Die Intensivstation F2 liegt im zweiten Geschoss des Unfallkrankenhauses Berlin. Hier werden alle Corona-Patienten behandelt.
Foto: Benjamin Priztkuleit

BerlinEs herrscht Ruhe. Kein hektischer Ruf nach einem Arzt ist zu hören. Niemand ist da, der Kommandos erteilt. Das ist ungewöhnlich auf einer Intensivstation.

Hinter dem hellen Tresen zeigen mehrere Monitore auf einem großen Bildschirm bunte Kurven und Zahlen. Sie geben den Blutdruck, die Herzfrequenz, die Sauerstoffsättigung des Blutes und die Beatmungsparameter eines jeden Patienten wieder. Es sind Lebenszeichen der Menschen, die hier behandelt werden. Die Apparate geben kein Piepen von sich wie sonst auf Intensivstationen. Sie melden sich nur, wenn ein Parameter aus der Norm fällt. Die Stille ist auffallend auf der Station F2.

Ab und an laufen ein Arzt, eine Schwester oder ein Pfleger mit Mundschutz über den Gang, um in einem der neun Zimmer der Intensivstation zu verschwinden. Es ist ein wenig so, als bliebe die Zeit stehen. Für die Menschen, die hier behandelt werden, ist Zeit derzeit keine Kategorie. Die meisten von ihnen liegen im Koma, während die Stunden zu Tagen und die Tage zu Wochen werden.

Die Station liegt im zweiten Geschoss des Unfallkrankenhauses Berlin. Zwei Schleusentüren sorgen dafür, dass nicht jeder auf die F2 – eine von mehreren Intensivstationen im Haus – gelangen kann.

Seit sieben Wochen gibt es auf der F2 keinen Normalbetrieb mehr. Die Menschen, die bei Unfällen schwer verletzt wurden oder die einen Herzinfarkt erlitten haben, sind auf andere Intensivstationen des Krankenhauses verlegt worden. Seit sieben Wochen sind die 14 Betten der F2 ausschließlich für Menschen gedacht, die sich mit Corona infiziert haben, die an dem Virus schwer erkrankt sind und daher intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Seit sieben Wochen ist die F2 die Covid-19-Station. Die meisten der sechs Männer und zwei Frauen, die derzeit hier behandelt werden, müssen beatmet werden.

Susanne Rietsch trägt ihre weiße Schwesternkleidung und eine leichte Mund-Nasen-Maske, als sie am Mittag dieses sonnigen Maitages über den hellen Gang der F2 eilt. Sie schiebt die Tür mit der Nummer 12 auf. Dahinter befindet sich ein Raum, in dem sich die 43-Jährige zunächst ihre Hände desinfiziert. Dann zieht sie einen der eingepackten grünen Kittel über, der keine Feuchtigkeit durchlässt. Sie setzt eine FFP2-Schutzmaske auf und verbirgt ihre blonden Haare unter einer hellblauen Haube. Zum Schluss kommen die Schutzbrille und die Handschuhe dran.

So gerüstet gegen das Virus, nimmt Susanne Rietsch das Medikament für den Patienten in die Hand. Bevor sie die Tür zum Patientenzimmer öffnet, verharrt sie noch einmal kurz, denkt nach, ob sie noch etwas mit in das Zimmer nehmen muss.

Jedes vergessene Medikament, jede Spritze, an die sie nicht gedacht hat, bedeutet, sich im Schleusenraum von der Schutzkleidung trennen zu müssen, sie zu entsorgen, sich zu desinfizieren, das Vergessene zu holen und sich in der Schleuse noch einmal für den Gang zum schwer kranken Patienten fertigzumachen. Susanne Rietsch hat nichts vergessen. In ihrer Schutzkleidung ist sie höchstmöglich vor einer Tröpfcheninfektion mit dem Coronavirus geschützt. Sie betritt das Einzelzimmer und verschließt hinter sich sorgfältig die Tür.

Eine Viertelstunde später steht sie wieder auf dem stillen Gang der F2. Nun trägt sie eine leichte Schutzmaske vor Mund und Nase. Die Schleusen vor jedem Patientenzimmern machen es möglich, dass die Frauen und Männer, die hier arbeiten, nicht den ganzen Arbeitstag in voller Schutzmontur herumlaufen müssen. „Das erleichtert die Arbeit ungemein“, sagt Susanne Rietsch. Auch wegen der Schleusen vor jedem Zimmer sei die F2 als Covid-19-Station ausgesucht worden.

Susanne Rietsch ist eine freundliche Frau mit einem Lächeln im Gesicht, das in den kurzen Augenblicken sichtbar wird, in denen sie die Maske wechselt. Sie ist stellvertretende Pflegeleiterin auf der F2. Seit 19 Jahren arbeitet sie auf der Intensivstation. Seit sieben Wochen hat sie es mit Menschen zu tun, die mit dem neuartigen Virus infiziert sind.

54 Mitarbeiter aus dem Pflegebereich arbeiten in drei Schichten auf der Station. Nicht alle in Vollzeit. Ein Mitarbeiter soll sich um zwei Patienten kümmern. Das klappe nicht immer, sagt Susanne Rietsch. Manchmal herrsche auch hier Personalnotstand. Die Menschen, die derzeit auf der Covid-19-Intensivstation versorgt werden, sind 20 bis 81 Jahre alt. Versorgung bedeutet: sie zu waschen, sie nach mehreren Stunden zu dritt von der Bauchlage auf den Rücken zu drehen, ihnen die verordneten Medikamente zu verabreichen, sie zu ernähren, also Körperkontakt mit den Corona-Infizierten zu haben. Acht der 14 Betten sind derzeit belegt.

Hat sie keine Angst, sich anzustecken? Susanne Rietsch schüttelt den Kopf. Vor sieben Wochen sei das jedoch anders gewesen. Als bekannt gegeben worden sei, dass die F2 die Covid-19-Station werden soll, da habe es bei den Mitarbeitern auf der Station durchaus große Sorgen gegeben. Auch Susanne Rietsch machte sich Gedanken: Bin ich ausreichend geschützt vor einer Infektion? Schleppe ich das Virus mit nach Hause? Stecke ich mein Kind und meine Eltern damit an? „Klar, es gab auf der Station unter den Kollegen Diskussionen“, erinnert sich Susanne Rietsch. Sie ist alleinerziehende Mutter einer fünfjährigen Tochter. An den Wochenenden, an denen sie Dienst hat, gibt es keine Notversorgung für ihr Kind. Dann ist das Mädchen bei den Großeltern. Sie sind 73 und 76 Jahre alt. Sie gehören zur Risikogruppe.

„Den Mitarbeitern, die kleine Kinder haben, ist damals angeboten worden, auf eine andere Intensivstation zu wechseln“, sagt Susanne Rietsch. Niemand habe auf der Covid-Station bleiben müssen, doch alle, bis auf eine schwer erkrankte und damit gefährdete Kollegin, seien geblieben. Auch wenn niemand so recht wusste, was auf sie zukommen würde. Anfangs war unklar, ob die Betten auf der Intensivstation überhaupt ausreichen würden.

„Die Hygienemaßnahmen sind auf unserer Station sehr hoch. Hier wurde das Optimale herausgeholt“

Die Sorge ist längst weniger geworden. Wohl auch, weil es auf der F2 eine gute Schutzausrüstung gibt. Jeden Morgen findet im Unfallkrankenhaus eine „große Runde“ statt, wie Sprecherin Angela Kijewski erklärt. Dort melden die Verantwortlichen an, was sie in ihren Stationen für Schutzkleidung benötigen. Seit sieben Wochen habe die Kollegin vom Einkauf alle Hände voll zu tun, um ausreichend Mundschutz-Masken, Desinfektionsmittel und Kittel heranzuschaffen. Ein Problem, das andere Krankenhäuser auch haben. Auf dem Markt muss um jede FFP2-Maske und jeden Kittel gerungen werden. Im Unfallkrankenhaus gibt es 600 Betten, 80 davon stehen auf Intensivstationen. Der Bedarf an Schutzkleidung ist enorm.

Susanne Rietsch und ihre Kollegen sind mittlerweile überzeugt, dass sie auf ihrer Station F2 gut geschützt sind, „vielleicht sogar besser als draußen“, wie die Intensivschwester sagt. „Die Hygienemaßnahmen sind auf unserer Station sehr hoch. Hier wurde das Optimale herausgeholt.“ Seit dem Ausbruch der Pandemie wurden im Unfallkrankenhaus 60 Covid-19-Patienten behandelt, 20 Prozent davon auf der Intensivstation. Die leichter Erkrankten liegen auf zwei normalen Stationen, die ebenfalls nur für Corona-Patienten eingerichtet wurden.

„Noch gibt es in der Klinik keinen Infizierten, der mit oder an dem Coronavirus gestorben ist“, sagt Hans-Joachim Janssen, Oberarzt auf der Covid-19-Station. Er erklärt, dass es in Berlin für den Pandemiefall einen Notfallplan gebe. Alle Krankenhäuser, die über Intensivbetten verfügen, wurden in drei Stufen eingeteilt. Die Charité als Universitätsklinikum ist demnach das Level-1-Zentrum, das die Intensivversorgung der Covid-19-Erkrankten koordiniert. Das Unfallkrankenhaus gehört – wie auch 15 weitere Kliniken in der Stadt – zu den Level-2-Einrichtungen. Die Behandlung der dort liegenden schwer erkrankten Patienten wird mit der Charité in telemedizinischen Konferenzen besprochen. An den Level-3-Standorten gibt es keine Corona-Intensivpatienten.

Janssen ist 56 Jahre alt und Vater von zwei kleinen Kindern. „Es gab auf der Station anfangs schon Ängste vor dem Coronavirus“, sagt der Oberarzt. Zu wenig sei über das Virus, über den Verlauf der Krankheit bekannt gewesen. Doch die Sorgen seien in dem Moment weniger geworden, als die Patienten gekommen seien. „Wir sind hier ein gut eingespieltes Team“, sagt Janssen, der sich auf Anästhesie und Intensivmedizin spezialisiert hat. Neben dem „extrem engagierten Pflegepersonal“, das laut Janssen die größte Arbeitslast auf der Station trägt, arbeiten insgesamt sechs Ärzte auf der F2. Ebenfalls in Schichten rund um die Uhr.

Mehrmals am Tag „schleust“ sich Janssen zu Visiten zu den Patienten ein – zusammen mit Kollegen aus den Fachabteilungen: Internisten, Chirurgen. Auch für den Oberarzt ist die Behandlung von Covid-19-Patienten Neuland. Er spricht von einer spannenden Zeit und von „Learning by doing“. „Wir stellen uns immer wieder die Frage, wie die Patienten richtig zu behandeln sind. Deswegen sind wir auch mit der Charité im regen Austausch.“ Es gelte, das Wissen über das Coronavirus zu maximieren.

In normalen Zeiten gehört der Oberarzt zum Team der Notfallmediziner, die mit dem Rettungshubschrauber Menschen in das Unfallkrankenhaus fliegen, die bei Unfällen schwer verletzt wurden oder die aus anderen Kliniken verlegt werden müssen. Mittlerweile gibt es auch einen EpiShuttle, eine Art Kapsel, in der Corona-Patienten ins Unfallkrankenhaus geflogen werden können. Ohne die Gefahr, dass sich die Ärzte und Piloten bei dem Flug anstecken.

Auch wegen der Arbeit im Rettungshubschrauber hat es den Arzt 2008 ans Unfallkrankenhaus verschlagen. 1 200 Einsätze im Jahr fliegt der Helikopter – nun allerdings ohne Janssen. Der Mediziner konzentriert sich ganz auf die Covid-19-Station. Und daran wird sich nach seinen Wort wohl eine Zeit lang nichts ändern. Er geht davon aus, dass die zweite Welle der Infektion im Herbst auf das Land zurollen werde.

Derzeit werden auf den Berliner Intensivstationen 151 Corona-Patienten behandelt. 165 Frauen und Männer sind laut Senatsgesundheitsverwaltung bisher in der Hauptstadt an dem neuartigen Virus gestorben

„Die Sterblichkeit auf den Intensivstationen in Berlin und Brandenburg liegt bei Covid-19-Patienten bei etwa 30 Prozent“, sagt Janssen. Dass diese Zahl im Unfallkrankenhaus bei null verharre, sei der Arbeit des Teams zu verdanken. Und ja, man habe auch Glück gehabt, dass es noch keinen Toten auf der F2 gebe.

Drei Wochen bleiben die Intensivpatienten im Durchschnitt auf der Covid-19-Station des Unfallkrankenhauses. Ein Mann sei bereits über 40 Tage hier, erzählt Janssen. Er werde derzeit vom Beatmungsgerät entwöhnt. Die größte Sorge bereitet dem Mediziner jedoch ein 26-jähriger Patient. Er ist seit 20 Tagen an das Beatmungsgerät angeschlossen – der schwerste Fall auf der Covid-19-Station.

Susanne Rietsch muss zu einem ihrer Patienten. Der ältere Mann, der in dem Zimmer hinter der Schleuse liegt, winkt ihr durch das Glasfenster in der Tür zu. Susanne Rietsch winkt zurück, bevor sie sich einkleidet. Der Patient hat es geschafft, das Virus überlebt. Er wird noch an diesem Tag auf die Normalstation verlegt.