Julia Klöckner auf der Grünen Woche mit einem Ochsen. 
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BerlinDie Grüne Woche kann wirklich Spaß machen, trotz all dem Geschiebe und Gedränge. Großartig etwa ein sehr berlinisches Damentrio – sie kamen wohl aus Tegel, laut wurde das kommende neue Kaufhaus dort besprochen –, das hin zu den tapferen Kellnern aus Rüdesheim am Rhein wogte. Oder der Poitou-Esel, dieser in sich ruhende Held neben all den leicht panischen Pferden, blökenden Schafen und gewaltigen Stieren.

Aber man sollte in den meisten der 27 Hallen besser nicht zu genau darüber nachdenken, welches Bild von der Welt kulturell gezeichnet wird. Ewig tanzt da der Ungar seinen Csárdás, Schweden ist Bullerbü-Rot, die Niederlande orange mit Grachtengiebelhäusern und Tulpenfeld, Kanada im Moose-Trapperlook. Usbekinnen laufen mit nachgemachtem Goldschmuck um die Augen herum und Marokkaner im langen Gewand.

Ein Horrorkabinett von Nationalitätenklischees

Auch die deutschen Wurst-, Waldwiesen- und Fachwerk-Inszenierungen machen keine Ausnahme: Die Grüne Woche ist neben vielem anderen ein Horrorkabinett von Nationalitätenklischees. Sie erzählt immer noch die Story einer von Männern in Festtagstracht geleiteten und von Frauen im weiten Rock bedienten Glückliche-Kühe-mit-Hörnern-Kleinbauernwelt. Da freut man sich schon über Frauen in der bayerischen Blaskapelle oder die cool-modern gestalteten, nachhaltigst seit Jahren immer wieder verwendeten Holzhäuser Norwegens.

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Aber um etwas über Produktionsbedingungen von Mehl, Nüssen, Baumwolle, Kaffee und Kakao, über die ständig wachsende Nitratbelastung, die Folgen der Rinderzucht für das Weltklima, über Glyphosat und die brutale Ausbeutung der Bauern durch Konsumenten und Lebensmittelindustrie zu erfahren, muss man in die Hallen gehen, die eher am Rand liegen. Sie heißen „Lust aufs Land“, „Du entscheidest“ oder „Wie schmeckt die Zukunft“.

Mehr jüngeres Publikum erreicht

Hier sind auch schlagartig jene Kinder und jungen Erwachsenen in der deutlichen Mehrheit, die das Durchschnittsalter der Grüne-Woche-Besuchenden in den vergangenen Jahren – man ist dort sehr stolz auf diesen Prozess – auf etwa 40 Jahre gesenkt haben.

Hier toben die etwa 20.000 Schüler, die nach Angaben der Pressestelle der Grünen Woche gekommen sind, um die Stände der Bienenzüchter und die der Forstleute herum, debattieren heftig über Gentechnik und Klimawandel, fragen den Leuten am Stand von „Fridays for Future“ Löcher in den Bauch. Oder lassen sich von Jägern erklären, warum es durchaus sinnvoll sein kann, Tiere abzuschießen – Wölfe haben unter Jüngeren offenbar eine sehr starke Lobby.

Ekelnde Faszination

Sie streiten sich mit ekelnder Faszination, ob Algen, Insekten oder Moose wirklich lecker sein können, über den Zusammenbruch der Humusböden und die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Nöte der Dörfer, probieren neue Baustoffe und neue Ideen für Energiegewinnung aus – und staunen vor den gewaltigen Erntemaschinen. In diesen Hallen herrscht das, was in den Länderinszenierungen fast völlig fehlt: Die Lust am Vermitteln auch komplizierter Zusammenhänge und die Freude daran, altgewohnte Bilder aufzubrechen.

Hier stehen Kängurusteak und veganer Brotaufstrich direkt nebeneinander. Auch das Design der Stände und der Installationen ist frisch, oft aus spannenden Holz-, Bambus- oder Plastikkonstruktionen gebaut. Aber schnell fällt auch auf: Hier fehlt die klassische Nahrungsmittelindustrie fast vollständig.

Auch Bundeswehr und McDonalds wollen überzeugen

Auch deswegen stechen Stände wie der der Bundeswehr so heraus, die versucht, ihr immenses Müllaufkommen zu erklären. Und wenige Schritte weiter trachtet der Systemgastronom McDonald’s danach, seine Kundschaft davon zu überzeugen, dass Burger vegan und industrielles Essen regional und umweltschonend entstehen können.

Bei aller nötigen Marketing-Skepsis: Hier wurde begriffen, dass, wer künftig Kunden haben will, jetzt die Kinder und jungen Erwachsenen erreichen muss. Warum stehen solche Stände mit Problembewusstsein nicht auch mitten in den Fress- und Trinkorgien der Länderhallen? Damit es eben nicht so kommt wie an dem verstaubten Kaffeeautomaten, vor dem ein Schild steht: „Stillgelegt wegen Klimawandel“.