Die Räumung der Kneipe Syndikat sorgt für Streit.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Waechter

BerlinMehr als tausend teils aggressive Demonstranten und Anwohner, 700 Polizisten im Einsatz, 45 vorläufige Festnahmen innerhalb von zwölf Stunden, vereinzelte Stein-, Flaschen- und Böllerwürfe, nachts brennende Barrikaden auf der Straße, sechs leichtverletzte Polizisten. Das ist viel Aufwand für die Räumung einer Kneipe, die seit längerer Zeit keinen Mietvertrag mehr hat.

Die Kneipe Syndikat in der Weisestraße in Neukölln ist geräumt worden. Der Rechtsstaat hat gehandelt und einen Gerichtsbeschluss umgesetzt. So einfach ist das. Außerdem, und das gehört mit zur Wahrheit, verlief die endgültige Räumung weitgehend friedlich. Als der Gerichtsvollzieher mithilfe des Schlüsseldienstes in die Kneipe gelangte, fiel die Straßenschlacht aus.

Ist es wirklich so einfach? Wohl kaum. Mit dem Syndikat verschwindet nach mehr als 30 Jahren eine Kneipe, der im Schillerkiez auch eine soziale Funktion zugeschrieben wird. Im Syndikat traf sich die Nachbarschaft, die Kneipe war für manche so etwas wie das verlängerte Wohnzimmer inmitten einer sich verändernden Umgebung. Allein deswegen mag der Verlust bedauerlich für den strukturell armen Kiez sein, der sich seit Jahren gegen Gentrifizierung wehrt. Dass manche Akteure dabei über das Ziel hinausschießen, ist aber auch eine Wahrheit.

Vor allem aber ist das Aus des Syndikat ein weiteres Beispiel dafür, dass das boomende Berlin ein Tummelplatz von Immobilienspekulanten aus aller Welt ist, organisiert mit einem schwer durchschaubaren Netz aus Briefkastenfirmen mit dem Ziel der Steuervermeidung und der Gewinnmaximierung. Seit langem fordert Finanzsenator Kollatz einen Schutz vor solchen Machenschaften und eine „Publikationspflicht für Gewinne, Erträge und Umsätze international agierender Firmen“ sowie eine „effektive Mindestbesteuerung“. Das ist die Wahrheit hinter der Wahrheit.