Beliebt über die Grenzen der Stadt hinaus: Die Griessmuehle bietet ein alternatives Programm zum Berliner Nachtleben.
Foto: Sabine Gudath

Berlin-Neukölln Am Sonntagnachmittag ist die Party am Neuköllner Schifffahrtskanal noch nicht vorbei. Stephan war nur kurz was essen und ist jetzt zurück zum Technoclub Griessmuehle gekommen. Der Rollstuhlfahrer fährt die Zufahrtsstraße zu dem Kubus entlang, durch dessen Wände Beats wummern. 

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„Für mich ist das hier ein Ort der Entfaltung – transportiert durch die Musik und die Vibes“, sagt er und steigert sich noch: „Die Griessmuehle ist einfach wahre Berliner Subkultur.“ Der 41-Jährige Stadtführer kommt seit Jahren in den Club und verfolgt mit Sorge, was aus einem seiner Lieblingsorte wird. Wenn es schlecht läuft, ist in knapp zwei Wochen die Musik aus. Am 31. Januar endet der Mietvertrag für die Szenelocation, die in Medien weltweit hochgelobt wird.

Die Griessmuehle ist einfach wahre Berliner Subkultur. 

Stephan, Stadtführer und regelmäßiger Besucher der Griessmuehle über den Neuköllner Club

Der britische Guardian nennt sie einen Ort, wo man „das normale Leben für eine kurze Zeit in einer autonomen Zone vergessen kann“. Der Lonely Planet-Führer hebt das tolerante Miteinander zu Elektroklängen hervor. Vor vier Jahren kaufte die S Immo, eine österreichische Immobilien-Investmentgesellschaft, das 1,2 Hektar große Gelände gegenüber vom Hotel Estrel Berlin. Im Juli vergangenen Jahres kündigte die Aktiengesellschaft dem Hauptmieter, dem Logistikunternehmen H.Z.-Logistik, mit dem die Griessmuehle einen Untermietvertrag abgeschlossen hat.

Neue Investoren mit eigenen Plänen

Jetzt will die S Immo das Gelände ohne Mieter weiterverkaufen. „Auf dem Areal sollen Bürohäuser, Loft, Workshop-Gebäude und eine Community Hall entstehen“, heißt es in einer Presseerklärung der S Immo. Die Baugenehmigung wurde Ende November vom Bezirk erteilt und mit den bauvorbereitenden Maßnahmen solle zeitnah begonnen werden. Im Moment befände sich die Gesellschaft mit Banken, Equity Partnern und potenziellen Käufern im Gespräch. Im Klartext: Neue Investoren sollen freie Bahn für eigene Pläne erhalten.

Die Griessmuehle kommt in dem Konzept nicht vor. „Ich bin ultratraurig, dass der Club zumacht“, sagt dazu Selina, eine 28-jährige Groß- und Außenhandelskauffrau, die am Sonntag zum Tanzen gekommen ist. „Der Club ist musikalisch überragend“, schwärmt sie. Im schwarzen Netz-T-Shirt und mit hochgebundenen Haaren steht sie im Garten und genießt eines der letzten Wochenenden auf dem Gelände. Sie hat auch die Petition unterschrieben, die der Club auf Change.org online gestellt hat.

Schon fast 36.000 Personen haben sich innerhalb von einer Woche eingetragen. Einige von ihnen nicht nur wegen der Griessmuehle sondern wegen der Berliner Club-Kultur generell. Zurzeit sind mehrere Party-Orte in Gefahr, darunter das bekannte KitKat und der Sage Club in der Köpenicker Straße. Technoclubs kreierten in den neunziger Jahren Berlins Ruf als Welthauptstadt der Coolness, wo die Freiheit sich in Beats per Minute ausdrückt und alte, vergessene Orte zur Keimzelle von Zukunftsvisionen werden.

Griessmuehle: Nicht nur eine Techno-Location

In der Griessmuehle hat zuletzt sogar ein Designer der Fashion Week seine Modelle präsentiert. Start-ups zeigen auf regelmäßigen Flohmärkten ihre Produkte, Kino und Sport holen während der Woche die Anwohner aufs Gelände. Dann wird der zentrale Clubsaal zum Vorführraum und die Gänge der einstigen Nudelfabrik werden ausgeleuchtet. Am Wochenende können sich die Besucher vielerorts nur tastend vorwärtsbewegen. Die Musik weist den Weg, die dunklen Ecken sollen dunkel bleiben. Die Griessmuehle atmet die verruchte Magie der Techno-Locations.

Ihr Betreiber, David Ciura, kann sich keinen Umzug in ein neugebautes Gebäude vorstellen, eher schon auf ein anderes Gelände der Stadt. Sein vorrangiges Ziel ist es aber, mit der S Immo ins Gespräch zu kommen, was bisher nicht gelang. „Die S Immo soll einlenken und den Diskurs mit uns suchen“, sagt der 36-Jährige, der diesen Ort vor acht Jahren bei einer Fahrt mit der Ringbahn entdeckte. Für die Zukunft wünscht er sich eine Mischnutzung des Geländes mit „mehr Kultur und weniger 24-Stunden-Partys“.

Das Gelände könne zum Beispiel geteilt werden, um das, was zurzeit dort besteht, zu erhalten. Ciura hat prominente Unterstützung von Senatorin Ramona Pop (Grüne). „Wir appellieren an den neuen Eigentümer, den Standort der Griessmuehle zu sichern und sind in Gesprächen mit den Akteuren“, erklärt sie dazu. Zu viele Clubs würden geschlossen oder seien von Schließung bedroht. „Die Griessmuehle prägt die Berliner Clubszene, ihre Kunst- und Kulturangebote sind von großer Bedeutung für den Kiez“, fügt sie hinzu.

Neuer Standort für die Griessmuehle?

Auch der Bezirk bemüht sich, die Griessmuehle nicht zu verlieren, wie Christian Berg, Sprecher von Bürgermeister Martin Hikel (SPD), sagt. „Unser erstes Ziel wäre es, dass die Griessmuehle übergangsweise am Standort verbleiben kann und dass wir einen neuen Standort finden.“ Am Dienstag will sich der Grünen-Abgeordnete Georg Kössler mit der S Immo treffen. Die Österreicher haben sich bisher wenig kompromissbereit gezeigt.

„Die Betreiber der Griessmühle haben uns bis heute keine Kaufinteressenten vorgeschlagen und auch nicht um einen Gesprächstermin gebeten“, heißt es in ihrem Statement. Das bestreitet Ciura. Sie hätten mittlerweile sogar einen konkreten Interessenten genannt.

Den Verkaufspreis schätzt er auf mehr als 20 Millionen Euro, wobei die S Immo das Gelände seinen Informationen nach für 2,3 Millionen Euro gekauft habe. Auf einer Kundgebung am Rathaus Neukölln wollen die Griessmuehlen-Mitarbeiter und ihre Unterstützer am Mittwoch auf ihr Thema aufmerksam machen. Dort tagt zeitgleich die Bezirksverordnetenversammlung. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Ciura.