Berlin - Die Bildungsverwaltung hat es geschafft, Eltern von Kindern sämtlicher Altersgruppen gegen sich aufzubringen. Es geht damit los, dass es inzwischen ein Vollzeitjob geworden ist, die ständig wechselnden Regeln zum Schul- und Kitabetrieb im Auge zu behalten. 

An Eltern von Kitakindern wird immer zuletzt gedacht, man muss die Regeln in den offiziellen Mitteilungen ganz unten suchen, im letzten Absatz. Da steht dann zusammengefasst drin, dass die Kitas in Berlin zwar irgendwie auf sind, man sie aber möglichst nicht nutzen soll. Betreuung bitte anderweitig organisieren! Was anderweitig heißt und wie das zu den Kontaktbeschränkungen passt, steht da nicht. Unter Eltern ist der Streit ausgebrochen: Soll man die Kinder schicken und das Gesundheitsrisiko in Kauf nehmen oder soll man Urlaub nehmen und den Arbeitgeber verärgern?

Am heftigsten wird der Streit, wenn es um Schulkinder geht. Mit der Entscheidung des Senats, ab nächster Woche wieder Kleingruppen ab der neunten Klasse in die Schulen zu lassen, ist die Debatte eskaliert. Die Fronten sind anders als beim ersten Lockdown völlig verhärtet, jeder sitzt in seinem Schützengraben, sieht nur seine Situation. Die einen werfen den anderen Egoismus und Verharmlosung der Pandemie vor, die anderen verweisen auf langfristige Schäden durch geschlossene Schulen und persönliche Doppel- und Dreifachbelastung.

Es gibt sogar eine Petition von Eltern, die Präsenzunterricht verhindern will, bis die Pandemie unter Kontrolle ist. Was das genau heißt, steht nicht drin. Bis Freitagmittag hatten 27.000 Menschen unterschrieben. Auf Twitter schreiben verzweifelte, wütende und ängstliche Mütter und Väter. Es sei verantwortungslos, Jugendliche in die Schule zu schicken. „Wenn es demnächst Zehntausende Tote gibt, dann wären die Kultusminister verantwortlich“, schreibt ein Vater. Eine Lehrerin meint: „Ich sehe nicht ein, wieso ich mich angesichts der hohen Infektionszahlen an die Front stürzen soll.“

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die vor Schulschließungen und ihren katastrophalen Folgen warnen. Boris Palmer, Tübingens grüner Bürgermeister, fürchtet kaputte Bildungsbiografien als Folge des verlängerten Lockdowns. Ich erinnere mich, dass vor Corona auch viel Unterricht ausgefallen ist, nicht wegen Pandemie, sondern wegen Personalmangels. Da hat aber niemand gefragt, ob aus den Kindern noch was werden kann. Die Soziologin Jutta Allmendinger rechnet vor: „Allein der Unterrichtsausfall im Frühjahr kann die betroffenen Jahrgänge bis zu vier Prozent ihres Lebenseinkommens kosten“, schreibt sie in der Zeit.

Interessant, was man alles berechnen kann. Ich erinnere mich an die syrischen Flüchtlingskinder, die vergangenes Jahr für ihr gutes Abitur ausgezeichnet wurden. Wahrscheinlich hatten sie im Bunker durchgehend Unterricht?

Ist es radikal, wenn man vorschlägt, die Schulen und Kitas mal drei Monate komplett zu schließen, bis die Ansteckungsgefahr sinkt? Dazu bräuchte es echte Unterstützung von Eltern durch die Arbeitgeber, durch den Staat, durch Freiwillige. Es müsste klar sein, dass Gehälter und Mieten weiter gezahlt werden. Aber so teuer kann das doch nicht sein, im Vergleich zur Rettung von Reise- und Luftfahrtkonzernen.