Fahrrad weg, Anhänger weg, Auto weg und dann wieder: Fahrrad weg 

In einem Haus in Friedrichshain verschwindet alle paar Tage etwas. Ein Besuch in einem Bezirk, in dem Diebe offenbar die Oberhand haben.

Selbstbedienungsmentalität und in der Hauptstadt ganz alltäglich: ein Berliner Kiez samt Einbrecher.
Selbstbedienungsmentalität und in der Hauptstadt ganz alltäglich: ein Berliner Kiez samt Einbrecher.George(s) für Berliner Zeitung am Wochenende

Die Kinder fragen immer wieder nach der Kuscheldecke. Auch die Plüschtiere sind weg. Die beiden sind vier und fünf Jahre alt, noch zu klein, um zu verstehen, dass sie sowohl die grün-blaue Decke mit dem Frosch drauf als auch die Kuscheltiere niemals wiedersehen werden. Sie lagen in dem Fahrradanhänger unter der Treppe im Hauseingang. Und der wurde eben geklaut, gestohlen, weggenommen. Da, wo der Anhänger stand, ist nichts mehr.

In diesem Haus in Friedrichshain schlagen regelmäßig nachts vor allem vor langen Wochenenden Diebe zu. Es liegt in der Schreinerstraße, mitten im Samariterkiez. Es ist inzwischen eine gentrifizierte Gegend, obwohl es anders als in Prenzlauer Berg viele Graffitis an den Hauswänden gibt. Nicht weit von hier liegt die berühmte Rigaer Straße, in der es noch ein besetztes Haus gibt.  

„Es muss eine Diebesbande sein“

Familie Schreiber wohnt gern hier. In den vergangenen sechs Monaten haben wahrscheinlich dieselben Diebe dreimal verschiedene Teile des Fahrradanhängers gestohlen, zweimal den gesamten Anhänger und einmal das Fahrrad.

Die Familie wohnt im zweiten Stock des Altbaus in der Schreinerstraße. Die beiden Mütter mit ihren beiden Kindern in einer Etage, der Vater zwei Stockwerke darüber. Es ist das, was man klassisch eine Regenbogenfamilie nennt.

Kathleen Schreiber, eine der beiden Mütter, bringt es auf den Punkt: „Wir leben in einem Diebstahlbezirk.“ Sie ist wütend: „Die Polizei drangsaliert Fahrradfahrer, anstatt Personal in Präventionsarbeit zu stecken.“ Ihre Familie belastet die Situation sehr – vor allem das Anzeigenformulieren ohne Aussicht auf Erfolg und die Mühe, sich um neue Fahrradanhängerteile zu kümmern. „Wir haben zuletzt drei Monate auf Ersatz gewartet“, sagt Kathleen Schreiber.

Preise für Fahrräder sind gestiegen

Tatsächlich ist auch das Fahrradgewerbe von den derzeitigen Lieferkettenproblemen auf dem Weltmarkt betroffen. Zudem haben gestiegene Produktionskosten, die anhaltend hohe Nachfrage und das begrenzte Angebot Fahrräder im vergangenen Jahr deutlich teurer gemacht. Die Preise legten im Vergleich zu 2020 um 5,8 Prozent zu.

Marianna Schreiber machen die Diebstähle sprachlos: „Für die Polizei ist das Ganze nur ein kleines Delikt, aber es bringt unseren Alltag durcheinander.“ Familie Schreiber fühlt sich nicht mehr sicher. „Ich renne nur noch mit Schlüsseln rum“, sagt Kathleen Schreiber. Ihre Fahrradschlösser kosten um die 100 Euro. Ihr würde es schon reichen, wenn die Polizei häufiger Streife fahren würde. Auch Überwachungskameras hält sie für eine Lösung. Sie fühlt sich hilflos.

Acht Diebstähle in einem halben Jahr

Kürzlich wurde der Familie auch das Auto gestohlen, dem Vater das Fahrrad. Beide standen vor dem Haus. Acht Diebstähle in einem halben Jahr, bisher ist keiner aufgeklärt. Die Verfahren wurden eingestellt. Schreiber: „Die Polizei nimmt zwar die Anzeigen auf, tut aber sonst nicht viel.“ Es hieße, man sei überlastet.

Alexander Boxler ist der Vater der beiden Kinder, die ihre Decke so vermissen. Nachbarn haben der Familie erzählt, dass sie gehört hätten, wie eines Nachts die Haustür zufiel und dann ein Auto mit quietschenden Reifen davonfuhr. „Aber Genaues haben die auch nicht erzählt“, sagt Boxler. Am nächsten Tag war der Anhänger weg. Boxler ist sich sicher: „Es muss eine Diebesbande sein.“ Und er sieht in den Diebstählen ein Politikum: „Ich würde mir wünschen, dass die Politik das nicht einfach hinnimmt.“

Laut Polizei ist der Samariterkiez kein von Fahrraddieben besonders heimgesuchtes Viertel. Von Januar bis Oktober gab es hier demnach 78 Fahrraddiebstähle. Im selben Zeitraum 2021 waren es 59. Die Polizei teilt weiter mit, dass der Anstieg auch mit der Pandemie zu tun haben könnte. 

Sich politisch dafür einzusetzen, dass keine Fahrräder mehr gestohlen werden, sei gar nicht so einfach, sagt Kathleen Schreiber. Sie wisse beispielsweise nicht, wann die Bezirksverordnetenversammlung stattfinde oder an wen man sich wenden könne.

Clara Herrmann, Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, sieht darin ein berlinweites Problem. Eine verzweifelte Familie sei massiv von Diebstählen betroffen. Was sie tue? „Das Thema ist – nicht nur bei uns im Bezirk – virulent und muss seitens der Polizei mit mehr Nachdruck verfolgt werden.“

„Ich renne nur noch mit Schlüsseln rum“

In Gesamtberlin gab es laut Polizei vom 1. Januar bis 31. Oktober 2022 insgesamt 23.251 Fahrraddiebstähle oder Fahrradanhängerdiebstähle. In der gleichen Zeitspanne des Jahres 2021 waren es 19.503 Taten – ein Anstieg um 19,22 Prozent. Trotz dieser Zunahme liegen die Fallzahlen um 4,5 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2019. 

Drei Monate Warten auf Ersatz

Die Aufklärungsquote bei Fahrraddiebstahl ist niedrig. 2021 wurden 4,6 Prozent der Fälle von der Polizei aufgeklärt. Ein Jahr zuvor lag die Quote bei 4,7 Prozent, im Jahr 2019 sogar nur bei vier Prozent. Die Schadenssumme indes ist gestiegen. Sie belief sich für das Jahr 2021 auf fast 22 Millionen Euro.

Familie Schreiber ärgert sich, dass trotz großen materiellen Verlusts die Strafen für Diebe so gering ausfallen – mit gerade mal 1500 Euro Geldstrafe würden diese belangt. Dabei habe allein der Anhänger 1300 Euro gekostet.

Die Berliner Staatsanwaltschaft will den rücksichtslosen Fahrraddieben in Berlin Einhalt gebieten. Laut einem Bericht von rbb24 fordert die Behörde, Ermittlungsmethoden einzusetzen, die auch gegen die organisierte Kriminalität zum Einsatz kommen. Ermittlungserfolge gegen das Massendelikt Fahrraddiebstahl müssten mit kriminalistischen Methoden „unter Ausschöpfung der vollen Bandbreite der Strafprozessordnung“ angestrebt werden, sagte demnach kürzlich der Oberstaatsanwalt Bernhard Mix. 

Familie Schreiber ist vor allem eines wichtig: Mobilität. Sie will nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sein und setzt daher aufs Rad. Doch am Ende nimmt sie wieder das Auto. Jeden Morgen schaut jemand nach, ob es noch vor der Tür steht.