Tanzende im Club „Trompete“ in Tiergarten (Archivbild).
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

BerlinIn Berlin muss nach Einschätzung von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) mit einer weiteren Ausbreitung des neuartigen Coronavirus gerechnet werden. Über Ausmaß und Tempo könne allerdings gegenwärtig niemand eine Aussage treffen, sagte sie am Montag im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses. Die Lage sei in jedem Fall „hochdynamisch“.

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Die Zahl der nachweislich Infizierten ist laut Kalayci inzwischen auf 48 gestiegen. Es gelte weiter die Strategie der Eindämmung, also positive Fälle schnell zu identifizieren, Kontaktpersonen ausfindig zu machen und diese zu isolieren, um Infektionsketten zu unterbrechen.

Wie lange diese Strategie noch möglich ist, kann Kalayci nach eigenen Worten jedoch nicht sagen. Wie auch, geht sie doch von einem „kontinuierlichen Anstieg der Fallzahlen aus“, wie sie sagte. Dafür spreche zum Beispiel die Entwicklung im nicht allzu weit entfernten Italien.

Dort, bei einem ähnlich gut ausgestatteten Gesundheitssystem wie hierzulande, liegt die Zahl der bestätigten Infektionen bei rund 7500, rund 370 Menschen sind gestorben. „Natürlich gucken wir auf Italien“, sagte Kalayci. Sie schränkte aber ein, dass sie persönlich nicht von einer vergleichbaren Sterblichkeitsrate in Berlin ausgehe.

Nach Besuch der „Trompete“: Polizisten in Quarantäne

Wichtig für die Eindämmung sei es, sogenannte Hotspots möglichst früh zu identifizieren, um die Verbreitung des Virus dann noch wirksam eindämmen zu können, betonte die Senatorin. Einer dieser Hotspots in Berlin ist bisher offenbar die „Trompete“. In dem Club am Lützowplatz im Ortsteil Tiergarten, den der Schauspieler Ben Becker vor zwei Jahrzehnten eröffnete, hat ein Infizierter am letzten Sonnabend des Februar 16 andere Gäste angesteckt. Das ist ein Drittel der derzeit in Berlin Corona-Infizierten.

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Die Zahlen haben Amtsärzte mehrerer Bezirke zusammengetragen. Zwar liegt der Club im Bezirk Mitte, doch bei den Amtsärzten gilt das Wohnortprinzip. Ende vergangener Woche hatte die Senatsgesundheitsverwaltung „Trompete“-Gäste jenes 29. Februar aufgerufen, sich zu melden.

Zwei der in der „Trompete“ Infizierten sind Berliner Polizisten, wie Polizeipräsidentin Barbara Slowik am Montag sagte. Der erste Fall war bereits am Sonnabend bekannt geworden. Mehr als 60 weitere Polizisten seien als Kontaktpersonen ihrer beiden Kollegen nun zu Hause in Quarantäne. Das habe eine Amtsärztin entschieden.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) betonte, die Polizei sei gut geschützt. Berlin sei weit von einem Katastrophenfall entfernt. „Ich weiß nicht, ob ein Land auf der Erde besser vorbereitet ist als Deutschland.“

Fünf neue Untersuchungsstellen in Berlin

Ob das ausreicht, muss sich zeigen. Als einen weiteren Schritt sieht Gesundheitssenatorin Kalayci die Untersuchungsstellen an Krankenhäusern, die in dieser Woche öffnen werden. Bisher hatte nur die Charité am Campus Rudolf Virchow in Wedding eine spezielle Corona-Untersuchungsstelle. Nun sollen fünf weitere folgen.

Dort sollen ausschließlich „begründete Verdachtsfälle“ beraten und abgeklärt werden. Im Zweifel werde auch getestet. „Begründeter Verdachtsfall“ bedeutet nach den Worten von Kalayci, dass die Person Kontakt zu einem bestätigten Infizierten hatte oder in einem Risikogebiet war und Symptome zeigt. Es sei wichtig, dass dabei alle Beteiligten – Krankenhäuser, Kassenärztliche Vereinigung, Senat und die Bezirke – „Hand in Hand gehen“, betonte sie.

Schutzausrüstung und Betten sind „Mangelware“

Probleme gibt es nämlich genug, etwa bei der Versorgung mit Schutzausrüstung. Die sei europaweit „Mangelware“, sagte Kalayci. Vor allem niedergelassene Ärzte haben vielfach keine spezielle Ausrüstung. Das falle zweifelsfrei in die Verantwortung des Praxisinhabers, betonte Kalayci.

Dennoch wolle das Land Berlin eine zentrale Beschaffung starten und prüfen, was auf dem Markt verfügbar sei. Der Bedarf sei ermittelt worden. Und aus dem Bestand stelle man bereits Ausrüstung bereit, etwa für den öffentlichen Gesundheitsdienst und für Personal in Pflegeheimen. Von der neu anzuschaffenden Ausrüstung sollen vorrangig der fahrende Service für immobile Patienten von Kassenärztlicher Vereinigung und Feuerwehr sowie die Untersuchungsstellen für Verdachtsfälle profitieren.

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Einen weiteren Engpass gibt es Kalayci zufolge bei der Ausstattung von Betten auf Intensivstationen mit Beatmungsmöglichkeiten. Davon haben Berlins Krankenhäuser insgesamt 1045. Der Gesundheitssenatorin zufolge reicht das beim derzeitigem Stand aus. Dennoch müsse man die Kapazität dringend erweitern, weil der Bedarf angesichts der Corona-Dynamik steigen werde, sagte Kalayci.

Gravierende ökonomische Folgen möglich

Bedarf anderer Art haben Vertreter aus Wirtschaft und Industrie am Montag angemeldet. Stellvertretend schlug die Industrie- und Handelskammer IHK Alarm. Insbesondere die Reise- und Tourismusbranche bekomme die ökonomischen Folgen der Epidemie früher und massiver zu spüren als jeder andere Wirtschaftszweig, hieß es in einer Mitteilung.

So berichteten 95 Prozent der Reise- und 90 Prozent der gastgewerblichen Unternehmen, dass sich die Epidemie auf ihre Geschäfte auswirkt. Umsatzrückgänge im zweistelligen Prozentbereich erwarten übers Jahr demnach 85 Prozent beziehungsweise 75 Prozent der Unternehmen. Sie benötigten rasch Unterstützung, erklärte die IHK. Im Gastgewerbe halten 66 Prozent der befragten Betriebe finanzielle Überbrückungshilfen für notwendig, im Reisegewerbe 60 Prozent.

Am Montag bat Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) zum Runden Tisch, um über erste Ad-hoc-Maßnahmen zur Unterstützung zu beraten. Erste Ergebnisse: Die Senatsverwaltung werde gemeinsam mit der landeseigenen Investitionsbank Berlin den Liquiditätsfonds für Hotel, Gastronomie und Handel öffnen und die Mittelbeantragung deutlich vereinfachen, sagte Popp. (mit dpa)

Außerdem finden Unternehmen, die Fragen zum Umgang mit dem Virus und dessen wirtschaftlichen Folgen haben, gebündelte Informationen unter www.ihk-berlin.de/coronavirus, oder können sich direkt an das Beratungsteam der IHK Berlin wenden. Zu erreichen ist es unter corona@berlin.ihk.de oder telefonisch unter 3151-0919. Die Hotline ist von 8 bis 17 Uhr besetzt.