Die beiden wichtigsten Orte meiner Kindheit waren Ludwigsfelde und Prerow. In Ludwigsfelde, die Ludwigsfelder sagen Lu, einer Automobilbauerstadt am südlichen Berliner Stadtrand, wuchs ich auf, ging in den Kindergarten und in die Schule. Die Kleinstadt war untrennbar mit dem W50 verbunden, einem Fünftonner, der heute noch im ganzen früheren Ostblock zu finden ist. Mit dem ersten, der 1965 vom Fließband lief, bekam die proletarische Siedlung Ludwigsfelde überhaupt erst das Stadtrecht, und meinen Führerschein machte ich 1987 zwar in Berlin, aber natürlich auf einem W50.

Mein Vater fuhr in einem Saporosch durch Ludwigsfelde. Eigentlich hieß der Kleinwagen Saporoschez, aber in der DDR sagte man Saporosch oder kurz Sapo. Und jeden Sommer reisten wir in unserem Trabant an die Ostsee auf die Halbinsel Darß, um zwischen den Dünen am Meer am größten Nacktbadestrand der Welt zu zelten. Wenn Nebel war, leuchtete der Leuchtturm nicht nur, sondern es blökte auch das Nebelhorn. Es gab dort Erdkröten, Frösche und Schlangen, herrliche Tiere.
Doch jetzt fahren mein Berliner Fußballfreund Dima und ich durch Uruguay, und nichts könnte ferner sein als diese beiden Orte.

Ein westdeutscher NSU Prinz

Es ist zum Verzweifeln. Ich habe den Auftrag, für die Berliner Zeitung über zwei Trabants zu berichten, die in Uruguay herumfahren, aber sie sind nicht zu finden. Woher weiß ich, dass es überhaupt Exemplare des ostdeutschen Kleinwagens in dem kleinen südamerikanischen Land gibt? Das ist das Schlimme: Ich weiß es nicht. Ich hatte es von Fernando in Montevideo erfahren. Ich war durch eine Straße in der Nähe der Altstadt gelaufen, als ich ein Motorengeräusch hörte, das ich aus meiner Kindheit kannte. Ein Saporosch! Hier in Montevideo! Und so einer fuhr an mir vorbei.

Ich fotografierte ihn während der Fahrt und lief in die Richtung, in der das Auto verschwunden war. Da sah ich am Straßenrand einen westdeutschen DKW von ungefähr 1950, den man getrost als Vorgänger des Trabant bezeichnen kann. Und an der nächsten Ecke stand der Saporosch, und Fernando stieg aus. Ich eilte zu ihm, und wir unterhielten uns über Autos. Fernando war ein Oldtimer-Sammler von ungefähr 60 Jahren mit einem Faible ausgerechnet für westdeutsche Kleinwagen. 

Es stellte sich heraus, dass es kein Saporosch war, sondern ein westdeutscher NSU Prinz. Der wiederum war das Vorbild für den sowjetischen Saporosch gewesen. Fernando hatte früher, erzählte er, zehn DKWs, inzwischen war nur der eine übrig geblieben, der eine Ecke weiter parkte. Und als ich von meiner Herkunft aus der DDR erzählte, sagte er mir, dass es in Uruguay zwei Trabants gebe.

Auf der Suche nach dem Kübeltrabant in Punta del Este

Die Trabants von Uruguay ließen mir keine Ruhe. War das nicht eine wahnsinnig spannende Geschichte, wie die Autos aus dem ostdeutschen Sozialismus ins kapitalistische Südamerika gekommen waren? Die Berliner Zeitung war derselben Meinung, und ich fragte Fernando nach Details über die Trabants. Leider hatte er keine.

Es war acht Jahre her, dass er in der Stadt Punta del Este einen Kübeltrabant gesehen hatte, was mich erst richtig anfixte: Ich selber hatte fast 15 Jahre einen Kübeltrabant besessen, die Armee-Version des Autos, eine Art Cabriolet ohne Türen, und war damit mit meinen Töchtern und Touristen durch Berlin gefahren.

Dima und ich fahren trotz dieser längst verwehten Spur über 140 Kilometer entlang der Küste des Rio de la Plata, einem mehrere hundert Kilometer breiten schlammigen Fluss, in die Urlauberstadt nach Osten. Dort zeige ich das Foto eines Kübeltrabants Taxifahrern, Tankwarten, Zeitungshändlern, Betreibern eines Oldtimer-Museums, Bewohnern, insgesamt sicher 20 Menschen, und keiner von ihnen hat jemals ein solches Auto gesehen.

„Ich glaube ich spinne, ein W50!“ 

Fast 300 Kilometer weit sind wir auf erfolgloser Odyssee. Die Geschichte über die Trabants von Uruguay muss ungeschrieben bleiben. Wir sind gescheitert. Wir verlassen die anscheinend nur aus hässlichen Hochhäusern bestehende Ortschaft und fahren durch Gischtwolken, die das Meer über die Straße treibt.

Durch die Pampa geht es zu einem Naturschutzgebiet, das als Hippie-Siedlung Cabo Polonio berühmt ist. Weiter war ich noch nie von Ludwigsfelde, Prerow und der Ostsee entfernt, und doch erinnert mich die Landschaft mit ihren Kiefernwäldern sehr an die Halbinsel Darß. Gerade will ich gelangweilt einschlafen, da glaube ich, meinen Augen nicht zu trauen: ein W50! „Hier!“, schreie ich Dima an: „Halt! Sofort umdrehen! Ich glaube ich spinne, ein W50!“

Ich habe schon für viele Überraschungen bei ausländischen Freunden gesorgt, zum Beispiel in Addis Abeba, als ich ähnlich aufschrie, meine äthiopische Künstlerfreundin einfach stehen ließ und auf die Straße stürzte, um einen W50 zu fotografieren. Gleiches ist mir auf Sansibar, auf Kuba, in Bulgarien und immer wieder im Berliner Umland oder Berlin passiert.

Mit dem Laster ins Hippie-Dorf Cabo Polonio

Wir sind am Terminal für Cabo Polonio. Terminal klingt nach Flugzeug oder wenigstens Bus oder Bahn. Aber es eine ganz andere Art von Station: Es ist ein W50-Bahnhof! Denn es ist nicht nur ein W50, es sind nicht nur zwei oder drei – es sind, wie mir scheint, unendlich viele: ein olivgrüner, ein roter, ein gelber und ein weißer, alle mit Allradantrieb, und bei allen ist die frühere Ladefläche mit Sitzen ausgestattet, und sogar über dem Dach ganz vorn kann man Platz nehmen.

Ich spreche mit Edi, dem Chef. Eine Fahrt auf dem W50 kostet 125 Pesos, das sind etwas mehr als drei Euro. Die Fuhrgesellschaft heißt „El Safari del Cabo“. Die einzige Art, über sandige Pfade durch die Dünen und über den Strand in das Hippie-Dorf Cabo Polonio zu kommen, ist eine Fahrt auf diesen Lastern. Edi sagt: „Für acht Kilometer Zuckersand und Schlamm bei Wolkenbrüchen braucht man robuste Fahrzeuge.“

Keine Straßen, kein Strom, kein Wasser

Cabo Polonio hat knapp 100 Einwohner, aber jeden Tag bringen die W50 die vielfache Menge Touristen hin und wieder zurück. Sie alle wollen in das Surferparadies an einer der größten Seelöwen-Kolonien und an die fantastischen Strände mit den größten Wanderdünen Südamerikas. Strände, die auch in der Hauptsaison kilometerlang und menschenleer zum Baden im warmen Wasser einladen.

Es gibt keine Straßen, keinen Strom, kein Wasser. Das soll auch so bleiben, um die Reize der Touristenattraktion zu bewahren. Der Name stammt im Übrigen von „Cabo Apolonio“, also nicht nach Polen, sondern nach Apollo ist das Paradies benannt. Dort steht die W50-Station, die aussieht wie aus einem Western: zwei Läden, Restaurants und Hostels, aber kein Geldautomat und kein WLAN.

Leider machen Dima und ich lauter wahnsinnige Sachen: zu Fuß nach Cabo Polonio laufen, was mehrere Stunden dauert, ich suche nach Schwarzkrötchen, von denen es hier eine besonders seltene Art geben soll. Das Schwarzkrötchen ist das Wahrzeichen des Nationalparks.

Ich fotografiere die W50 am Strand, springe ins Meer, es ist herrlich, sich von den Wellen herumwerfen zu lassen. Ein Handtuch habe ich auch vergessen, bemerke ich, und beginne erbärmlich zu frieren. Wir steigen auf den Leuchtturm – Visita de Faro 30 Pesos – als wäre es unten nicht schon windig genug, und wir holen uns Ohrenschmerzen. Dann unternehmen wir eine Fahrt mit Edi ganz oben auf dem trunkenen W50-Schiff, wir sind so durchgefroren, dass uns die Abgaswolke des Grobstaubdiesels als Wärmequelle sehr willkommen ist.

Dima fährt dann allein weiter durch Uruguay. Ich muss hierbleiben und Edi noch viele Fragen stellen, nicht im Leben hätte ich gedacht, dass ein Ort gleichzeitig das Paradies für Schwarzkrötchen, Seelöwen und W50 sein kann.

Der legendäre „El Francés“ 

Edi heisst eigentlich Edison Lorenzo und kommt aus Florida, einer Kleinstadt 100 Kilometer nördlich von Montevideo. Später ist er in die Hauptstadt gezogen und vor 20 Jahren nach Cabo Polonio. Er war vorher schon regelmäßig nach Aguas Dulce gekommen und hatte den legendären „El Francés“ kennengelernt, „den Franzosen“, der Touren zwischen Cabo Polonio und Barra de Valizas anbot. „El Francés“ stellte ihn ein, und sie arbeiteten zusammen bis zu seinem Tod. Dann kaufte Edi die Firma von der Witwe.

Und hatte dieser Franzose schon einen DDR-Laster? „Nein, er begann mit Jeep, Jeep Willys Truck, später einem amerikanischem Chevrolet, Dodge Guerrero und einem Magirus Deutz.“

„Haben dich schon viele Ostdeutsche wegen der IFA-Laster angesprochen?“ Nein, ich sei der erste.

Edi erzählt: „Einige Firmen nach ,El Francés‘ boten diese Fahrten an. Aber sie benutzten Fahrzeuge, die nicht den geringsten Sicherheitsstandards genügten. Es ist ein Wunder, dass sich keines bei der viel zu hohen Geschwindigkeit überschlagen hat.“

Verrückte Tage in Uruguaq

Ich fahre die Strecke von knapp zehn Kilometer durch die Dünen fünfmal oder mehr, einmal vorn neben Fernando, dem Stammfahrer dieses Lasters, deutlich jünger als der Oldtimer-Fernando aus Montevideo. Ich kann mein Spanisch ausprobieren und erfahre, dass er 38 ist und eine zwölfjährige Tochter hat.

Verrückte Tage vergehen, in denen ich Seelöwen und W50 fotografiere, in denen ich das hier legale Marihuana rauche und meine hier illegale E-Zigarette. Tage, in denen ich mit jungen Uruguayos, Argentiniern und Chilenen Gitarre und Fußball spiele, Tage, in denen ich tue, als wäre ich nicht knapp 50, sondern 18. Nächte, in denen die Kerzen des Dorfes ohne Strom nicht das Strahlen der Sterne mindern, in denen der Leuchtturm leuchtet, der Wind stürmt, in denen gesungen, geraucht und getrunken wird.

Hell leuchtet die Milchstraße und heißt nicht Camino de leche, sondern Via lactata, wie ich von einer neu zugezogenen Frau erfahre, einer Kassiererin in einem Discount-Supermarkt. Später sehe ich sie eng umschlungen mit Pablo an einer Düne.

Als ich wieder auf einem W50 ins Dorf gondle, frage ich mich, wie man so blöd sein kann, bei ziemlicher Schweinekälte schon angeschlagen noch zu baden und dann nur mit T-Shirt und kurzer Hose bibbernd auf dem Hochstand eines Lasters am Meer entlangzufahren.

Ich sitze vor der blauen Holzhütte meiner neuen Freunde. Pablo imitiert versteckt im hohen Gras ein Wildschwein oder Ungeheuer, will eigentlich Gaston erschrecken, stattdessen sitze ich da. Die Heiterkeit ist groß, da ich ja vor Schreck keinen Herzanfall erlitten habe.

30 Kilometer Dünen, haushohe Wellen und Surfbretter in jeder Hütte

Jemand bittet mich um Feuer, nimmt mein Feuerzeug und erklärt mir, dass er im Nebenhaus wohne, aber bekundet mit keiner Silbe die Absicht, es mir zurückzubringen und tut es auch nicht. Erfahre später, dass die Urugayos Feuerzeuge niemals zurückgeben.

Bei Dunkelheit ist der Leuchtturm der Orientierungspunkt, noch eine Gemeinsamkeit mit Prerow. Das hier ist Prerow hoch zehn! 30 Kilometer Dünen, haushohe Wellen von warmem Wasser, Surfbretter in jeder Hütte!

Ich übersetze eine Strophe aus dem Lied „12 Sekunden der Dunkelheit“ von Jorge Drexler, der darin den Leuchtturm von Cabo Polonio besingt:

„Ein Leuchtturm für den Tag,
führt solang er zu drehen vermag.
Nicht das Licht ist wichtig himmelweit,
sondern die 12 Sekunden Dunkelheit.“

Eine unruhige Nacht zwischen den Dünen

Ich schlafe allein am Strand, der Wind weht einfach eiskalt durch den Schlafsack hindurch, und ich glaube, vor Husten zu sterben. Gegen Mitternacht ist es wirklich arschkalt, ich friere und huste, versuche die Stranddecke als Windschutz überzulegen, niese, habe bald irrsinnige Kopfschmerzen. Erst um vier Uhr finde ich in einer Kuhle zwischen den Dünen Schlaf.

Die Kopfschmerzen am Morgen sind nicht sonderlich gering, aber bis die Sonne recht hoch am Himmel steht, also bis nach 10 Uhr, kann ich schlafen.

Der Wahnsinn ergreift mich, weil ich vor einer bedrohlichen Wolkenfront bei der womöglich letzten Sonne in den Atlantik springe, das bei der Kälte draußen und ohne Handtuch. Ich mache also alles, was einer unterlassen sollte, der die ganze Nacht wie ein heiserer, sterbender Hund gehustet hat.

Zum Aufwärmen setze ich mich in ein mit einem Fischmaul und vielen Katzen ausgestattetes Café, wo ich einen Café con leche trinke, schlecht, aber nach so einer Nacht ist alles gut.

„Ich wusste nicht, dass er aus der DDR kommt“

Inzwischen habe ich alle W50 mehrfach fotografiert, aber vielleicht ist der eigentliche Höhepunkt meiner Reise, dass ich Edi immer besser verstehe, und was er sagt, ist sensationell! Die Laster stammen aus einer Quelle, die ich nie für möglich gehalten hätte! Ich frage ihn, wann und wo er das erste Mal so einen ostdeutschen Laster gesehen hat? In Uruguay?

„Vor 25 Jahren hier in Cabo Polonio, einen Magirus Deutz! Den habe immer noch, weil ich ihn gekauft habe und mit ihm hier seit vielen Jahren arbeite. Ich wusste nicht, dass er aus der DDR kommt.“ Ich merke, dass er keine sehr genaue Ahnung von deutschen Lastwagen und dem Unterschied zwischen der DDR und Westdeutschland hat.

Auktionen der Armee in den Flugzeughallen in Montevideo,

Ich frage ihn, ob er jemals von der Stadt Ludwigsfelde in der DDR gehört hat. Nein, aber durch Google habe er erfahren, dass die IFAs dort herkommen. Sie nennen die W50 hier IFAs, weil die Buchstaben groß auf der Mitte des Kühlergitters prangen. Dass IFA eigentlich ein Überbegriff für alle Fahrzeugbauer der DDR und die Abkürzung für „Industrieverband Fahrzeugbau“ ist, kann er nicht ahnen. Das weiß ja selbst in Deutschland kaum jemand.

„Ich wusste, dass die Laster aus Deutschland kommen, aber nicht genau, woher. Es hat mich sehr gefreut, zu erfahren, dass sie als robust und hochwertig gelten.“ Jedes Jahr gebe es Auktionen der Armee in den Flugzeughallen in Montevideo, in denen sie veraltete Technik verkaufe, und dort habe er letztes Jahr die W50 gekauft. Jetzt bin ich baff:

„Die W50 stammen von der uruguayischen Armee?“ Edi bestätigt es: „Die Armee kauft Lastwagen aus anderen Ländern, die in Kriegen benutzt wurden. Ich bin mit den Fahrzeugen sehr zufrieden.“ Leider weiß er nicht, in welchem Land und in welchem Krieg sie im Einsatz waren. Edi hat in seiner Werkstatt im 25 Kilometer entfernten Castillos Räder und Karosserie um- sowie Sitze eingebaut.

Seine W50 wurden zwischen 1984 und 1986 gebaut und haben zwischen 5000 und 10.000 Dollar gekostet. Sie waren schon lange stillgelegt, Teile fehlten. Die meisten Kosten fielen nach dem Kauf an. Um sie fahrbereit zu machen musste er nochmal 20.000 bis 25.000 Dollar pro Laster investieren: „Sie waren so billig, weil sie wegen fehlender Ersatzteile für die Armee nutzlos waren.“ Er lädt mich zu einem Eis ein.

Ein Souvenir vom Hippie-Strand

Und wieder fahre ich auf einem W50 durch den Nationalpark, durch Wald, durch Dünen bis zum Horizont, am Strand mit den hohen Wellen entlang, über eine Flussmündung ins Dorf. Will eigentlich noch einiges sehen, dann döse ich aber in der Sonne vor der Hütte weg für ich weiß nicht wie lange. Gehe wieder zur Busstation, W50 fotografieren, leider hat sich ein Stück Dreck in der Linse festgesetzt, das man nicht sehen oder entfernen kann, das aber auf jedem Foto einen schwarzen, länglichen Fleck hinterlässt. Ein Souvenir vom Hippie-Strand.

Gelungenes Quiche esse ich von Zäzilia, einer Schweizerin, die ich aus dem argentinischen Cordoba kenne. Gaston ist der, dessen Rastalocken Zäzilia gestern versucht hat zu retten oder zu kultivieren. Sie müssen schon irgendwie beschnitten werden, damit sie so schön werden wie bei ihr. Pablo studiert Business und war in Brasilien.

Uruguaq und die selbstverständliche Gastfreundschaft

Wieder kiffe ich mit Zäzila, Gaston, Pablo und Rodrigo, musiziere, quatsche. Kurz: Ich gammele den Tag in und an der blauen Hütte herum. Zwischendurch Anflüge von Sport, Handstand, auf einen Kletterbaumstumpf klettern, wo ich bei den starken Windböen befürchte, heruntergeweht zu werden. Wie schön sich in meinen Gesicht Todesangst zeigt, wenn ich sie habe. Schauspielern könnte ich das nie. Komme in den Genuss der selbstverständlichen Gastfreundschaft hier, Risotto, später selbst gebackenes Brot und Sportzigarette mit Mangogeschmack.

Man kann hier Wale und Delfine sehen, erfahre ich, aber die Zeit ist um und auch die Darwin-Kröte, die es nur hier gibt, habe ich nicht gefunden. Auf einer Düne sitzend spiele ich auf meiner Zigarrenkisten-Gitarre den Abschiedsblues. Morgen muss ich los. Und da kommen sie an die Hütte, die Schwarzkrötchen, und zwar die besonders seltenen Darwin-Krötchen, spanisch Sapito de Darwin, wissenschaftlich Melanophryniscus montevidensis.

Ich verlasse die W50 von Uruguay

Kein Regen in der Nacht, am Morgen nehme ich den ersten W50 zum Terminal an der Hauptstraße. Abschied von Zäzilia, Pablo, Rodrigo, Gaston und den anderen, bei denen ich nicht einmal mehr versucht habe, mir die Namen zu merken, und letzte Fahrt auf einem dieser trunkenen Dünenschiffe bei Sonnenaufgang.

Am Terminal Abschied von Fernando, dem W50-Fahrer, mit dem ich vorn mitfahren durfte, und auch von seinen Kollegen und von Edi. Ich verlasse die W50 von Uruguay, und ich werde zurückkehren, ich habe mein Prerow gefunden.

Ich fliege zurück über Berlin nach Ludwigsfelde, und für meinen nächsten Besuch ist schon klar, was ich versuchen werde, herauszufinden. Wie zur Hölle kommen Laster aus der sozialistischen DDR in die Bestände der Armee des kapitalistischen Uruguay?