Berlin - Ihre neue Rolle nimmt Katharina Hoffmann wirklich ernst. Sie ist Schauspielerin – und wie den meisten in ihrer Branche fehlt ihr eine Bühne für ihre Auftritte. Weit und breit kein Arbeitsplatz in Sicht. Die Theater sind dicht, sie selbst ist arbeitslos. Sie ist dennoch allerbester Laune, denn diese Laune ist für sie ein wichtiger Teil ihrer neuen Rolle: Sie ist die Frau mit der Botschaft.

Katharina Hoffmann, 55 Jahre alt, arbeitet in Friedrichshain in einer Station für kostenlose Corona-Schnelltests. Dafür wurde die Revolte-Bar im Samariterkiez umgebaut. An der Tür wird der Abstrich genommen, am Tresen machen Leute in Schutzkleidung die Analysen, und im offenen Schaufenster ist ein Stehtisch platziert: die Anmeldung.

Dort steht Katharina Hoffmann hinter Plexiglas. Schwarzer Overall, grobe Schuhe, bunte Socken, knallroter Mund, dazu zwei freche blonde Zopfrollen. Hier nimmt sie die Daten der Leute auf, kontrolliert Ausweise und Formulare und stellt die Zettel mit den Testergebnissen aus. Diesen bürokratischen Teil ihres Jobs erledigt sie ruhig.

„Haste Schiss, meine Kleene?“

Wenn ein Testergebnis vorliegt, beginnt ihr Auftritt. Sie schaut zu den Wartenden auf dem Gehsteig und ruft mit klarer, geschulter Stimme einen Namen: „Hallo Clara? Wo bist du?“ Als sie Claras Blick sieht, sagt sie in dickem Berlinisch: „Ach, ick sehe dir an, wie sehr dein Herzelein klopft. Haste Schiss, meine Kleene? Musste nicht. Ist alles positiv bei dir. Dit heißt: Dein Test ist negativ. Nun freu dich und hab Spaß.“ Clara atmet hörbar aus, sie winkt noch mal und geht.

Katharina Hoffmann verbreitet ganz bewusst gute Laune und hat dabei die Statistik auf ihrer Seite. Hier werden jeden Tag bis zu 80 Tests gemacht, und die sind fast alle negativ. „Die meisten sind derzeit ernst genug. Da muss ich nicht noch mitmachen. Da halte ich lieber dagegen“, sagt sie.

Die Stimmung vor der Revolte-Bar ist recht gelöst. Das liegt nicht nur daran, dass ansteckender Berlin-Dancehall-Sound aus den Boxen schallt, Peter Fox singt: „Diese Stadt ist eben doch gar nicht so hart, wie du denkst.“ Das liegt vor allem an Katharina Hoffmann. „Wenn sie da ist, ist gute Laune“, sagt Hannibal Hanschke, der Chef der Bar. „Sie hat es drauf. Da haben alle etwas davon.“

So soll es doch mit der Kunst sein. Die Gesellschaft profitiert davon, dass es Leute gibt, in denen etwas brodelt, gedeiht und heranwächst, das irgendwann nach draußen drängt: ein Lied, ein Theaterstück, ein Witz, ein Roman, ein lustiger Satz für die Kleinkunstbühne oder die Corona-Teststation.

Immer am Rande des Prekariats

Menschen wie Katharina Hoffman sind meist nicht nur Künstler, sondern meist auch Überlebenskünstler. Anders als die wenigen gut verdienenden Filmstars können die meisten kaum von ihrer Kunst leben, sie sind Selbstausbeuter, immer am Rande des Prekariats. Maler verdienen an Bildern im Schnitt 12.000 Euro pro Jahr. Zwei Drittel der Schauspieler haben nur 1000 Euro netto im Monat zum Leben. Sie haben meist keine festen Arbeitsverträge, sondern beantragen zwischen den Rollen auch Hartz IV. Aber alle hoffen, dass sie ihr Glück finden und andere ein wenig glücklicher machen.

Volkmar Otto
Katharina Hoffmann umgeben von ihren Formularen vom Jobcenter, mit denen sie ihr bekanntestes YouTube-Video drehte.

So wie Katharina Hoffmann. „Ich liebe es, anderen Leuten Spaß zu bereiten“, sagt sie. Spaß klingt ganz wunderbar und wäre in dieser ernsten Corona-Zeit dringend nötig. Hoffmann hat lange als Schauspielerin gearbeitet, dann hat sie damit begonnen, eigene Texte zu schreiben, eigene Kabarettprogramme. Ihr neues Solostück war gerade fertig, als die Pandemie begann und damit die Massenarbeitslosigkeit im Kulturbereich. Auch Hoffmann saß plötzlich zu Hause, fühlte sich nutzlos. Und macht sich Gedanken. „Alle redeten über die Einschränkung der Bürgerrechte. Aber sollte es nicht auch ein Grundrecht auf Ausgelassenheit geben, auf Quatschmachen?“

Und so wollte sie den großen Stillstand nutzen, um an ihrem Programm zu feilen. Sie stand in ihrer Wohnung und probte. „Ich wollte mir das Publikum wirklich vorstellen, aber es ging nicht. Ich bin in Tränen ausgebrochen.“

Sie erzählt, dass sie für ihre Stücke gern in den Alltagssorgen der Leute herumschnüffelt. „Ich bin nicht zuständig für die Zahlen, Fakten und Kurven. Ich bin nicht die Abteilung knallharte Politik, sondern die Abteilung Unterhaltung. Ich gehe ganz subjektiv ran und frage mich: Wie erlebe ick den ganzen Wahnsinn?“

Mit solch einer Alltagsgeschichte wurde sie in der Pandemie ein wenig berühmt und stieg in Künstlerkreisen zur Alltagsheldin auf. Zu Hause drehte sie ein Video fürs Internet: Ein verzweifelt durchgedrehter Hilferuf in 3:23 Minuten an Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Er sorgte im Internet für Lacher und in der Presse für Aufmerksamkeit.

Im Video sitzt sie in Latzhose auf dem Boden und erzählt, dass sie als Soloselbstständige auf Anraten von Frau Grütters etwas beantragt hat: einen „vereinfachten Antrag auf Grundsicherung oder ALG II oder Hartz IV oder wie das heißt“. Um sie herum liegen viele Fragebögen vom Jobcenter, und sie fragt in die Kamera, warum Künstler so viel ausfüllen sollen für die paar Monate Überbrückungsgeld, das unbürokratisch gewährt werden sollte. Anfangs ist sie höflich, danach immer aufgeregter. Dann der Höhepunkt des ruhelosen Suchens: Sie zieht ein Papier aus dem Haufen und sagt: „Hier, Frau Grütters, was die alles von mir wissen wollen: Wie stellen Sie Ihr Warmwasser her?“ Sie weiß es nicht und bricht zusammen. „Bitte Frau Grütters“, fleht sie, „können Sie das nicht für mich machen? Bitte. Bitte. Bitte.“

Die Serie
Mehr als ein Jahr Pandemie

 – und die Berlinerinnen und Berliner sind immer noch im Dauerstress. Weil sie den Corona-Alltag mit all seinen Beschwernissen bewältigen müssen, weil sie Patienten pflegen und behandeln, Kinder und Jugendliche unterrichten und betreuen, als Taxifahrer, Paketboten, Polizisten unterwegs sind.

In unserer Serie besuchen wir Frauen, Männer, Familien, die wir zu Beginn der Pandemie getroffen haben, erneut und fragen: Wie geht es Ihnen heute?

Der Clip brachte 18.017 Aufrufe bei YouTube und einen freundlichen Antwortbrief von Frau Grütters, in dem die Ministerin schreibt, dass es sie ärgere, dass sich einzelne Jobcenter so bürokratisch zeigten, obwohl die Regierung genau dies verhindern wollte. Der Brief endet mit den Worten: „Es tut mir leid, dass Sie so schlechte Erfahrungen gemacht haben, wo Sie uns doch so eine wunderbare Kunst schenken. Bitte verlieren Sie nicht den Mut und Ihre Spielfreude.“

„Ich erfülle nicht eine einzige Voraussetzung für diese Arbeit“

Nun bekommt Katharina Hoffmann zwar Geld vom Jobcenter, aber Arbeit hat sie nicht. Sie steht hinter ihrem Tisch in der Teststation und muss lachen, als sie erzählt, dass ein Jobvermittler sie als Personalsachverständige an einen Autozulieferer vermitteln wollte. „Ick hab der Firma geschrieben: Ich erfülle nicht eine einzige Voraussetzung für diese Arbeit, aber wenn Sie mal Stimmung auf Ihrer Betriebsfeier brauchen – ich stehe bereit. P.S. Bitte schicken Sie mir eine Absage, sonst bekomme ich keine Kohle mehr vom Amt.“

Katharina Hoffmann wird ernst, Kundschaft kommt. Eine junge Frau trägt ein winziges Baby im Tragegurt vor der Brust. Sie schaut ängstlich. Hoffmann dirigiert zwei Leute zur Seite und sagt: „Komm mal näher! Wie alt ist es denn?“ Die Frau sagt: „Sechs Wochen.“ – „Oh, mein erstes Corona-Baby. Wie heißt es denn?“, fragt Hoffmann und bringt die Frau zum Lächeln.  

Volkmar Otto
Katharina Hoffmann in der Schnelltest-Station.

Als sie weg ist, sagt Katharina Hoffmann: „Ich kann einfach nicht nur zu Hause hocken. Ich brauche Menschen.“ Auch deshalb jobbt sie hier. „Ich bin vor allem deshalb Künstlerin, weil ich mit Menschen zusammen sein will, weil ich sie beobachten will, über sie nachdenken, über sie schreiben, über sie reden, mit ihnen lachen.“

Nach dem Ende ihrer Schicht schlendert Hoffmann unter Bäumen entlang, blinzelt in die Sonne und dreht sich auf einer Bank eine Zigarette. „Ich rauche gern. Aber immer nur so viel, dass ich noch ganz lange rauchen kann.“ Das ist ihre Art von Humor. Sie erzählt, dass viele Künstlerinnen und Künstler pleite sind. Ihre Kritik: Auch im Lockdown gebe es quasi eine Arbeitspflicht für Fabrikarbeiter, aber kein Arbeitsrecht für Künstler. „An alle möglichen Berufe wird gedacht, aber wenn es richtig hart kommt, dann ist die Kunst offiziell zwar wichtig, aber wir Kunstschaffenden sind nicht so systemrelevant.“

Sie steht auf und holt ihre Jacke aus der Teststation. Das Lokal ist eine Selbstkosten-Bar. Die Drinks kosten nur so viel, dass die Unkosten wieder eingefahren werden, die Miete und der Lohn für Barmixer. Und weil hier ganz bewusst niemand Gewinn gemacht hat, gibt es keine Rücklagen und auch kein Hilfsgeld. Als es mit der Miete eng wurde, kam ein Stammgast – ein Arzt – auf die Idee mit der Impf-Station. Die soll nun die Miete einspielen. „Ich arbeite jetzt hinter dem Tresen, damit ich nach Corona wieder vor dem Tresen feiern kann“, sagt Hoffmann. „Und ich arbeite ehrenamtlich hier.“ So wie all die anderen Künstler, die Schauspieler, Autoren, Fotografen, die Stammgäste. All die Überlebenskünstler.

Endlich wieder auf der Bühne

Endlich steht Katharina Hoffmann wieder auf einer Bühne. Sie hat den Schlüssel für die Scheinbar in Schöneberg, das kleinste Theater Berlins. Abgewetzte schwarze Bretter, die für sie die Welt bedeuten, ein weißes Klavier. Hoffmann trägt eine rote Latzhose.

Sie stellt die Scheinwerfer ein und die Soundanlage, dann singt sie ein traurig-schönes Lied. Sie wollte es so. Sie wollte einfach mal wieder vor Publikum auftreten, auch wenn das aus nur einem Journalisten besteht. Als das Lied verklungen ist, bricht auf der Bühne wieder dieser Hoffmann-Orkan los, dieses schlaue und schnodderige Rumfabulieren über das Leben und Corona. Sie spricht ihre Sätze mit großer Selbstverständlichkeit, als wäre die Pandemie gerade vorbei und sie bei ihrem ersten Auftritt danach. Sie lässt sogar Pausen für die Lacher. Sie hat eine Träne im Augenwinkel.

Imago
„Alarmstufe Rot“ – Katharina Hoffmann auf der Bühne am Brandenburger Tor bei einer Demonstration der Veranstalterbranche im September.

Als Schauspielerin hat sie natürlich eine Meinung zur Aktion #allesdichtmachen, für die mehr als 50 Kolleginnen und Kollegen kurze Spots gedreht hatten, in denen sie Beschlüsse der Corona-Politik ironisch oder sarkastisch überhöhen. Kaum waren sie veröffentlicht, brach ein Shitstorm los. Katharina Hoffmann sagt, dass sie nicht alle Spots gesehen habe, einige hätten ihr gefallen, andere nicht. Eines jedoch störe sie sehr. „Jetzt sitzen wieder alle da und entschuldigen sich oder distanzieren sich.“ Die einen distanzierten sich von ihren Filmen, die anderen entschuldigten sich dafür, dass ihr Shitstorm zu heftig war. „Das zeigt mal wieder, wie durchgedreht die Leute inzwischen sind.“ Es werde sofort mit harten Vorwürfen hantiert, von Zynismus sei die Rede, von Menschenverachtung, von AfD-Nähe. „Wieder gibt es keinen Dialog, sondern nur Unterstellungen und Schuldzuweisungen.“ Sie holt Luft. „Das Traurige ist doch, dass wieder nicht über die eigentliche Sache geredet wird, darüber, wie viele Künstler nun ohne Arbeit dastehen.“

Sie selbst macht auch immer wieder Videos, um sich künstlerisch auszudrücken. Eines hat nun für Aufmerksamkeit gesorgt – eine bitterböse Szene über Regisseure und die Besetzungscouch, über MeToo und alternde Schauspielerinnen. „Danach hat sich eine Agentur bei mir gemeldet“, sagt sie. „Ist ja wirklich toll, aber nun brauche ich neue professionelle Schauspielfotos von mir. So zehn, zwölf Motive. Die kosten 700 Euro. Der Mann vom Jobcenter hat gesagt: Wir geben fünf Euro pro Bild dazu.“ Wieder lacht sie ihr kratziges Lachen und sagt: „Das ist die Realität.“

Die Realität ist für Leute wie sie nicht alles. Ihre Hoffnung hängt draußen, an der Wand der Scheinbar. Unter einem alten Plakat lugt ein noch älteres hervor, das für ihr Programm wirbt. Jenes Programm, das kurz vor Corona fertig war und das sie bis heute nicht aufführen konnte. Von dem Plakat ist nicht viel zu sehen, nur der Titel: „Die Hoffmann stirbt zuletzt.“