Tier verleiht E-Scooter und E-Mopeds. Weitere Fahrzeugarten sollen folgen.
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BerlinAls Lawrence Leuschner seine erste Firma gründet, ist er noch in der elften Klasse. Das Unternehmertum, sagt der 37-Jährige, liege ihm wohl im Blut. Tatsächlich folgen weitere Firmen. Nachhaltigkeit als Kernthema ist für Leuschner dabei nie verhandelbar. Den Investor Oliver Samwer von Rocket Internet zahlt er sogar wieder aus, als der verlangte, das Geschäftsmodell seines Unternehmens zu ändern. Die Firma Rebuy wuchs später zu einem der größten Secondhand-Onlineshops von Videospielen, CDs und Elektronikprodukten in Europa. Seit eineinhalb Jahren will Leuschner nun mit dem Start-up Tier Mobility und Tausenden E-Scootern die Verkehrswende in Großstädten voranbringen. Er weiß, dass die Roller oft nicht als Lösung, sondern als Problem des Stadtverkehrs wahrgenommen werden. Aber Widerstände gehörten dazu, sagt der Tier-Chef.

Berliner Zeitung: Herr Leuschner, wie lange wird es die Leihroller noch geben?

Lawrence Leuschner: Wir haben ja gerade erst angefangen. Noch ziemlich lange.

Was macht Sie da so sicher?

Die Roller sind ein wesentlicher Teil der Mobilitätswende. Sie werden langfristig dazu beitragen, dass wir in Städten problemlos auf ein eigenes Auto verzichten können. Das halte ich für zwingend notwendig.

Würden Sie sich als Autogegner bezeichnen?

Ich verteufle das Auto nicht. Es ist eine wunderbare Erfindung, die uns sehr viele Möglichkeiten gegeben hat. Aber mittlerweile gibt es gerade für den innerstädtischen Verkehr deutlich bessere Mobilitätslösungen. Die Zeit des privaten Autos für den Individualverkehr in Städten ist abgelaufen, und ich möchte den Alternativen zum Durchbruch verhelfen. Insofern bin ich wohl ein Autogegner.

Haben Sie selbst ein Auto?

Ja, ein Golf-1-Cabrio, Baujahr 1990. In diesem Jahr habe ich es genau zweimal genutzt. Es ist zu verkaufen.

Wie ist Ihr Unternehmen bislang durch die Krise gekommen?

Zum Glück sehr gut. Es war natürlich ein Schock, als die Mobilität innerhalb einer Woche um 80 Prozent zurückgegangen war. Plötzlich waren kaum noch Menschen unterwegs. Wir mussten die meisten unserer Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken und uns neu sortieren. Wir haben unsere Scooter systemrelevanten Berufen kostenlos zur Verfügung gestellt. Dabei sind insgesamt 1.300.000 Freifahrten in Deutschland zusammengekommen. Besitzer einer BVG-Monatskarte konnten unsere Scooter günstiger mieten. Heute sind wir Marktführer in Europa.

Dabei dürften Ihnen in Berlin vor allem die Touristen gefehlt haben.

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Lawrence Leuschner ...

... ist gebürtiger Augsburger. Dort kommt er 1982 zur Welt, wächst aber im Taunus auf. Seine erste Firma gründet er als Schüler. Es ist ein Internetportal, über das gebrauchte Videospiele gehandelt werden. Nach dem Abitur studiert Leuschner in Wiesbaden internationale Betriebswirtschaft, bricht das Studium aber ab. Mit 23 Jahren kommt Leuschner nach Berlin, um seine Firma hier unter dem Namen Rebuy neu aufzustellen und auszubauen. 2017 zieht er sich aus dem Unternehmen zurück, bleibt aber beteiligt. Ein Jahr später gründet Leuschner zusammen mit Julian Blessin (ehemals Coup) und Matthias Laug (Ex-Lieferando) in Berlin das E-Scooter-Sharing-Unternehmen Tier Mobility.

Dass sie fehlten, war spürbar, klar. Auf deren Konto gehen in normalen Zeiten aber selbst in der touristischen Hochsaison nicht mehr als 20 Prozent der Scooter-Fahrten. Touristen sind nicht unsere Hauptzielgruppe.

Sondern?

Menschen, die offen sind für neue Mobilität. 20- bis 40-Jährige, die nicht nach einem eigenen Auto streben und sich nachhaltig bewegen wollen.

Wirklich nachhaltig wäre es, die Leute würden einfach zu Fuß gehen.

Das stimmt, ist aber nicht realistisch. Mit unseren Scootern werden im Schnitt zwei bis drei Kilometer zurückgelegt. Laufen wäre da nur bedingt eine Alternative. Wir wollen ja eine Möglichkeit bieten, die sogenannte letzte Meile zwischen Bus- oder Bahnstation und dem eigentlichen Zielort bequem und schnell zu überbücken. So sollen sich die Leute für den ÖPNV entscheiden und auf eine Autofahrt verzichten. In Zeiten von Covid-19 sehen wir uns auch als Alternative zum ÖPNV, um ihn zu entlasten. Dann decken wir die ganze Strecke ab.

Aber dafür müssten Scooter nicht nur in der Innenstadt verfügbar sein. Auch in den Außenbezirken hat man die Bahnstation nicht immer vor der Haustür.

Unsere Scooter gibt es nicht nur in Mitte, sondern in acht Stadtteilen. Wir erreichen etwa drei der vier Millionen Berliner. Aber es ist richtig, dass wir in den Außenbezirken noch nicht vertreten sind. Wir sind ein junges Start-up, nicht einmal zwei Jahre auf dem Markt – in Deutschland sogar erst seit Juni 2019. Wir wollen unseren Service flächendeckend anbieten. Es geht nur nicht alles auf einmal.

Ließe sich aus Ihrer Sicht eine Flotte in den Außenbezirken denn überhaupt wirtschaftlich sinnvoll betreiben?

Ja, ich glaube schon, dass das geht.

Sie könnten dafür aber auch Unterstützung vom Land verlangen. Auch die BVG wird subventioniert?

Darüber habe ich ehrlicherweise noch gar nicht nachgedacht. Als Privatunternehmen wollen wir in erster Linie aus eigener Kraft erfolgreich sein. Aber wir haben nichts gegen gemeinsame Lösungen. In Ingolstadt zum Beispiel arbeiten wir mit Audi und den Stadtwerken zusammen. So können Audi-Mitarbeiter mit unseren Rollern zwischen Werk und Bahnstation pendeln.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat?

Gut, würde ich sagen. Aber wir haben viel zu sprechen. Tier will ein wichtiger Partner der Stadt werden bei der Reformierung der Mobilität. Als Berliner habe ich das Ziel, Berlin zum weltweiten Benchmark für nachhaltige Mobilität und Effizienz zu entwickeln.

Klar, der öffentliche Raum wird neu verteilt, und Sie wollen etwas davon haben.

Es ist doch unstrittig, dass wir sehr viel Raum an Autos vergeben, die in Hunderttausendschaften an den Straßenrändern stehen und statistisch nur zu fünf Prozent der Zeit in Gebrauch sind. Auf einen Autoparkplatz würden mehr als zehn Scooter passen, die noch dazu deutlich öfter als Fortbewegungsmittel genutzt werden als ein Auto. Da ist die Sinnhaftigkeit einer Neuverteilung sehr eindeutig.

Tier ist in neun Ländern vertreten, Sie haben daher die Erfahrung: Wo steht Berlin in Sachen neue Mobilität im Vergleich mit anderen europäischen Metropolen?

Sehr weit vorne. Ich habe schon den Eindruck, dass man sich im Senat sehr bewusst ist, welche Verantwortung man für eine lebenswerte Stadt hat. Auch die Verkehrssenatorin hat eine ganz klare Vision, in der nachhaltige Mobilitätsformen eine große Rolle spielen und Autos mit Verbrennungsmotor nicht vorkommen.

Sie verstehen sich gut?

Frau Günther kommt von der Naturschutzorganisation WWF, die ich seit vielen Jahren auch unterstütze. Das Verhältnis ist sehr gut. Wir verstehen und schätzen uns.

Es gibt sehr viele Berliner, die sie nicht verstehen. Die Kritik an Pop-up-Radwegen ist nur ein Punkt.

Immer wenn man etwas Neues will und dafür anderswo etwas wegnehmen muss, gibt es Widerstand. Gerade in Berlin. Ich bin überzeugt, dass die Berliner in ein paar Jahren froh sein werden, dass man sich heute so entschieden hat.

Sie wünschen ihr Durchhaltevermögen?

Klar, aber das hat sie ja.

Das Unternehmen Tier hat zu Jahresbeginn die E-Moped-Flotte von Coup übernommen und verleiht damit neben E-Scootern auch Sitzroller. Kommen noch mehr Roller auf der Straße?

Wir wollen grundsätzlich immer wachsen und sehen auch, dass Nachfrage und Nutzerzahlen noch steigen.

Wie viele E-Mopeds würde der Berliner Markt vertragen können?

Eher noch Tausende mehr als Hunderte.

Werden auch E-Bikes und Lastenräder ins Programm aufgenommen?

Wir denken ständig darüber nach, welche Fahrzeuge noch Sinn machen könnten. Die genannten Fahrzeuge sind in der engeren Wahl. Aber aktuell ist nichts geplant. In jedem Fall waren für uns die E-Scooter nur der Anfang.

Die Entwicklung von Tier wäre ohne Investoren nicht möglich gewesen. Bislang sind insgesamt 130 Millionen Euro in das Unternehmen geflossen, erst im Februar kamen 20 Millionen Euro hinzu. Wie lange reicht das Geld noch?

Solange wir wollen. Wir sind seit Juni profitabel und brauchen frisches Geld daher nicht zum Überleben, sondern nur für weiteres Wachstum.

Wie viel Prozent der Firma gehören Ihnen noch selbst?

Ungefähr 15 Prozent.

Denken Sie manchmal daran, auszusteigen und zu verkaufen?

Nein, dafür habe ich mit Tier noch zu viel vor. Und wenn es doch irgendwann der Fall sein sollte, habe ich mich entschieden, den Ertrag aus meinem Firmenanteil komplett in nachhaltige Unternehmen zu investieren, damit das Geld im Ökosystem bleibt. Mir geht es ausschließlich um unsere Mission „Change mobility for good” und nicht um persönlichen Profit.

Sie könnten sich ein schönes Leben machen.

Geld und Reichtum sind keine Motivation für mich. Ich will etwas verändern. Bei Rebuy haben wir seit der Gründung 2006 bis heute etwa 100 Millionen Produkte angekauft, repariert, wieder verkauft und so vor dem Müll gerettet. Darauf bin ich stolz. Jetzt ist Tier meine Aufgabe. Unsere Scooter haben alle Wechsel-Akkus. Wir karren die Roller nicht mehr mit Vans zum Laden an den Stadtrand und dann zurück in die Stadt. Wo möglich, tauschen wir die Akkus bereits mit E-Cargo-Bikes und E-Vans. Unternehmen aufzubauen, die einen Beitrag leisten, den Klimawandel aufzuhalten, ist meine Bestimmung.

Hat sich auch bei Investoren das Interesse für nachhaltige Technologie verändert?

Ja. Es gibt viele neue Fonds, auch etablierte Investoren denken um. Aber es ist deshalb nicht einfacher geworden, Geld zu beschaffen. Gerade in der aktuellen Krise sind Investoren sehr zurückhaltend. Man muss schon sehr gute Zahlen liefern, um eine Chance zu haben.

Einer Ihrer Investoren ist Nico Rosberg. Ist ein so prominenter Geldgeber etwas Besonderes?

Er öffnet natürlich Türen. Aber in erster Linie ist er ein sehr professioneller Investor und sehr erfolgreich im Bereich Green-Tech.

Stehen Sie vonseiten der Investoren unter permanenter Beobachtung?

So würde ich das nicht ausdrücken, aber sie haben natürlich stets Zugriff auf unsere Zahlen. Einmal im Quartal legen wir unsere Zahlen vor und gehen strategische Themen durch.

Sind Investoren schon wieder abgesprungen?

Nein. Wir sind das am schnellsten wachsende Mobilitäts-Unternehmen aller Zeiten und haben seit unserem Start vor weniger als zwei Jahren unseren Service in etwa 80 Städten ausgerollt, beschäftigen 700 Mitarbeiter und haben mehr als 30 Millionen Fahrten realisiert. Zudem beweisen wir, dass sich Klimaschutz und ein profitables Geschäft nicht ausschließen. Warum also sollte man da wieder aussteigen?

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.

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