Skateboard-Fahrer auf dem autofreien Abschnitt der Friedrichstraße. Sie nutzen den Radfahrstreifen in der Fahrbahnmitte.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinEs klang fast schon flehentlich. „Ich appelliere an Sie, die Friedrichstraße nicht schlechtzureden“, sagte Stephan von Dassel, Bezirksbürgermeister von Mitte. Die Straße sei nicht dem Untergang geweiht, so der Grünen-Politiker. „Geben Sie ihr eine Chance.“ Doch da hatten Anlieger bereits heftige Kritik geäußert. Dass die Einkaufsmeile vorübergehend autofrei geworden ist und provisorisch neu gestaltet wurde, geht ihnen gegen den Strich. Was dort passiert sei, wirke „konzeptlos und dilettantisch“, sagte Claudia Boelsen, Geschäftsleiterin beim Juwelier Bucherer. Anders als versprochen sei die Zahl der Einkaufsbummler nicht gestiegen, hieß es. Im Gegenteil, so ein Vertreter der Galeries Lafayette: „Die Frequenz ist um 25 bis 35 Prozent gesunken.“

Schauplatz der Debatte am Donnerstag war das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur, am autofreien Abschnitt gelegen. Während draußen Radfahrer vorbeizogen und Fußgänger spazierten, wurde drinnen auf Einladung der Wirtschaftsförderung Mitte eine Zwischenbilanz des Verkehrsversuchs gezogen. Seit dem 29. August ist der Abschnitt zwischen der Kronen- und der Französischen Straße gesperrt. Wo zuvor Kraftfahrzeuge unterwegs waren, stehen nun 65 Bäume in Kübeln, sechs Ruhezonen mit Sitzbänken und zehn Glashäuser, in denen Firmen ihre Angebote präsentieren können, auf dem Asphalt. Doch der größte Stein des Anstoßes ist und bleibt der Radfahrstreifen in der Mitte.

„Die Friedrichstraße ist keine Flaniermeile, sondern eine Fahrradstraße geworden“, sagte Claudia Boelsen. Viele Radfahrer nähmen keine Rücksicht, es werde gerast. „Fußgänger sind stark gefährdet.“ Immer wieder verirrten sich Autos und Motorräder auf den Radfahrstreifen. Der motorisierte Verkehr suche sich auch andere Wege. Das beträfe vor allem die benachbarte Charlottenstraße, klagte Anja Schröder vom Weingeschäft Planet Wein. „Bei uns staut sich von morgens bis abends der Verkehr. Wir sind zur Abstellkammer der Friedrichstraße geworden.“

Doch auch die Gestaltung der „Flaniermeile“ stößt auf Kritik. „Das, was wir dort sehen, ist eine konzeptlose Veranstaltung“, sagte Conrad Rausch vom Verein „Die Mitte“. Das Mobiliar sei alles andere als Premium. Am Morgen sei er an Wohnungslosen vorbeigekommen, die in einem der Parklets (so heißen die hölzernen Ruhezonen) schliefen. Eine „kurzfristige Ad-hoc-Veranstaltung mit 65 Bäumchen“ könne die Probleme der Straße nicht lösen. Rausch fragte: „Was muss passieren, damit der Versuch endlich abgebrochen wird?“

Bis Ende Januar 2021 ist die Friedrichstraße eine autofreie Flaniermeile.
Foto: Davids/Sven Darmer

Anders als erwartet seien nicht mehr Passanten in der Friedrichstraße unterwegs, sagte Rainer Beckmann vom Quartier 205. Die Zahl der Menschen, die das Warenhaus Galeries Lafayette betreten, sei sogar gesunken, hieß es. Woran das liege, blieb unklar. Am Wetter? An der Umgestaltung der Friedrichstraße? An der Corona-Krise, die den Tourismus zurückgehen ließ? Jedenfalls sei absehbar, dass weitere Geschäfte aufgeben werden, sagte Claudia Boelsen.

In der Tat sei ein Rückgang zu beobachten, bestätigte von Dassel. „Er hat sehr viel mit Corona zu tun. Das Einkaufsverhalten hat sich geändert.“ Christian Haegele von der Senatsverkehrsverwaltung wunderte sich allerdings, dass Fahrradverkehr mit Tempo 20 für gefährlicher gehalten wird als der Autoverkehr, der zuvor mit Tempo 50 unterwegs war. Es sei richtig, dass Radler Knöllchen von der Polizei bekommen hätten – aber nicht wegen Rasens, sondern weil sie beim Fahren telefoniert hätten. „Messungen bestätigten, dass Tempo 20 eingehalten wird“, so Haegele. Dass Fußgänger gefährdet werden, sei ihm nicht bekannt. „Vor meinen Augen ist noch keiner umgefahren worden.“ Wenn die Charlottenstraße weiterhin stark belastet bleibe, „werden wir gegensteuern. Es geht darum, unnötigen Durchgangsverkehr zu verhindern.“

Doch offenbar sind nicht alle Gewerbetreibenden gegen die Sperrung, die bis Ende Januar 2021 andauern soll. „Wir haben von Anrainern viele Ideen bekommen“, sagte Antje Osterburg von dem beauftragten Planungsbüro bo_backoffice. Wohlwollendes Interesse sei ebenfalls daran erkennbar, dass auch die fünf neuen gläsernen Ausstellungshäuschen ausgebucht seien und die meisten Flächen, die Firmen nutzen können, vergeben sind.

Derzeit lässt die Industrie- und Handelskammer (IHK) erneut Unternehmen befragen, wie sie den Verkehrsversuch finden. „Auch diesmal zeigt sich, dass ihm die meisten positiv gegenüber stehen“, sagte Christof Deitmar von der IHK. „Wir werden nachjustieren“, fasste Bürgermeister von Dassel zusammen. „Aber es wird keinen Abbruch des Versuchs geben.“