Berlin - Vielleicht heißt diese Kreuzung eines Tages nach David Bowie. Derzeit ist es einfach nur ein Verkehrsknotenpunkt zwischen Nord und Süd, Ost und West, wo aus der Potsdamer die Hauptstraße wird, die Langenscheidt- sich zur Grunewaldstraße absenkt. Schwierig zu fahren sei die Strecke, sagt die Frau, mit der wir hier verabredet sind, „alles stressige Linien mit einem hohen Passagieraufkommen“. Wenn Susanne Schmidt auf eine Straße schaut, kann sie immer noch die Perspektive einer Busfahrerin einnehmen, obwohl sie das schon fünf Jahre nicht mehr ist.

Sie hatte diesen Beruf nur kurz ausgeübt und wäre gern dabeigeblieben. Ihr Buch „Machen sie mal zügig die Mitteltüren frei“ fällt zwar recht kritisch gegenüber den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) aus, aber freundlich gegenüber den großen gelben Fahrzeugen. „Mit einem Bus sind Sie immer mittendrin im Geschehen, vom Bus aus sehen Sie die ganze Stadt, erleben, wie sie sich verändert. Ich setze mich auch woanders immer als Erstes in einen Linienbus, um die Stadt kennenzulernen. Das sagt mir viel mehr, als in ein Café zu gehen oder auf einen belebten Platz.“ Susanne Schmidt lobt die Berliner Fahrgäste für ihre Freundlichkeit – eine selten hervorgehobene Eigenschaft. Auch deshalb ist es ein Gewinn, ihr Buch zu lesen.

Die BVG suchte ältere Frauen

Als Susanne Schmidt Busfahrerin wurde, begann sie mit Neugier und Enthusiasmus. Damals hatte die BVG Stellenanzeigen geschaltet auf der Suche nach „älteren Frauen“. „Wir bilden Sie aus, wir stellen Sie ein.“ Schmidt, seit 1976 Berlinerin, mit Erfahrungen als Erzieherin, Drehbuchautorin, Stadtführerin, Pförtnerin und Social-Media-Managerin, war 55, als sie das Versprechen der Anzeigen erreichte. Genau im richtigen Alter, um als stressresistent zu gelten und nicht mehr durch kleine Kinder abgelenkt. Bei der Verkehrsakademie wurde eigens eine Frauen-Klasse eingerichtet.

Wie viele Männer diese Neuerung für unnötig hielten, bekamen die Fahrschülerinnen von Anfang an zu spüren. Schon der erste Ausbilder begrüßte sie mit den Worten: „Ihr glaubt wohl, nur weil ihr Frauen seid, kommt ihr her und schnappt uns unsere Jobs weg, aber da habt ihr euch geschnitten!“

Von da an hat sich Susanne Schmidt Notizen gemacht. „Ich wollte das festhalten, ich hätte es mir sonst vielleicht später nicht mehr geglaubt.“ Die Notizen, die Grundlage für ihr Buch, habe sie alle aufgehoben. Solche Stapel sind das, sagt sie und formt mit beiden Händen einen kleinen Turm, während ihr die Haare ins Gesicht wehen. Wir flüchten von der windigen Kreuzung unter die Königskolonaden, die bieten ein wenig Schutz.

Im Buch erzählt sie chronologisch ihren Weg vom Einstellungsgespräch über den Unterricht bis zu den Touren oben in der Fahrerkabine. Die Abschnitte heißen nicht Kapitel, sondern Haltestellen. Schon wenn man bedenkt, dass sie 14 mit Inhalt füllt, Berlin aber insgesamt 6511 Bus-Haltestellen hat, leuchtet ein, dass Susanne Schmidt nur einen kleinen Ausschnitt betrachtet. Und da sie nicht nur munter, humorvoll, sondern zuweilen auch bissig schreibt, ist es gut möglich, dass sie mit dem Buch bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber nicht auf Begeisterung stößt. Skrupel habe sie deswegen nicht, sagt sie. „Ich plaudere ja keine Geheimnisse aus.“

Der Berliner Verlag Hanserblau hatte ein gutes Gespür, das Buch in sein Programm zu nehmen, denn zumindest von journalistischer Seite ist das Interesse schon groß, bevor es ab kommenden Montag in den Läden liegt. Da wurde genau geplant, welche Zeitung, welcher Radiosender ein Interview bekommt oder einen Vorabdruck. Das Buch könnte Stadtgespräch werden. „Wir sind Berlins gelbes Wahrzeichen“, wirbt die BVG für sich. „Eine Liebeserklärung an alle Heldinnen des Nahverkehrs“, wirbt der Verlag für das Buch.

Das Buch

Susanne Schmidt:
Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei.
Eine Berliner Busfahrerin erzählt. Hanserblau, Berlin 2021. 208 Seiten, 17 Euro. 

Erscheinungstag: 15.3.2021

Lesung: Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg,
Götzstr. 8, 20. Mai, 20:00 Uhr

Die Berliner Verkehrsbetriebe haben seit 2010 eine Frau an der Spitze. Als Sigrid Nikutta im vergangenen Jahr zur Deutschen Bahn wechselte, kam Eva Kreienkamp auf den Posten. Von den 15.300 BVG-Beschäftigten sind nur 20 Prozent weiblich, doch liege dem Betrieb, so steht es auf der Website, „die stetige Erhöhung des Frauenanteils am Herzen“.

Dass 2015 ausdrücklich ältere Frauen gesucht wurden, eine Spezies, die sonst in der Unsichtbarkeit verschwindet, hat Susanne Schmidt damals wie eine Befreiung empfunden. Sie schreibt: „Plötzlich öffnete sich eine Tür in einen von Männern beherrschten öffentlichen Bereich, der die ganze Stadt betrifft, ja, ihr in gewisser Weise ein Gesicht gibt. Es war nur eine kleine Tür, aber unser Jubel war umso größer, als wir davon hörten und ich mich mutig bewarb.“ Ihre Freunde, die wiederholt im Buch wie ein Anker in ihr altes Leben auftauchen, diskutierten mit ihr über die Diskriminierung von Frauen und älteren Menschen in der Arbeitswelt, verfolgten den Neustart mit großer Sympathie. „Wie sehr diese kleine Tür klemmt, dass niemand sie ölt, abhobelt, neu einhängt und weit öffnet, wussten wir da noch nicht.“

Die M48 nennt sie die „Linie des Grauens“

1492 Fahrzeuge, ob nun Doppel- oder Eindecker oder Gelenkbusse, verkehren auf den mehr als 150 Tages-Buslinien und rund 60 Nachtlinien. Spaß hatte Susanne Schmidt mit dem 200er-Bus, erzählt sie, vom Zoo am Tiergarten vorbei über den Alexanderplatz bis Prenzlauer Berg. Der liebste sei ihr der X9 vom und zum Flughafen Tegel gewesen, wegen der besonderen Stimmung. „Die Leute wollten alle zu einer Urlaubs- oder Dienstreise, ihnen stand also etwas Besonderes bevor, das war zu spüren. Auch auf dem Rückweg stiegen diese Fahrgäste mit anderen Eindrücken ein.“ Den M19 mit dem so unterschiedlichen Publikum vom Grunewald bis zum Mehringdamm in Kreuzberg mochte sie auch. An Frisuren, Kleidung, Taschen könne man da sehen, wo man gerade sei. Die M48 aber, die eben noch an uns vorbeigerauscht ist, nennt Susanne Schmidt die „Linie des Grauens“. Damals, als sie auf der Strecke fuhr, ging sie noch bis zum Alexanderplatz, jetzt endet sie an der Mohrenstraße. Von Zehlendorf bis nach Mitte sei einfach „unglaublich lang“, unmöglich, alle Haltepunkte pünktlich zu schaffen.

„Die meisten Leute betreten den Bus mit dem Gedanken: Endlich ist er da. Nicht alle können den in ein freundliches Nicken umwandeln.“

Susanne Schmidt

Und damit geht der Ärger für die Fahrgäste los. Jeder kennt das: An den Haltestellen hängen Pläne mit minutengenauen Abfahrtzeiten, auch die BVG-App suggeriert diese Pünktlichkeit, doch wie sollen die Fahrer, die vor sich auf der Busspur Fahrräder, überholende Taxis und parkende Pkw haben, die oft Baustellen und rangierenden Lkws ausweichen müssen, diese Termine akkurat einhalten? „Die meisten Leute betreten den Bus mit dem Gedanken: Endlich ist er da. Nicht alle können den in ein freundliches Nicken umwandeln“, sagt Schmidt. Und doch habe sie vor allem positive Erfahrungen mit den Berlinern und Touristen gemacht, fröhliches Grüßen, aufmunternde Worte, es gab sogar mal einen Lutschbonbon von einer Dame und ein junger Mann habe ihr mal schnell eine Blume vom Straßenrand gepflückt. Das Busfahren gleiche einer Wundertüte, sagt Susanne Schmidt, man erlebe jeden Tag so viel.

Derweilen kommt die Sonne raus und wir beginnen im Kleistpark zwischen Hunden und eiligen Spaziergängern unsere Kreise zu ziehen, bald mehrfach überholt von einem kleinen Mädchen auf einem Kinderfahrrad. „Du bist ja unermüdlich“, ruft Susanne Schmidt. Das Mädchen strahlt zurück.

Der Ruf „Machen sie mal zügig die Mitteltüren frei“ als Zauberformel

Die Busfahrerin, die sich in eine Schriftstellerin verwandelt hat, sagt, dass in den Berliner Bussen meist eine gute Stimmung herrsche. Und wenn mal jemand weiter hinten herumgepöbelt habe, hätte es schon geholfen, ein strenges „Was ist denn da los?“ ins Mikrofon zu sprechen. Da habe ihre Autorität als ältere Frau gewirkt. Oder eben den Satz, der dem Buch den Titel gab, „Machen sie mal zügig die Mitteltüren frei“, eine Art Zauberformel.

In den ersten Wochen musste sie sich aber nicht nur einmal bei den Fahrgästen entschuldigen – wenn sie an Haltestellen vorbeigefahren war. Sätze wie „Frau am Steuer – Ungeheuer“ lesen sich ganz lustig, zumal viele Leute sogar mit Humor reagieren konnten, doch war dies Teil ihrer bitteren Erfahrungen im Beruf. Nach dem theoretischen und praktischen Unterricht und bestandener Prüfung gab es nur eine kurze Schonzeit mit einem Lehrfahrer, dann musste sie die täglich wechselnden Strecken beherrschen. Jeder Busfahrer, jede Busfahrerin – Susanne Schmidt achtet darauf, die weibliche Form zu benutzen – gehört zu einem der sechs Betriebshöfe, hat aber von dort aus alle jeweiligen Linien zu bedienen. Sich dabei mehrmals am Tag neu zurechtzufinden, stresst. Bei der Wegstecke helfe immerhin die automatische Ansage, die Position der Haltestellen hinter Bäumen oder geparkten Fahrzeugen zu erkennen, machte ihr zu schaffen. Hinzu kam die wechselnde Arbeitszeit.

Du bist hier die Neue bei der BVG. Dein Weihnachten kannste in zehn Jahren wieder so viel feiern, wie du lustig bist.

Zitat aus dem Buch

„Ich dachte, Schichtdienst heißt: eine Woche spät, eine früh, vielleicht auch Nachtdienst. Ich rechnete mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Zeit zum Regenerieren.“ So kennt man das aus vielen Betrieben. Für Busfahrer, zumindest während der Anstellung von Susanne Schmidt, wechselte der Arbeitsbeginn täglich. Das liest sich so bei ihr: „Vor jedem Schlafengehen überprüfe ich mehrere Male die winzigen Arbeitszeitenzettel. In dieser Woche beginnt demnach um 4.46 Uhr, um 7.39 Uhr, um 9.34 Uhr, um 3.53 Uhr, um 6.01 und um 5.40 Uhr die Arbeit. Was leider nie auf den Zetteln steht: Wann geht man schlafen, um pünktlich um 4.46 Uhr gewaschen und sortiert einen anspruchsvollen Tag zu beginnen? Wie schläft man ein ohne die übliche Regelmäßigkeit? Wie funktioniert die innere Uhr, wenn die äußeren Begebenheiten ständig wechseln?“

„Die Antwort war immer: Wir machen das seit dreißig Jahren so.“

Bei unserem Gespräch in Schöneberg gerät die Autorin kurz in die Rolle, die sie auch gegenüber ihren Freunden mehrfach hatte. Sie muss sich rechtfertigen. Warum sie sich denn nicht beschwert habe? Das habe sie versucht. „Die Antwort war immer: Wir machen das seit dreißig Jahren so.“ Oder, so steht es im Buch, an der Stelle, da Schmidt zum Jahresende um etwas Pause bittet: „Jetzt hörste mir mal ganz genau zu, Mädchen. Du bist hier die Neue bei der BVG. Dein Weihnachten kannste in zehn Jahren wieder so viel feiern, wie du lustig bist.“

Schaut man auf die Website der Verkehrsbetriebe, ist von fairen Arbeitsbedingungen die Rede. Alle Berufsbezeichnungen sind mit Sternchen gegendert, auch eine Frauenvertretung gibt es bei dem viertgrößten Arbeitgeber Berlins. Das Buch trübt diesen Eindruck. „Ich wollte es so schreiben, wie ich es empfunden habe“, sagt Susanne Schmidt, die nach einem körperlichen Zusammenbruch aufgeben musste. „Das Busfahren hat mir gefallen, aber wie viel Frauenfeindlichkeit und Sexismus dort vorhanden ist, habe ich mir nicht vorstellen können.“ Sie macht nicht den einzelnen Männern einen Vorwurf, sondern den Strukturen. Die waren nicht vorbereitet darauf, „dass Frauen zum Leben dazugehören, dass sie ganz normale Menschen sind“. Sarkastisch sein kann sie also auch.

Das kleine Mädchen verlässt mit seiner Mutter den Park, dreht sich noch einmal nach uns um. Wir gehen zu unserem Treffpunkt zurück. Susanne Schmidt hantiert an ihrem Fahrradschloss. Das sei kein Zeichen von Protest. „Ich fahre immer noch sehr gern Bus“, sagt sie. „Unser öffentlicher Personenverkehr ist ein wunderbarer Schatz.“