Ellen und Kay Thonack in ihrer privaten Mini-Sternwarte.
Foto:  Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Wittstock„Ellen, ich baue dir alles“, hatte Kay Thonack zu seiner Frau gesagt. Und sie hatte guten Grund, das zu glauben. Kay Thonack aus Sewekow, in seinem offiziellen Leben Gymnasiallehrer für Physik, Wirtschaft, Arbeit, Technik und Wirtschaftswissenschaften, ist ein Tüftler, ein Bastler, ein Baumeister, wie er im Buche steht. Seine Tochter besitzt zum Beispiel ein imposantes Holzrennpferd, das seine Hufe mittels Scharnieren heben kann. Auch stürzen sich die Kinder gern von einem Podest per Seilbahn in den Garten hinter der Scheune, die selbst ein wahres Erfinderparadies ist. Alles selbst gebaut, alles selbst ausgedacht.

Als es nun darum ging, eine neue Spielerei für das ländliche Gehöft, auf dem die Thonacks seit 15 Jahren leben, zu erdenken, fiel Ellen Thonack eine Dachterrasse auf dem Scheunendach ein. Der Blick von hier oben in die Prignitzer Weite ist schon bei Tag heilsam, in der Nacht holt man sich die Sterne vom Himmel. Warum also nicht gleich eine Sternwarte bauen, dachte sich ihr Mann und legte los.

Drei Jahre später ist der Aufstieg ins Thonack’sche Observatorium ein Abenteuer für sich. Mit einem gelben Bauaufzug rattert man in schwindelerregende Höhe unters Scheunendach. Mit einem Ruck stoppt das Drahtkörbchen genau unter einer Leiter. Mit einer Seilwinde wird von hier aus eine weitere Stiege herabgekurbelt, ein bisschen Verrenken und man steht oben im Holztürmchen. Zu zweit ist es kuschelig, bis man, wie bei einem Rolladen, das Visier der Kuppel hochzieht - und steht und staunt. Die Perspektive wechseln, dem Alltag am Boden entfliehen, auf Augenhöhe mit den Schwalben, die Sterne zum Greifen nah. Stunden haben Kay Thonack und seine Frau schon hier oben verbracht. Dabei war der 55-Jährige  bisher gar kein Hobby-Astronom. Nur immer neugierig und ein Macher.

Kreative Anfahrt. Der Weg zu den Sternen ist beschwerlich, das wussten schon die Römer. 
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsman

„Ich habe zwei Jahre lang einen verrückten Architekten gesucht“, sagt er. Im nahen Wittstock wurde er fündig. Der Bauantrag in Neuruppin ging in Rekordzeit durch, später erfuhr Kay Thonack, dass der Bearbeiter selber ein Sternenfan ist. Zimmerer besorgten den Ausbau im Dach, die 250 Kilo schwere Kuppel bestellte Thonack in Großbritannien. „Im Januar haben wir sie an der holländischen Grenze mit dem Transporter abgeholt. Neun Einzelteile und zwei Kisten mit Kleinteilen.“

Vor vier Wochen wurde die Kuppel per Kran auf die Scheune gehievt. Das Herzstück der Sternwarte von Sewekow ist ein Spiegelteleskop mit zwei Metern Brennweite, in seiner Datenbank stecken 40.000 Voreinstellungen. „Wie im Katalog kann ich dort aussuchen, was ich mir am Sternenhimmel ansehen möchte.“ Kay und Ellen Thonack tasteten sich ran an die Unendlichkeit. Das Erste, was sie sich ansahen, war die Sonne. Den Kometen Neowise, der die Sonne umkreist und erst in 6766 Jahren wieder so gut zu sehen ist, haben sie entdeckt, den Mond sowieso. „Dass man sich als Normalsterblicher so ein Teleskop hinstellen kann und all das wirklich sieht, ist ein kleines Wunder“, staunt Ellen Thonack.

Im Dorf Sewekow bei Wittstock ist die Kuppel aus allen Richtungen zu sehen. 
Foto:  Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Der Mond ist so nah, dass man seine Krater und Berge sieht, sogar ihre Schatten kann man erkennen. Den Jupiter, den Saturn mit seinen Ringen haben sie angesehen. Objekte, die anderthalb Milliarden Kilometer von der Erde entfernt sind. Ellen Thonack, die als Kunstlehrerin am selben Gymnasium lehrt wie ihr Mann, ist längst versöhnt damit, dass es keine Terrasse gibt. Unterhalb der Sternwarte hat sie ein Zimmer mit Aussicht nach Süden bekommen. Wo sonst ließen sich die nächsten Projekte besser planen als hier, wo die Gedanken besonders hoch und besonders frei fliegen können.

 Sven Andersson hat eine eigene Sternwarte im Garten.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Sven Andersson wirft in seinem Müggelheimer Garten einen prüfenden Blick in das Okular seines Fernrohrs. Das Teleskop ist auf die Sonne gerichtet. „Da sind sogar Sonnenflecken, ich fasse es nicht“, sagt er. Fast im Zentrum der hellen Sonne sind mehrere graue Pünktchen zu erkennen. „Dort ist es etwa 1000 Kelvin kühler als auf der restlichen Sonnenoberfläche“, erklärt er.

Wer kann schon behaupten, dass er aus dem eigenen Garten einen Blick auf die Sonne werfen kann? Sven Andersson und Martina Haupt können es – auch vor ihrem Haus steht eine Mini-Sternwarte. Andersson begeisterte sich schon in seiner Kindheit für Astronomie. „Als ich in der dritten Klasse war, brachte mein Vater von einer Dienstreise ein Buch zum Thema mit.“ Später ging er zu einer Führung in die Archenhold-Sternwarte. „Das war 1976. Damals gab es dort Arbeitsgemeinschaften für Kinder. Weil mich das Thema so faszinierte, trat ich ein.“

Schnell verspürte er den Drang, ein eigenes Teleskop zu besitzen – der Vater eines Freundes half, als Andersson in der fünften Klasse war. „Er baute es aus einem Bastelsatz aus dem Zeiss-Laden am Alex. Ich schaffte mir das nächstgrößere an, als ich es mir leisten konnte.“ Andersson blieb in der Astronomie-AG, lernte dort 1998 seine Lebensgefährtin kennen. Schon 1997 hatte er begonnen, die Sternwarte im Garten zu bauen. „Es ist schwierig, wenn man das Teleskop immer nach draußen tragen muss. Spiegel und Linsen verziehen sich bei Temperaturunterschieden. Besser ist es, wenn das Teleskop draußen fest installiert ist.“

Das Türmchen beherbergt nun ein Linsenfernrohr und ein Schmidt-Cassegrain-Teleskop. Von hier beobachten sie den Himmel, sammeln Daten, speisen diese in Datenbanken ein. Die beiden Hobby-Astronomen sind etwa an einem Projekt beteiligt, bei dem während Sonnenfinsternissen herausgefunden werden soll, ob der Durchmesser der Sonne immer konstant ist. Die nächste totale Finsternis ist von Berlin aus allerdings erst 2135 zu sehen. Regelmäßig unternehmen sie deshalb auch Reisen, um die Himmelsschauspiele an anderen Orten der Welt zu beobachten.

Astronomie ist das gemeinsame Hobby der Müggelheimer Martina Haupt und Sven Andersson.
Foto: Berliner Zeitung /Gerd Engelsmann

So kamen die beiden bereits nach Tunesien, China, nach Russland und Australien. Für die Touren haben sie ein Reiseteleskop, denn jenes aus der Garten-Sternwarte kann nicht transportiert werden. „Am besten ist es immer, solche Beobachtungstouren in einer Gruppe zu machen, in der auch Nicht-Beobachter dabei sind. Denn dann kommt man beim Gepäck wieder auf den Mittelwert“, sagt Martina Haupt.

Oft gehen die beiden aber einfach nur abends in die Sternwarte und schauen gen Himmel, ohne Ziel. Martina Haupt nennt das „spazieren gucken“. Was dabei stört, ist vor allem die Lichtverschmutzung. „Die Straßenlaternen müssen nicht Richtung Himmel leuchten, sondern auf die Straße“, sagt Andersson. „Und es gibt Experten, die ihre Gärten mit LEDs beleuchten, die ganze Nacht.“