Sei ein kühner Polynesier! Stand-up-Paddling auf der Spree mit Industrie-Schick
Sabine Gudath

BerlinLetzte Woche rief mein Freund Nico an. Er fragte: „Hey, kommst du mit zum Stand-up-Paddling?“ Am liebsten hätte ich sofort „Nein!“ gesagt, weil ich diese modischen Sportarten und Fortbewegungsmittel mit englischen Namen immer schon verdächtig fand. Ich würde lieber sterben, als auf einem E-Scooter durch die Stadt zu rollen. Und auch dem Snowboard stehe ich seit jeher skeptisch gegenüber.

Meine persönliche Erfahrung ist nämlich die, dass eine Sportart nur dann wirklich toll ist, wenn sie auch in der deutschen Übersetzung einigermaßen glaubwürdig und halbwegs lässig rüberkommt. Mag ich Fußball? Selbstverständlich! Schätze ich Tischtennis? Auf jeden Fall! Aber hätte mein Freund Nico gefragt: „Hey, kommst du mit zum Stehpaddeln?“, dann wäre sofort die ganze Absurdität dieses Unterfangens deutlich geworden, weil es doch überhaupt keinen Grund gibt, im Stehen zu paddeln, wenn man das auch im Sitzen tun kann, oder?

Aber es war ein sonniger Tag, und ich hatte nichts zu tun, deshalb sagte ich: „Stand-up-Paddeln! Das wollte ich schon immer mal ausprobieren!“ Ich bereute diesen Satz, als ich eine halbe Stunde später die beiden tonnenschweren Säcke ins Auto wuchtete, in denen die aufblasbaren Boards steckten. Ich bereute diesen Satz ein zweites Mal, als ich eine Stunde später in der prallen Sonne das Board aufpumpen musste. Zum Glück wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie oft ich diesen Satz an diesem Tag noch bereuen würde.

Bevor wir in See stachen, erklärte Nico mir die Grundsätze des Stehpaddelns, das offenbar von polynesischen Fischern erfunden wurde. Das Schöne am Stehpaddeln, sagte Nico, sei dieses majestätische Gefühl: „Man läuft quasi über das Wasser.“ Ich fragte, ob man da nicht ziemlich wackelig stehe, auf diesem Brett. Nico schaute mich belustigt an, er sagte, die Boards seien sehr stabil. „Niemand fällt von einem Stand-up-Paddleboard ins Wasser!“ Das fand ich beruhigend, und das war auch der Grund, warum ich meine Sachen anbehielt, als wir endlich auf die Bretter stiegen. Zwischenzeitlich war die Sonne verschwunden, und ein ordentlicher Wind blies über den See.

Ich folgte Nicos Anweisungen und fuhr zunächst in der Hocke, um ein Gefühl für das Brett zu bekommen. Mein Gefühl war schon recht bald recht eindeutig: Dieses Brett war wackeliger als Wackelpudding. Ich fragte Nico, ob das am Anfang normal sei. Wieder sah er mich belustigt an, wobei sich in seinen Blick bereits eine Spur Verachtung und eine gehörige Prise Enttäuschung mischte. Seine Augen schienen zu sagen: „Alter, meine einbeinige Großmutter würde hier eine bessere Figur machen als du! Halt endlich die Fresse und mach ein bisschen Fahrt!“

Recht hat er, dachte ich, letztlich ist so ein Gefühl doch immer auch eine Frage der inneren Einstellung. Ich beschloss, ab sofort ein kühner Polynesier zu sein, richtete mich auf und rammte entschlossen das Stechpaddel in die raue See.

Womöglich war ich etwas überambitioniert, jedenfalls geschah es nach etwa zehn Minuten, dass ich nach einer besonders engagierten Bewegung mit dem Stechpaddel ins Wanken kam, vom Brett fiel und beim Eintauchen ins Wasser mit dem Kinn an die Brettkante schlug. Halb betäubt versuchte ich, mich an der Oberfläche zu halten, und der Satz von Nico hallte in meinem schmerzenden Schädel: „Niemand fällt von einem Stand-up-Paddleboard ins Wasser!“

Das alles ist jetzt sechs Tage her. Ich kann schon wieder feste Nahrung zu mir nehmen und ich weiß mittlerweile, dass es kein Zufall ist, dass die Polynesier sehr klein sind und extrem breite Füße haben. Wie übrigens auch mein Freund Nico. Ich weiß jetzt auch, dass ich in Zukunft stärker meinen Instinkten folgen muss. Die sagen mir zum Beispiel, dass ein Ruderboot eine sehr schöne Sache ist. In diesem Sinne, Schiff ahoi!