwiches in Empfang zu nehmen.

„Ich freue mich, wie ernst sie ihre Aufgabe nehmen“, sagt Böhm, der bei der staatlichen Flughafengesellschaft FBB  als Leiter Infrastruktur und Systeme firmiert. „Manche bringen sogar eigene Taschen zum probeweisen Einchecken mit“ – obwohl die im Probebetrieb, der anders als der Echtbetrieb organisiert ist, zuweilen verloren gehen. „Auch aus dem Ausland kommen Tester. Das sehen wir daran, dass es bei Instagram englischsprachige Einträge zum Probebetrieb gibt.“

Das Interesse ist groß, obwohl den Komparsen einiges zugemutet wird. „Auch für heute haben wir Komplikationen eingeplant“, verrät der Ingenieur. So sollen am Nachmittag Röntgengeräte an der Gepäckkontrollausgabe ausfallen, was die Wartezeiten enorm verlängern wird. 50 andere Testteilnehmer wurden insgeheim auserwählt, ihre virtuellen Autos in den Parkhäusern wiederzufinden. Nicht zu vergessen der tägliche Bombenalarm: „Dass plötzlich herrenlose Gepäckstücke herumstehen, müssen wir nicht mehr planen. Das passiert sowieso.“ Wenn die Parole NZG lautet („nicht zuordenbarer Gegenstand“), dann muss reagiert werden. Ziel des Trainings ist: für den Fall, dass irgendetwas Irreguläres geschieht, gewappnet zu sein.

Das „Monster“ von Schönefeld

Unter dem „Fliegenden Teppich“, dem roten staubanfälligen Kunstwerk der kalifornischen Künstlerin Pae White, drängen sich die Flughafentester. Sie haben ihre Bordkarten nach Istanbul, Southampton oder Gainesville, Florida, in Empfang genommen. Einchecken mit Handy ist beim Probetrieb nicht möglich. Nun ziehen die Menschen durch die hohe Halle des Terminals 1. Für den Probebetrieb lagern rund 7000 Koffer und Taschen in Containern. „Einige stammen noch von 2012“, erklärt Flughafensprecherin Deckwerth. „Die meisten Koffer von damals mussten wir allerdings ausmustern, weil sie schon sehr gemüffelt haben.“

An diesem Tag hat das Logistikteam 4890 Gepäckstücke herbeigeschafft, jedes von ihnen ist mit einem aufgemalten X als Testgegenstand gekennzeichnet. Erneut wurde für Komplikationen gesorgt: Tausend Koffer wurden mit Salz gefüllt, weitere 500 mit Stahlteilen beschwert. 76 Mal wurde Groß- und Sperrgepäck verteilt – was bedeuten kann, dass ein Komparse eine voluminöse Tasche für einen Kontrabass durch den Flughafen schleppen muss.

Die Menschen, die den Flughafen BER testen, sind real. Aber die Flüge, die auf ihren Bordkarten genannt werden, gibt es nicht.
Foto: Imago Images/Stefan Zeitz

Roland Böhm beobachtet das Treiben von der Empore aus. „Das fühlt sich echt an“, sagt er. Wirklich sehr real. Beim ersten Probebetrieb 2012 sei das anders gewesen. „Damals sah die Umgebung, in der wir geprobt haben, noch ganz anders aus“, erzählt Böhm, der seit 2007 in Schönefeld arbeitet. Bauzäune versperrten vielerorts den Weg. „Alle Tester mussten Bauhelme tragen, einige Bereiche waren für sie tabu. Es waren Tests auf unsicherem Grund“, so der damalige Leiter. Auffällig war, wie viel nicht funktionierte. Der BER war noch eine Baustelle.

Am 8. Mai 2012 fiel das Lügengebäude, das um das Projekt gesponnen worden war, in sich zusammen. Die Flughafen-Manager Rainer Schwarz und Manfred Körtgen, flankiert vom damaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und dem Brandenburger Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (ebenfalls SPD), sagten die für den 3. Juni 2012 angekündigte Eröffnung ab. Waghalsige Ideen wie die, technischen Brandschutz vorerst durch 700 menschliche Brandwachen zu ersetzen, waren im Bauordnungsamt auf keine Gegenliebe gestoßen. Vielleicht öffnet der BER 2013?

Es dauerte deutlich länger. Acht Jahre vergingen. Zeitweise im Monatstakt tauchten immer ungeheuerlichere Meldungen auf. Über Lüfter an der Flughafendecke, deren Befestigung zu schwach war. Über Dübel, die keine Zulassung hatten. Über mangelhafte Sprinkleranlagen und das überkomplexe „Monster“, die Entrauchungsanlage 14. Nicht zu vergessen die 750 Bildschirme, die 2012 betriebsbereit waren, aber inzwischen entfernt werden mussten.

„Die Monitore hätten nach einiger Zeit ohnehin ausgetauscht werden müssen“, sagt Roland Böhm. Er wirkt genervt, spricht ungerne über die lange Pannenperiode. „Mein Team hatte schon gar keine Lust mehr, in den Pressespiegel zu schauen. Wir haben versucht, die Hiobsbotschaften auszublenden. Denn die Arbeit ging schließlich weiter.“ Nach und nach wurden die Anlagen in Betrieb genommen. „Seit einiger Zeit läuft das Projekt so, wie wir uns das vorgenommen haben.“ Doch obwohl die Eröffnung immer näher rückt, sei noch einiges zu tun, so der Probebetriebschef. Als Ergebnis der Tests werden Beschilderungen geändert. Handyladestationen und Wasserspender sind aufzustellen. Währenddessen stellt sich in Corona-Zeiten eine ganz neue Sinnfrage. „Nun geht der BER endlich in Betrieb, aber es gibt nur noch wenig Flugverkehr. Das ist schon tragisch.“

Landen am 31. Oktober tatsächlich erstmals Flugzeuge am BER? „Ich habe ein gutes Gefühl“, sagt Roland Böhm. Hat er schon einen Flug gebucht? „Das habe ich noch nicht geschafft.“ Urlaub werde er ohnehin erst Weihnachten nehmen. „Wir wollen sehen, ob nach der Eröffnung alles klappt.“ Dann wird sich zeigen, ob sich der Probebetrieb gelohnt hat. „Die spannendste Phase am BER kommt erst noch“, verspricht Böhm. Und beantwortet eine weitere Komparsenfrage.