Berlin - Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Wann führt der Klimawandel zum Systemwandel? Wie wird aus Wissen Gesundheit? Wie wird aus Zukunftsangst Zukunftsfreude? Solche Fragen stehen im Mittelpunkt des großen Programms „Wissensstadt Berlin 2021“, das am Mittwoch vorgestellt worden ist. „Ich freue mich, dass wir uns endlich wieder direkt begegnen können“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), der zugleich auch Wissenschaftssenator ist. „Wir laden wieder ein, nach Berlin zu kommen.“

Das Programm der „Wissensstadt Berlin 2021“ entstand aus der Initiative Michael Müllers. Vor einiger Zeit hatten Wissenschaftler den Regierenden Bürgermeister daran erinnert, dass zwei große Forscher Berlins vor genau 200 Jahren geboren wurden: der Physiker Hermann von Helmholtz und der Mediziner Rudolf Virchow. Die Chance, aus diesem Anlass über Wissenschaften in und für Berlin zu diskutieren, habe man sich „nicht entgehen lassen“ wollen, sagte Michael Müller am Mittwoch. Es entstand ein 26-köpfiges Kuratorium, das seit August 2020 Impulse gibt und die Planungen begleitet.

Umgesetzt wurde das Vorhaben von der Gesellschaft Kulturprojekte Berlin, in einem „kooperativen Setting“ mit vielen Partnern – darunter Wissenschaftler aus 35 Forschungseinrichtungen. Vor dem Roten Rathaus entstand eine Open-Air-Ausstellung mit Arena. Sie soll vom 26. Juni bis 22. August möglichst viele Berliner, Gäste und Wissenschaftler aus aller Welt anziehen. 

Gestaltet wurde die Ausstellung durch Architekten von raumlabor-berlin. Sie soll mit Gängen, Durchblicken und Fenstern an Stadträume erinnern. An einem von weitem sichtbaren Turm stehen Fragen, die neugierig machen und Besucher anziehen sollen. „Es geht darum, Begegnungsräume zu schaffen, Schwellen abzubauen, den Vorhang zu lüften — und das machen wir mithilfe von Ausstellungen, Wissenschaftsshows, Theater, Performances und Kino“, sagte Moritz van Dülmen, Geschäftsführer von Kulturprojekte Berlin. Insgesamt soll es rund um die Ausstellung mehr als hundert Veranstaltungen geben, darunter auch Vorträge, Diskussionen, Science Slams, Kinder-Uni und Workshops. Weiteres findet an anderen Orten statt.

Imago/Frederic Kern/Future Image
Ein symbolisches Bild von 2020. Das Denkmal für Hermann von Helmholtz vor der Humboldt-Universität. Das Gitter ist wegen Corona geschlossen. In der „Wissensstadt Berlin 2021“ soll Helmholtz auch ganz aktuell betrachtet werden.

Man gehe davon aus, was den Einzelnen interessieren und was wichtig für sein Leben in der Stadt sein könne, sagte Joachim Baur von Die Exponauten, der die Open-Air-Ausstellung kuratiert hat. Insgesamt würden dort etwa hundert Fragen in den Raum gestellt. Beim Thema Klimawandel gehe es etwa darum, was der Hitzestress für unser eigenes Leben bedeute. „Vielleicht werden wir künftig alle in Gewächshäusern leben“, sagte Baur – Bezug nehmend auf ein Projekt der TU Berlin, in dem ein „Hybrid aus einem Wohngebäude und einem Gewächshaus“ entwickelt wird, um ein autarkes Leben auch unter Bedingungen des Klimawandels zu ermöglichen.

Die Ausstellung wolle die Besucher in aktuelle Auseinandersetzungen ziehen, so Joachim Baur. Zum Beispiel zum Thema Corona, weit über die Sichten von Medizinern hinaus. Sozialwissenschaftler der Humboldt-Universität hätten zum Beispiel die Berliner zum „städtischen Leben während Corona“ befragt. Wissenschaftler positionierten sich auch zum Thema der „massiv steigenden Mieten“ in der Stadt – kritisch-reflektierend, aber auch selbst aktiv.

Es geht darum, wie man Fakten von Fiktion unterscheiden kann, wie Wissenschaft zu belastbaren Aussagen kommt, welchen Einfluss die Wissenschaft auf das tägliche Leben, auf Klima, Gesundheit und sozialen Zusammenhalt nimmt. „Berlin will’s wissen“, laute das Motto, sagte Christoph Markschies, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, als Vertreter des Kuratoriums. Und er erinnerte an die beiden Forscher, deren 200. Geburtstag Berlin begehen will – unter anderem mit einer Sonderausstellung im Roten Rathaus.

„Für uns sind Virchow und Helmholtz interessant, weil sie unter anderem auch Dinge gemacht haben, die absolut aktuell sind“, sagte Markschies. Von beiden könne man lernen, „dass Wissenschaft eine soziale Verantwortung hat und dazu beitragen kann, dass Menschen in einer Stadt besser, gesünder und gerechter leben können“, sagte Markschies. Er erinnerte daran, dass Rudolf Virchow (1821-1902) als Politiker dafür wirkte, dass Berlin eine städtische Kanalisation erhält und auch die Armen Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen. Unter Virchow wurden die ersten kommunalen Krankenhäuser in Berlin gegründet – vor dem Hintergrund von Corona und aktuellen Debatten um Krankenhausschließungen und Bettenabbau heute ein sehr aktuelles Thema.

Hermann von Helmholtz (1821-1894) wiederum habe als Physiologe und Physiker viel dafür getan, eine Naturwissenschaft zu schaffen, die auf Messen beruhe, so Markschies. In der Bürgerwissenschaft (Citizen Science) könne heute „jeder mitmessen“. Virchow und Helmholtz hätten sich „auch dafür eingesetzt, dass Wissenschaft frei sein muss, um wirklich für eine gesunde und gerechte Gesellschaft wirken zu können“.

Das ganze Programm sowie Infos zu Anmeldungen und Corona-Regeln findet sich unter: wissensstadt.berlin