Von außen sieht der Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) schon sehr schick aus.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Berlin/ SchönefeldWenn sich am Freitag der Flughafen-Aufsichtsrat in Tegel trifft, will Engelbert Lütke Daldrup den ersehnten Termin verkünden. Dann teilt der Flughafenchef mit, wann im Oktober 2020 der BER in Betrieb geht. Spekuliert wird über einen Termin zum Monatsende hin – zum Beispiel, wenn der Sommerflugplan endet. „Noch nie waren wir einer Eröffnung so nahe wie jetzt“, hieß es in Aufsichtsratskreisen. Das heißt aber nicht, dass der Flughafen  auf jeden Fall in fast elf Monaten öffnet. Zwar rechnet der Bund weiterhin damit, wie am Dienstag bekannt wurde. Doch die Zeit bis dahin wird eine Zitterpartie bleiben, der Zeitplan eine Rechnung mit Unbekannten – unter anderem deshalb, weil sich die Beseitigung der Mängel im Flughafenterminal bis 2020 hinziehen wird. Hauptproblem sind die Kabeltrassen, wieder einmal und immer noch.

Erinnert sich noch jemand? Ursprünglich sollten am 3. Juni 2012 erstmals Fluggäste am BER in Schönefeld einchecken. Um den ehrgeizigen Termin zu halten, gab es viel Hast und Schlampereien. So wurden im zentralen Empfangsgebäude viele Kabeltrassen falsch gebaut und falsch bestückt. Mal reichten die Halterungen nicht aus, um die schweren Leitungen zu tragen. Dann wiederum wurden direkt nebeneinander Kabel verlegt, die normalerweise auf Abstand liegen müssen, weil sonst Störungen drohen.

Der kritischste Bereich im Flughafen

Mit diesen Problemen haben sich die Flughafenleute immer wieder beschäftigt. Nachdem sie die Kabelhohlraumsanierung als beendet bezeichnet hatten, schaute der Technische Überwachungs-Verein (TÜV) allerdings noch einmal genau nach – und fand heraus, dass viele Trassen weiterhin nicht den Normen entsprachen. Die Arbeiten an den Kabeln mussten also von Neuem beginnen. Die Firma ROM, die damit beauftragt wurde, wollte sie bis zum Frühjahr 2019 abschließen. Doch daraus ist nichts geworden. Denn schon bald erkannten die Verantwortlichen, wie groß das Pensum ist: Eine fünfstellige Zahl von Mängeln wurde identifiziert.

„Wir sind auf einem guten Weg, aber es ist ein Mengenproblem. Es ist einfach noch sehr viel zu tun“, sagte ein Mitglied des Aufsichtsrats im November 2018. „Die Verkabelung ist und bleibt der kritischste Bereich im Flughafen“ – und ist es bis heute.

Zwar wurden Mängel der Priorität 1, deren Behebung für die Betriebssicherheit und Funktionsfähigkeit der Technik im Terminal entscheidend ist, tatsächlich inzwischen behoben. „Es bleiben aber noch viele kleinteilige Mängel, die wir in den kommenden Monaten abarbeiten“, sagte Flughafenchef Lütke Daldrup im Sommer dieses Jahres im Interview mit der Berliner Zeitung.

Täglich ein neues Problem im Terminal

Diese Arbeiten sind immer noch im Gang, hieß es jetzt. „Weiterhin gibt es viele Mängel, die noch zu beheben sind“, sagte ein Mitglied des Aufsichtsrates. Die Behörden des Landkreises Dahme-Spreewald bestehen darauf, dass sie ausnahmslos beseitigt werden. Dem Vernehmen nach wird dies bis ins kommende Jahr hinein dauern - im ungünstigten Fall bis zum Frühjahr 2020. 

Viel mehr Zeit bleibt nicht. Denn die Praxistests, bei denen geprüft werden soll, ob im neuen Flughafen die Abläufe funktionieren, sollen ebenfalls im Frühjahr 2020 beginnen. Vom kommenden Juli an werden Komparsen Fluggäste spielen, die am BER einchecken oder dort nach der Ankunft ihr Gepäck entgegennehmen. Dafür will die FBB mehrere Tausend Komparsen anheuern. Einzelheiten will das Unternehmen in einigen Wochen bekanntgeben.

"Ein Flughafen, der fertig gebaut und sicher ist, ist damit noch nicht automatisch ein funktionierender Flughafen", betont ein Aufsichtsratsmitglied. Darum sei die monatelange Generalprobe, die unter dem Titel ORAT (Operational Readiness and Airport Transfer) firmiert, so wichtig. Wie sie abläuft und ausgeht, ließe sich jetzt noch nicht abschätzen. "Ich bin mir sicher: Bis zur Eröffnung des BER wird es täglich ein neues Problem geben, das gelöst werden muss."

Dem Vernehmen nach halten Engelbert Lütke Daldrup und seine Mitstreiter trotz aller Unwägbarkeiten daran fest, dass der neue Schönefelder Flughafen im kommenden Oktober ans Netz geht. Beobachter halten es für möglich, dass das zum Flugplanwechsel am Wochenende 31. Oktober/ 1. November 2020 geschieht. Am Sonnabend endet der Sommerflugplan, am Sonntag beginnt der Winterflugplan 2020/21.

Nahverkehrsexperten aus Berlin hatten berichtet, dass es möglicherweise schon am 5. Oktober 2020 so weit sein könnte - so wäre es Zugbetreibern mitgeteilt worden. Doch weder bei der S-Bahn Berlin noch bei der Deutschen Bahn (DB) wurde dieser Anfangstermin bestätigt. "Wir warten noch auf den genauen Startschuss", sagte Alexander Kaczmarek, der Konzernbevollmächtigte der DB für Berlin. "Wann immer es genau losgeht - wir werden vorher üben."

Das Streckennetz der S-Bahn wird sich um rund acht Kilometer verlängern, wenn die Züge der S45 uns S9 über den jetzigen Endpunkt in Schönefeld hinaus nach Waßmannsdorf und zum Tunnelbahnhof unter dem BER fahren. Befürchtungen, dass der S-Bahn-Wagenpark dann nicht mehr reichen wird, um die Verstärkerzüge auf den Linien S1 und S5 weiterzubetreiben, wies Kaczmarek jedoch zurück. Bereits jetzt fahren fast täglich S-Bahnen über die Strecke, allerdings ohne Fahrgäste, nur zur Belüftung des Tunnels - damit sich dort kein Schimmel absetzt.

Bundesregierung rechnet mit pünktlichem Start

Rechtlich ist es möglich, dass der Flughafen Berlin-Tegel nach der Inbetriebnahme der beiden BER-Startbahnen noch sechs Monate in Betrieb bleibt. Zuletzt war von einem rund zweiwöchigen Parallelbetrieb die Rede. Jetzt heißt es dagegen in Aufsichtsratskreisen, dass diese Übergangsphase nur wenige Tage dauern wird. Hintergrund sei, dass Personal für einen längeren Parallelbetrieb fehlt. Selbst wenn in TXL weniger Flugzeuge starten und landen, werde dort zum Beispiel weiterhin eine voll funktionsfähige Flughafen-Feuerwehr benötigt. Mit Überstunden und Aushilfskräften ließe sich ein Doppelbetrieb Tegel/ BER gewährleisten, aber relativ nur kurz.

Die Bundesregierung rechnet weiter mit einer Eröffnung des neuen Hauptstadt-Flughafens BER im Oktober 2020, berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa) am Dienstag. Die technische Abnahme laufe, der termingerechte Start sei nicht gefährdet, hieß es in Regierungskreisen. Der Probebetrieb solle im April 2020 beginnen.