Dass es Samir Zekanovic so richtig ernst meinen kann, glaubt man ihm aufs Wort. Der 37-Jährige ist groß, kräftig, entschlossen im Auftreten. Seine Eltern stammen vom Balkan, er ist Einwanderer der zweiten Generation in Holland. Jetzt steht er hier im Bus mit ein paar deutschen Politikern und Journalisten aus Berlin und erzählt von seiner Arbeit in einem Kiez im Süden von Rotterdam. Dort, wo fast 60 Prozent Zuwanderer aus mehr als 170 Nationen leben und sich die Probleme von Armut, Arbeitslosigkeit, schlechtem Bildungsstand und Kriminalität ballen.

Zekanovic nennt sich „Sozial-Straßencoach“, er ist eine Art Kiezgänger und erzählt sehr offen, dass es zu seinem Job gehört, Gerüchte aufzuschnappen, Klatsch und Tratsch. „Wir sind manchmal wie kleine Spione“, sagt er. Er schaut sich um in seinem Revier, spricht Leute an, geht in Läden und fragt, was es Neues gibt. Und wenn er hört, dass hier „komische Leute“ gesehen wurden, dass dort immer verwahrloste Kinder spielen, dass es an jener Ecke ständig nach Haschisch riecht, dann geht er dem nach. Es gibt einen Laden im Kiez, dort trifft sich Zekanovic regelmäßig mit Kollegen, mit Bürgern, aber auch mit Vertretern der Wohnungsgesellschaften und der Polizei. Vor drei Jahren traf man sich dort wöchentlich, weil es überall Probleme gab, inzwischen nur noch halb so oft.

Neukölln ist hier längst überall

Was für einen Druck er entfalten kann, erzählt der Sozialarbeiter nicht ohne Stolz. Im Bus fahren die beiden Sozialdemokraten Raed Saleh, Chef der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, und Heinz Buschkowsky mit, der Bürgermeister von Neukölln, dessen Integrationsbuch „Neukölln ist überall“ immer noch unter den ersten zehn Plätzen der Spiegel-Liste steht. Der junge Linke und der Ältere vom rechten Parteiflügel wollen sich auf einer zweitägigen Dienstreise kurz vor Weihnachten über Rotterdams Integrationspolitik informieren.

Neukölln ist hier längst überall, denn von den 600.000 Einwohnern Rotterdams sind die Hälfte Migranten. Die Quote ist höher als im Norden Neuköllns. Und selbst für Buschkowsky, der im Zweifelsfall die harte Gangart gegenüber Kooperationsverweigerern bevorzugt, klingt es sehr robust, was Zekanovic sagt.

Er erzählt von einer Frau, die mit zwei Kindern ins Viertel zog und offenbar eine Menge männlicher Fans hatte. Die lungerten vor dem Haus herum, verbreiteten Unruhe, rauchten, tranken auf der Straße, waren laut und unangenehm. Man habe dann mit der „Lady“, wie der Sozialarbeiter sie nennt, sehr viel gesprochen, habe sie oft besucht, sie gewarnt, sie vor allem ermahnt, ihre Kinder zu schützen. „Doch sie war uneinsichtig“, sagt Zekanovic. Daraufhin wandte er sich an den Vermieter und übte so lange Druck aus, bis der die Alleinerziehende aus der Wohnung warf.

Seitdem geht es viel besser im Kiez, sagt Zekanovic – und findet keineswegs, dass er zu scharf vorgegangen sei. Schließlich habe die „Lady“ alle Chancen gehabt, sich zu ändern. Sie hat sie nur nicht genutzt. „Dann ist es manchmal das Beste, wenn jemand aus einer problematischen Lage einfach herausgezogen wird.“ Seine Sozialarbeiter-Kollegen am neuen Wohnort der Frau haben schon Bescheid bekommen, wer da jetzt kommt.

"Man muss die Probleme kennen, um sie zu lösen"

Dass derlei Methoden in Deutschland an Abschnittsbevollmächtigte („ABV“) in der DDR oder gar an Blockwarte erinnern, weiß Buschkowsky. Eine etwas sanftere Version des Sozialmanagements hatte er in einem Neuköllner Quartier vor Jahren eingeführt: die „Taskforce Okerstraße“, deren Einsatz aber am unzuverlässigen Trägerverein scheiterte. Was den Berliner Bezirksbürgermeister an Rotterdam beeindruckt, ist die Offenheit, mit der die Schwierigkeiten benannt werden. „Man muss die Probleme kennen, um sie zu lösen.“

Doch es gibt in Rotterdam keineswegs nur die harte Tour. Im Gegenteil. An einem Tisch im sozialen Kiez-Zentrum „Kamelia“, mitten im Armenviertel Feijenoord, sitzen rund ein Dutzend Frauen, einige sind Beschäftigte der Stadt, manche freie Mitarbeiterinnen, viele davon mit Migrationsgeschichte.

Sie arbeiten hier in einer besonderen Art von Behörde zusammen: Es ist wie ein kombiniertes Sozial-, Gesundheits- und Jugendamt mit ein bisschen Jobcenter – und das Ganze aufgezogen wie ein Familientreff mit einem weiten Netzwerk sozialer Einrichtungen. Wer hierher kommt und ein Problem hat, muss sich nicht darum scheren, ob er die zuständige Stelle erwischt hat. Die Frage stellt sich gar nicht. Es wird geholfen. Das „Kamelia“ ist wie eine One-Stop-Agency für Sozialfälle.

Da kommt eine junge Frau, die einen Rollstuhl für ihren kranken Vater braucht, erzählt die Kamelia-Mitarbeiterin Natascha. Als man darüber spricht, wird bald ein ganzer Problemkomplex deutlich: Die Frau ist überschuldet, ihre Wohnung ist zu klein, weil ihre Tochter ein Kind bekommen hat. Sie steht vor der Kündigung, weil sie oft auf der Arbeit fehlt. Eine Angelegenheit nach der anderen wird analysiert, ein Lösungsweg besprochen, Vereinbarungen getroffen, Hilfe organisiert. Aber ebenso gibt es die Forderung nach Mitarbeit: Bei „Kamelia“ wird auch ehrenamtliche Arbeit organisiert, zu der jeder Erwerbslose, der arbeiten kann, verpflichtet ist. Andernfalls wird konsequent die Stütze gestrichen. Nach einem Jahr gibt es gar kein Staatsgeld mehr.

Auch die deutschen Jobcenter können zwar so vorgehen, tun dies aber kaum und wenn, dann wenig stringent. „Sie sind hier konsequent im Einfordern, aber ebenso konsequent im Unterstützen“, sagt Raed Saleh. Über seine Erfahrungen in Rotterdam will der junge Sozialdemokrat einen Bericht schreiben, sagt er. Im „Vorwärts“, der SPD-Parteizeitung, möglichst in der Bundesausgabe. Es soll auch darum gehen, was man sich abgucken kann.