Die Wahrheit über die „nordische Rasse“: Dunkle Haut und blaue Augen

Forscher haben die Gene der Schamanin von Bad Dürrenberg erkundet und die Steinzeitfrau zum Reden gebracht – auch über ihre spirituellen Fähigkeiten.

Porträt der geheimnisvollen Frau von der Saale, rekonstruiert auf Basis der aktuellen genetischen Erkenntnisse zu Haar-, Augen- und Hautfarbe sowie anatomischen Schädelstudien. 20 Prozent ihrer DNA steckt noch in der Mehrzahl der heutigen Europäer.
Porträt der geheimnisvollen Frau von der Saale, rekonstruiert auf Basis der aktuellen genetischen Erkenntnisse zu Haar-, Augen- und Hautfarbe sowie anatomischen Schädelstudien. 20 Prozent ihrer DNA steckt noch in der Mehrzahl der heutigen Europäer.Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen Anhalt/Karol Schauer

Diese Frau lebte vor 9000 Jahren in Mitteldeutschland an der Saale. Ihr Aussehen wurde auf der Grundlage ihrer DNA rekonstruiert. Sie gehörte zu einer Gesellschaft von Jägern und Sammlern, die nach dem Ende der Eiszeit Europa in Gruppen von etwa 25 Menschen durchstreiften. Ihr unversehrtes Grab, in dem auch ein Säugling lag, fand sich dort, wo heute Spaziergänger im Kurpark von Bad Dürrenberg mit weiter Sicht über den Fluss in die Ebene, vorbei am Hunnenstein, flanieren.

Paläogenetiker haben das Skelett der etwa Dreißigjährigen mit neuesten Methoden untersucht, ihr gesamtes Genom sequenziert und analysiert und konnten – wieder einmal – das Verständnis für die menschliche Evolution korrigieren: In diesem höchst erstaunlichen Fall haben sie alte Annahmen reihenweise vom Kopf auf die Füße gestellt.

Anders als Schulbücher und Museums-Dioramen seit Jahrzehnten suggerieren, waren jene frühen Menschen, die auf der Suche nach Nahrung die Tundra und später dichte Wälder durchstreiften, die „nordische Rasse“, nicht weiß und blond. Diese Menschen hatten vielmehr schwarze Haut, schwarze, glatte Haare und blaue Augen.

Wie dieser Nachweis gelang, beschreiben der Archäologe Harald Meller und der Historiker Kai Michel in ihrem Buch „Das Rätsel der Schamanin. Eine archäologische Reise zu unseren Anfängen“. Die Geschichte ist derart spannend und voller Überraschungen, dass sich die Autoren entschlossen haben, die Neuaufnahme dieses 9000 Jahre alten Ermittlungsfalles zu protokollieren. Nun ist er so weit aufgeklärt, wie man es vor wenigen Jahren noch nicht hätte erträumen können.

Eine Heilerin!

Da geht es bei weitem nicht um bloße Knochen-, Stein- oder Genbetrachtung, sondern um tief ins Menschliche reichende Fragen: Wie sind wir geworden, was wir sind? Welche uralten, spirituellen Bedürfnisse und Defizite prägen uns bis heute? Um nur eines der gelösten Rätsel zu verraten (wer alles wissen will, muss das Buch lesen): Die Ermittlungen legen nahe, dass die Frau eine Schamanin war, eine Heilerin, eine bedeutende Person, von deren Leistungen Menschen noch Jahrhunderte nach ihrem Tod wussten.

Ihr von Karol Schauers nach den bekannten Fakten rekonstruiertes Gesicht fasziniert. Und es irritiert – so wenig passt es in die gängigen Muster. Das erste, vor der Genanalyse gemalte Bildnis hatte die Frau noch hellhäutig, blond und mit braun-olivfarbenen Augen gezeigt. Jetzt steht fest: Die menschlichen Erstbesiedler unserer Gegend wiesen keines der Gene auf, die heute eine helle Hautfarbe verursachen.

Neue Kultur aus Anatolien

Die frei umherziehenden Menschen hatten Lagerplätze, auch in der Nähe des Grabes, in Mücheln-Möckerling und Halle Galgenberg. Keramik fand sich dort nicht, denn die brachten erst die aus dem Nahen Osten vor etwa 6000 Jahren einwandernden Ackerbauern in unsere Region. Diese von Anatolien aus mit neuen Kulturtechniken vorrückenden Menschen hatten übrigens helle Haut und braune Augen (Was das mit einer stärker vegetarischen Lebensweise zu tun hatte, erhellt das Buch). Entlang ihrer Wanderroute vermischten sie sich mit der Urbevölkerung, schließlich wurde die weiße Haut dominant. Das Erbgut unserer Schamanin weist noch keinerlei Spur von Einwanderergenen auf.

Bestandteile des Ornats, wie im Grab aufgefunden. Insgesamt enthielt das überaus ungewöhnliche Grab 52 Geräte (wie ein Steinbeil), Panzerbruchstücke von Schildkröten, 69 Schmuckelemente wie Zähne von Wildschwein und Hirsch, Feuersteinschneiden in einem Kranichknochen, einen Rötelstein usf.
Bestandteile des Ornats, wie im Grab aufgefunden. Insgesamt enthielt das überaus ungewöhnliche Grab 52 Geräte (wie ein Steinbeil), Panzerbruchstücke von Schildkröten, 69 Schmuckelemente wie Zähne von Wildschwein und Hirsch, Feuersteinschneiden in einem Kranichknochen, einen Rötelstein usf.Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen Anhalt/Juraj Lipták

Heute sollen wir Menschen dunkler Haut PoC nennen, People of Color. Deren Geschichte hat mit Zuwanderung in jüngerer Zeit zu tun. Von welcher Ideologie auch immer unser Bild vom freien, wilden Steinzeitvolk Europas geprägt war: Die mitteldeutsche Indigene führt vor Augen, wie abwegig das Sortieren von Menschen nach Äußerlichkeiten schon immer war. Björn Höckes alt-nordischer Rassismus zerrinnt.

Als das Grab in Bad Dürrenberg 1934 zufällig bei Bauarbeiten für einen Springbrunnen gefunden und sein Inhalt teilweise gesichert wurde, wiesen die damaligen Archäologen dem Fund hohe Bedeutung zu: Das Skelett war in sehr gutem Zustand und reich mit Beigaben ausgestattet, weshalb wohl niemand auf die Idee kam, es könne sich um eine Frau handeln. Steinbeil und Jagdutensilien? Ein Mann, ganz klar. Das Urteil war, wie so viele männliche Urteile aus den patriarchalischen Jahrhunderten, falsch. (Dieser Irrtum wurde zu DDR-Zeiten korrigiert, das Becken bewies die Weiblichkeit.)

Entdeckung des „Ur-Ariers“

Vor allem aber: Dem nationalsozialistischen Zeitgeist entsprechend sollte der Fund eines prominenten Jäger- und-Sammler-Grabes dem NS-Ahnenkult historische Substanz verleihen: Das musste ein Ur-Arier sein! Endlich ergab sich ein Anhaltspunkt, dass die Arier keine Migranten (!) aus Indien oder Persien waren, wie Sprachforscher meinten, sondern authentische Deutsche: Eine „Pfahlwurzel“ der Menschheitsgeschichte im „mitteldeutschen Boden“ sei gefunden, schrieb der Frühgeschichtler und Frühnazi Professor Julius Andree 1934.

NS-Forscher machten sich daran, ihr Konstrukt zu beweisen und liefern ein schlagendes Beispiel dafür, wie Wissenschaft einer modisch-knackigen Idee, hier der völkischen, dienstbar wird als Anpassung sachlicher Erkenntnisse an den politischen Bedarf. Gab es 1929 drei ordentliche Lehrstühle und einen außerordentlichen für das Fach prähistorische Archäologie, so schwoll deren Zahl nach 1933 auf 25.

Aber zur eigentlichen Sache, denn die Geschichte dieser Frau ist viel spannender als Volkheitsgerede.

Nach 1945 wusste man im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) durchaus, dass man mit den Funden von Bad Dürrenberg etwas Außergewöhnliches und Vorzeigbares besaß – das reichste Grab einer Epoche in Mitteleuropa. Doch erst die nach der Wende neu gestaltete Ausstellung verlieh dem Fund Präsenz, obwohl zunächst die Himmelsscheibe von Nebra, das spektakuläre Objekt aus der Bronzezeit, im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Harald Meller, seit 2001 Museumsdirektor in Halle, hatte die Himmelsscheibe Schatzräubern entwunden.

Wie die Europäer sesshaft wurden

2018 traf das Glück abermals sein Haus. Die weltweit führenden Institute für Archäogenetik, die in Jena und Leipzig seit Jahren das Bild von der frühen Menschheit revolutionieren, interessierten sich für das Skelett der Frau aus Bad Dürrheim. Sie gehörte zu 101 prähistorischen Menschenskeletten, mit deren Hilfe eine der großen Fragen erhellt werden sollte: Wie verlief hierzulande der Übergang von Jäger-Sammler-Gesellschaften zur Ackerbauernkultur?

Just zu dieser Zeit ergab sich in Bad Dürrenberg die Chance zu einer Nachgrabung; der Kurpark wurde für die Landesgartenschau hergerichtet. Das Grab war schnell lokalisiert, seine Umgebung in zwei Erdblöcken geborgen. Präzisionsarbeit ergab unfassbar glückliche Funde. Nun brachten Mediziner, Anthropologen, Materialspezialisten die Steinzeitfrau zum Reden.

Wohlgenährt und laktoseintolerant

Hier nur einige Erkenntnisse: Körperliche Anomalien versahen sie mit besonderen Fähigkeiten, zum Beispiel in Trance zu fallen, was die Steinzeitgesellschaft hoch zu schätzen wusste. Ihre Leute machten der Frau ein Dasein als berufsmäßige Schamanin und Heilerin möglich. Sie war also eine der ersten Spezialistinnen. Die salzhaltigen Quellen von Bad Dürrenberg spielten eine Rolle.

Man weiß, dass sie wohl genährt und laktoseintolerant war, in welchem Verwandtschaftsverhältnis ihre Eltern zueinanderstanden, dass das mit ihr gemeinsam beerdigte Baby nicht ihr Sohn war, wohl aber zur weitläufigen Familie gehörte. Gelenke und Muskelansätze zeigen: Sie lief nicht viel.

Rätselhaft bleibt zum Beispiel, warum die beiden oberen Schneidezähne im ansonsten tadellosen Gebiss so weit abgerieben (oder abgefeilt?) sind, dass die Pulpa freiliegt und tiefe Löcher bis an die Zahnwurzel reichen. Sie muss höllische Schmerzen erlitten haben. Warum?

Harald Meller und der Kai Michel bieten mehr als Fundpräsentation. Sie nutzen die Chance, um das Phänomen des Schamanismus regelrecht einzukreisen. Sie greifen damit eine Entwicklung auf, die sich in Industrieländern parallel zum Niedergang der hierarchischen Herrschaftsinstitution Kirche vollzieht.

Suche nach dem verlorenen Paradies

Die Autoren erkennen eine Suche nach dem verlorenen Paradies: Menschen strebten nach sozialer Nähe, wollten ihre Bedürfnisse mit der Natur und ihren Mitmenschen in Einklang bringen und entdeckten ihre als Jäger und Sammler über Jahrtausende in überschaubaren Gemeinschaften geformte Psyche wieder.

Die ursprünglich animistische Anschauung einer beseelten Welt erscheint heilsam für die unter Zivilisationsstress stehende Seele. Die ohne direkten menschlichen Kontakt darbenden künstlichen „sozialen Netzwerke“ erscheinen als Ersatz der verlorenen Gemeinschaft. Dass der wiedererwachte Respekt für Tiere seine Ursache in einem der animistischen Seele innewohnendes Bedürfnis hat, erscheint plausibel.

Die Autoren hängen nicht westlich-modern-schamanistisch-esoterischen Tendenzen an, zeigen sich aber respektvoll beeindruckt. Sie führen uns in die Welt der sibirischen und anderen Schamanen (merkwürdigerweise umgehen sie die afrikanischen), vergleichen Techniken und Gedankenwelten und vergessen nicht, immer wieder auf die Gefahr hinzuweisen, in die überall lauernden Denk-, Vergleichs- und Zuschreibungsfallen zu tappen: Von Zuständen und Kulten in der Gegenwart lebender Völker, auch wenn sie noch so archaisch erscheinen, auf die Vergangenheit zu schließen, verbietet sich – ebenso aus westlichen Krisen erstandene Schamanismusvorstellungen für ursprünglich und echt zu erklären.

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Rohwolt
Das Buch
Die Autoren: Harald Meller, Kai Michel

Der Titel: Das Rätsel der Schamanin. Eine archäologische Reise zu unseren Anfängen

Verlag und Ausstattung: Rowohlt 2022, 368 Seiten, zahlreiche Fotos, Zeittafel und Karte

Preis: 28 Euro

Cover: Die Darstellung der Schamanin auf dem Buchcover zeigt die Rekonstruktion der Grabbeigaben, die zu ihrem Ornat gehörten, zum Beispiel durchbohrte Tierzähne und Eberhauer und vor allem das Rehbockgehörn, gemalt von Karol Schauer

Sie führen uns zurück in die Zeit als mit dem Anlegen von Vorräten Besitz entstand, folglich das Interesse, diesen zu sichern: durch Eroberungs- oder Verteidigungskriege und die passenden Religionen. Erst die Existenz mächtiger Menschen, in der Regel Männer, führt zum Aufkommen starker Götter. Erst wenn Alleinherrscher große Reiche beherrschen, tauchen monotheistische Religionen auf.

Die Schamanin lädt moderne Menschen ein, sich mit ihren Ursprüngen zu befassen, denn im Grunde funktionieren wir wie die Altvorderen. Die Evolution hatte – bei aller Flexibilität des Homo sapiens – keine Chance, mit dem Entwicklungstempo der vergangenen paar Jahrhunderte mitzuhalten. Wir leiden an den sozialen Defiziten. Die Vertreibung aus dem Paradies des gemeinsamen Lebens erzeugt Phantomschmerz, der sich jedenfalls nicht mit materiellem Besitz heilen lässt. Einen Weg zurück gibt es nicht. Womöglich wird der Klimawandel zu einer Art Rückbesinnung zwingen.