Berlin - Zuerst das Ende der Geschichte. Es ist die vorletzte Nacht vor Heiligabend. Tagsüber ist es extrem mild gewesen in Berlin. Es gab sogar Leute, die bei den 12 Grad mit halblangen Hosen herumgelaufen sind. Nun, am Abend, sind wir nicht mal eine Stunde lang bei Gika Negrua, einem Obdachlosen, der unter einer Brücke am S-Bahnhof Savignyplatz lebt. Und kurz vor Ende dieser Stunde sind wir ziemlich durchgefroren, obwohl wir Handschuhe angezogen haben, wenn auch nur die dünnen, weil es doch gar nicht kalt sein sollte. Aber unter Brücken pfeift nun mal immer der Wind – und Wind im Winter ist nun mal immer kalt.

Und wir haben uns kaum bewegt, haben nur mit Gika gesprochen. Deshalb frieren wir, aber immerhin wissen wir, was nun kommt: Wir werden es warm haben, erst in der S-Bahn, dann zu Hause vor dem Fernseher und erst recht im Bett. Gika weiß auch, was kommt: Der Wind wird nicht viel ruhiger werden, und die richtige Kälte kommt erst noch, denn die Nacht ist immer kurz vor Sonnenaufgang am kältesten. Da sind sechs Grad angekündigt.

Gika klagt nicht, Gika jammert nicht

Viel Schutz hat Gika nicht. Er verbringt seine Nächte nur wenige Zentimeter über dem kalten Boden. Aber er ist seit ein paar Tagen durchaus privilegiert. Denn er liegt nicht auf ein paar Pappen oder einer Matratze, er ist der stolze Besitzer eines Bettes, das ihm eine Frau aus der Nachbarschaft gebaut hat. „Ich bin sehr glücklich über das Bett“, sagt Gika, der dick eingemummelt unter dicken Wolldecken liegt.

Gika klagt nicht, Gika jammert nicht. Er freut sich über das, was er hat. Er weiß es zu schätzen, es ist seine etwa 3530. Nacht als Obdachloser in Berlin. „Ich kam genau am 28. Dezember vor zehn Jahren nach Deutschland“, erzählt er mit knarriger Stimme. Er stamme aus Brasov, einer Großstadt in Zentralrumänien. „Ich kam nach Berlin und arbeitete auf einer Baustelle“, sagt der 56-Jährige mit dem dichten Vollbart. Er sei zwar jeden Morgen auf die Baustelle gegangen. „Aber ich habe acht Monate lang kein Geld bekommen.“ Und so ging der Abstieg ganz schnell, und er war obdachlos.

Er lebt nun vor allem auf der Straße, erzählt er, weil er in den Unterkünften, in denen er sonst bei den Hilfsorganisationen war, keinen Platz findet. „Seit sieben Monaten bin ich hier unter der Brücke.“

Sein Bett ist schon etwas Besonders. Es sind nicht einfach nur ein paar zusammengenagelte Paletten, es ist viel mehr: Die Frau, die es gebaut hat, ist die Bühnenbildnerin Stefanie Bruhn, die gleich in der Nachbarschaft wohnt. Sie hatte sich mehrere Holzpaletten aus einem Sperrmüllcontainer an einer nahen Baustelle geholt. Sie zimmerte einen Unterbau, damit Gika nicht mehr auf dem blanken Boden liegen muss, sie baute zwei Seitenwände, die sie mit Stoff bespannte, damit der Wind nicht mehr so pfeift. Sie baute ihm einen Betthimmel, damit er noch besser geschützt ist. Gika wohnt zwar unter einer Brücke, aber dort tropft es ständig. Und Stefanie Bruhn dekorierte das Bett: An einer Leine spannte sie ein Dutzend rote Weihnachtskugeln und eine Lichterkette, am Bett hängen grüne Weihnachtszweige und über Gikas Kopf steht auf einen Plakat: „Gemeinsam sind wir stark.“

„Ich  will auch zeigen, dass die Hilfe mit ganz einfachen Mitteln geht. Dass jeder helfen kann“, sagt Stefanie Bruhn, 54. Sie hat das Bett vor allem deshalb so groß und schön gebaut, damit sich niemand mehr traut, es zu entsorgen. „Das Ordnungsamt hat dreimal die Räumung der Matratzen von Giko veranlasst“, erzählt sie. „Einmal war ich selbst dabei und konnte das Schlimmste verhindern.“ Dann, eine Woche vor Weihnachten, war wieder alles weg. „Ich dachte, mich trifft der Schlag. Ich dachte, Gika wäre tot.“ Doch um 17 Uhr saß er wieder da. Mit Rucksack, aber ohne Matratze. Sie war so wütend über die Behörden, dass sie mit dem Bau der Hütte begann.

„Der Stall von Bethlehem“

Am Kopfende befestigte sie außen an der Stoffverkleidung eine goldene Sonne. „Jeder soll sehen, dass das kein Müll ist, sondern ein Schatz. Ein Bett und eine kleine Hütte. Viel anders war doch der Stall von Bethlehem auch nicht.“

Die Räumung oder Duldung von solchen Obdachlosenlagern liegt in der Zuständigkeit der Bezirke. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) ist dagegen: „Räumungen sind keine Lösung.“ Sie findet es besser, wenn Sozialarbeiter die Obdachlosen über Angebote der Kältehilfe oder andere Unterbringungsmöglichkeiten informieren.

In der vergangenen Woche gab es 1026 warme Notübernachtungsplätze in Berlin, davon waren 848 belegt. Die Quote wird jede Woche geprüft und sobald es auf 100 Prozent zugeht, werden weitere Betten etwa in Hostels gemietet.

Denn das Obdachlosenproblem ist in Berlin ein großes. Die genaue Zahl der Menschen ohne feste Bleibe ist unklar. Jahrelang lagen die Schätzungen bei 6000 bis 10.000. Etwas mehr Klarheit brachte die „Nacht der Solidarität“ im Januar, bei der knapp 2000 Obdachlose gezählt wurden.

Klar ist, dass sich viele Obdachlose nicht zählen ließen, aber es gilt als unwahrscheinlich, dass sich Tausende versteckt haben. Die Befragung machte auch klar, dass etwa 40 Prozent deutscher Herkunft sind und 50 Prozent aus EU-Ländern stammen.

Senatorin Breitbach sagte der Berliner Zeitung: „Obdachlose Menschen sind Teil unserer Stadtgesellschaft. Wir wollen ihnen unsere Hilfe geben, wenn sie Hilfe benötigen.“ Die Corona-Pandemie sei für sie eine besonders harte und prekäre Zeit, noch dazu im Winter. „Denn wer keine Wohnung hat, kann auch nicht zu Hause bleiben.“

Gika, der rumänische Obdachlose am Savignyplatz, sagt, dass er jeden Tag etwa acht Euro in seinem Sammelbecher hat. Es kommen auch Leute aus der Nachbarschaft wie die Bühnenbildnerin, die ihm Essen bringen. Stefanie Bruhn sagt: Jeder könne heißes Wasser in ein Einweckglas gießen und es mit einem Teebeutel einem Obdachlosen an der Ecke bringen. „Über Wärme freut sich jeder.“

Überrascht von den Geschenken

Nun kommen drei Frauen vorbei und fragen Gika: „Wollen Sie ein Geschenk?“ Er ist ganz irritiert und wuchtet seinen Körper kurz hoch. „Dankeschön“, ruft er. Die drei Frauen, Eva, Zoe und Eliza, sind alle 19 oder 20 Jahre alt und studieren. Sie haben Zahnbürsten gekauft, Cremes, Zahnpasta, Seifen und Corona-Masken. „Damit haben wir die Tüten befüllt und bereits 13 verteilt“, sagt Eliza. Auf die Frage nach dem Warum antwortet Zoe: „Weil Weihnachten ist.“

Später kommt ein junger Nachbar aus Rumänien, der Gika schon eine Matratze gebracht hat und ihm auch geholfen hat, als er von Betrunkenen angegriffen wurde. Der Nachbar heißt Matias, ist 22 Jahre alt und sagt: „Ich helfe, weil Obdachlose in Rumänien keinerlei Chancen haben. Sie bekommen dort kein Geld von den Leuten, sondern …“ Er holt mit dem Bein aus und deutet einen Fußtritt an. Dann beugt sich Matias zu Gika und sagt, dass alles vorbereitet sei für Weihnachten und Silvester. „Gika kann zwar nicht bei mir schlafen, aber ich nehme ihn für ein paar Stunden mit zu einem kleinen Festessen.“