Die Brüder Sebastian (li. und Lukas )Deh.l
Foto: Gerd Engelsmann

Berlin  Lukas und Sebastian Dehl betreiben in Britz den Anbau von Kräutern, Salaten und essbaren Blüten mit ressourcenschonenden Methoden. Der Wildsalat wächst bei ihnen in Kisten und die Kräuter nicht nur in Töpfen, sondern auch vertikal an der Wand in die Höhe. Als Stadtgärtner für den Berliner Markt verstehen sich die beiden, schließlich schmeckt es vor der eigenen Haustür immer noch am besten.

Im Februar vor zwei Jahren haben sich Lukas und Sebastian Dehl ein Ziel gesetzt: Wenn wir es schaffen, im Mai ein Bund selbst gezogenes Basilikum in der Markthalle Neun an jemanden zu verkaufen, den wir nicht kennen, machen wir weiter. Ein Fremder kaufte das Basilikum, und mit den folgenden Jahreszeiten und ihren Kräutern wuchsen auch die Dehls an ihren Aufgaben.

Regional wollen sie produzieren und so ressourcenschonend wie möglich. „Ein großer Teil von Nahrungsmitteln geht ja meist schon während des langen Transports zum Verkauf verloren“, sagt Lukas Dehl. Besonders empfindliche Ware wie Gemüse, Salat und Kräuter leiden unter zu langen Wegen. „Die Hälfte verdirbt auf dem Weg oder beim Kunden“, schätzt der 32-Jährige.

Wer kennt nicht das Töpfchen Basilikum, das im Laden noch frisch aussah und daheim schon nach wenigen Tagen kümmerlich eingeht? „Diese Töpfe kommen aus der Hightech-Produktion und sind für den Moment des Verkaufs schön. Schon auf der Fensterbank ist der Dünger aufgebraucht“, so Dehl. Wie wäre es also, so die Idee der Brüder, wenn die Kräuter direkt beim Kunden wüchsen? Ohne Wege, versorgt mit genügend Nährstoffen und platzsparend an der Wand in die Höhe?

Schön für die Augen, schmackhaft für den Gaumen: Kapuzinerkresse.
Foto: Gerd Engelsmann 

Bei einem längeren Aufenthalt in Ägypten kam Lukas Dehl auf das Thema Vertikales Gärtnern. Wie kann man auf kargen Böden Gemüse und Essbares anbauen, ohne auf gute Erde angewiesen zu sein?, lautete dort die Frage. In Israel und Spanien forschen Gärtner schon länger zu neuen Anbaumethoden. Und auch in deutschen Städten wird die lokale Versorgung auf begrenztem Raum zunehmend interessant. Das alte System zeigt längst seine Schwächen: Lebensmittel für eine Stadt werden häufig von außerhalb geliefert. Zum Teil aus der Region, oft jedoch von noch weiter her. Die Zahl der Kleinbauern geht zurück, Transportwege werden länger. Der Verbrauch von Düngemitteln und Pestiziden steigt. Die Folge sind Artenschwund, Wasserknappheit und Bodenverschlechterung. Mensch und Umwelt leiden – einige von ihnen lassen sich etwas einfallen, um den Trend umzukehren.

Bauern in der Region schließen sich zusammen und Verkaufen ihre Produkte in sogenannten Marktschwärmereien. Wieder andere bieten ihren Lebensmittel-Lieferservice aus Brandenburg für die Berliner an, Hofläden jeglicher Art laufen gut.

Lukas und Sebastian Dehl aber wollten mit der Produktion ihrer Kräuter noch näher ran an die City. Doch die Suche nach geeigneten Gewächshäusern gestaltete sich schwierig. Auch am jetzigen Standort in Britz ist der Mietvertrag befristet. Schon jetzt suchen die Dehls für ihre Borretschbeete und die leuchtende Kapuzinerkresse einen neuen Standort. 1000 bis 2000 Quadratmeter Gewächshaus und noch einmal so viel Freifläche müssten es schon sein, die Nachfrage nach Berliner Kräutern steigt. „Je mehr Fläche wir einnehmen, desto mehr sind wir in Konkurrenz mit anderen Interessenten. Doch mit unseren Anbaumethoden kommen wir mit deutlich weniger Platz aus“, sagt Sebastian Dehl.

Gut für Bienen und gut für Salat: Borretsch. 
Foto: Gerd Engelsmann

Herzstück der Dehl’schen Gärtnerei sind die grünen Wände, die sie häufig für Berliner Gastronomen bestücken. Die Minze für den Cocktail ernten Barkeeper dann vom hängenden Kräuterbeet direkt in der Bar. Das Topping für feine Gerichte ebenso. Dabei kommt die grüne Wand ganz ohne Erde aus. Ein Baumwollvlies leitet Wasser zu den Pflanzen, die von einer Art Wolle aus recyceltem Plastik an ihrem Platz gehalten werden. Minze, Mangold, Kerbel, Koriander und Basilikum gehen gut. Ein neuer Prototyp für eine platzsparende grüne Wand kommt demnächst aus dem 3D-Drucker. Gut, dass Lukas Dehl ursprünglich einmal Werkstoffwissenschaften studiert hat. Das Gärtnern haben sie sich bei erfahrenen Kollegen abgeguckt und ganz viel experimentiert. 

Ihr Angebot haben die Dehls dann auf Microgreens und essbare Blüten sowie Wildkräutersalat ausgeweitet. Winzige Pflanzen von Senf, Mizuna, Rettich, Radieschen, Erbsen, Sonnenblumen, Koriander und Weizengras, auf Hanfvlies gezogen und in Pappschalen zu 1,90 Euro verkauft, peppen jedes Gericht auf.

Probieren kann man die ganze grüne und bunte Palette im erst kürzlich eröffneten Café direkt im Gewächshaus der Britzer Kräuter-Jungs. Im kleinen Hofladen gibt es das, was den Ansprüchen der Brüder und einer Handvoll Freunde genügt. Selbstgemachtes aus der Region. Von eingelegten Gurken über Honig bis Gin. Die jungen Leute bietet hier von Donnerstag bis Sonntag mit viel Herzblut und Handarbeit auch Kuchen, Quiches und Stullen an. Natürlich werden die Britzer Kräuter, die gleich hinter der Holzwand wachsen, frisch verwendet. Den Himbeer-Cheesecake ziert Minze, in der Quiche verarbeitet sind Zucchini und Kräuter von hier. Den Wildkräutersalat mit Sauerampfer, Löwenzahn, Schafgarbe, Spitzwegerich, Gundelrebe und essbaren Blüten gibt es auch zum Mitnehmen. Und bald stehen auch Picknickkörbe für den Ausflug in den Britzer Garten bereit. „Der Lieferweg für die Kräuter beträgt 28 Sekunden“, sagt Lukas Dehl. Er ist extra langsam gelaufen. 

Britzer Kräuter, Sonnabends in der Markthalle Neun und im Grünen Café in der Mohriner Allee 69. Donnerstag bis Sonntag ab 12 Uhr.