Wieland Giebel ist quasi ein Allround-Talent. Der 65-Jährige verlegt Bücher vor allem zur Berlin-Geschichte, er verkauft sie in seinen Läden, er schreibt auch selber welche und betreibt ein eigenes Museum, den Bunker am Anhalter Bahnhof. Außerdem ist Giebel in zahlreichen Vereinen ehrenamtlich tätig. Er gehört zum Beispiel zu den Freunden und Förderern des Stadtmuseums.

Herr Giebel, mit mehr als vier Millionen Objekten ist das Stadtmuseum Berlin das größte Heimatmuseum Deutschlands. Der Verein der Freunde und Förderer des Stadtmuseums, dessen Chef Sie sind, unterstützt das Museum. Es hat seit dem 1. Februar mit dem Holländer Paul Spies einen neuen Direktor. Haben Sie ihn denn schon begrüßt?

Ja, ich habe ihm schon die Hand geschüttelt, ich war dabei, als er sich im Januar den Mitarbeitern in der Nikolaikirche vorgestellt hatte. Er hat sich auch schon mein Berlin Story Museum am Anhalter Bahnhof angesehen, und eine Woche später war ich in Amsterdam und habe mir dort sein Amsterdam Museum angesehen.

Was wünschen Sie sich denn von Spies für das Berliner Stadtmuseum?

Dass er ein Museum macht, das die Geschichte Berlins auf den Punkt bringt, so wie sein Museum in Amsterdam die Geschichte Amsterdams auf den Punkt bringt. Das leistet das Stadtmuseum bisher nicht. Dass er eben die DNA von Berlin zeigt.

Was ist denn die DNA Berlins?

Das, was die Stadt wirklich ausmacht und sie von München, Köln, Paris oder Rom unterscheidet. Wir haben in vielen Gesprächsrunden darüber gesprochen. Die DNA Berlins besteht aus meiner Sicht aus drei Punkten. Erstens: Freiheitsliebe, zweitens: Tatkraft und Leidenschaft, drittens: Hier hat jeder seine Chance. Das sind die Leitmotive, die Berlin begleiten.

Wie kommen Sie auf Freiheitsliebe?

Immer wieder in der Geschichte zeigte sich die Freiheitsliebe der Berliner als Gegenpol zur Unfähigkeit ihrer Regierung. Das fing schon 1448 beim „Berliner Unwillen“ an, als Berlins und Cöllns Bürger gegen den Kurfürsten rebellierten, seine Schlossbaustelle auf der Spreeinsel fluteten und Finanzbeamte ins Wasser warfen. Diese Aufmüpfigkeit gegen die Obrigkeit zieht sich durch.

Sie haben Bücher über das braune Berlin und Hitlers Terror herausgegeben. Von einer Freiheitsliebe der Berliner kann in dieser Zeit aber nicht die Rede gewesen sein.

Das stimmt. Ich frage mich oft: Wie erkläre ich die Nationalsozialisten in einer Stadt wie Berlin und den Holocaust? Wie konnte das geschehen? Und obwohl ich mich intensiv mit dieser Zeit beschäftige, kann ich diese Fragen nicht beantworten. Ich will ein Museum nur zu diesem Thema einrichten. Am authentischen Ort, im Bunker am Anhalter Bahnhof. Dort fanden während der Luftangriffe ja einmal bis zu 12 000 Menschen vor den Bomben Zuflucht.

Haben wir nicht schon genug Museen in der Stadt?

Keines von ihnen beantwortet bisher diese Frage. Ich denke, man muss sich mehr um die Täter kümmern. Mit Aussagen von Nazis, die erklären, wie sie zu Nazis geworden sind, vor der Zeit des Holocausts.

Zurück zur DNA von Berlin. Wie kommen Sie auf Tatkraft und Leidenschaft?

Weil man in Berlin etwas machen kann, ohne dass einem Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Nehmen Sie nur die Start-ups. Oder die vielen Bürgerinitiativen. Jeder meint, hier etwas sagen zu können und zu wollen, und jeder nimmt sich das Recht dazu heraus.

Bürgerinitiativen gibt es überall …

Aber mit unterschiedlichem Gegenwind. Ich habe eine Zeit lang im Ruhrgebiet gelebt, dort wollten Bürger eine Autobahn verhindern, die durch Bochum führen sollte. Die haben gegen Windmühlenflügel gekämpft. Hier siegen die Bürgerinitiativen hingegen, wie man an Tempelhof sieht. Da hat der Senat was auf die Nase gekriegt und gemerkt, dass es gut ist, den Willen des Volkes zu respektieren. Jetzt ist er viel vorsichtiger bei der Planung.

Und wo sehen Sie die Leidenschaft?

Es gibt viele Leute, die sich leidenschaftlich für Stadtplanung einsetzen, Kulturinitiativen, die leidenschaftlich für ihre Ziele kämpfen.

Zum Beispiel? Kennen Sie jemanden persönlich?

Ja, Claudia Melisch, die leidenschaftliche Archäologin zum Beispiel, sie führte die Ausgrabungen am Ahornblatt in Mitte 2000/2001 und leitet nun die Ausgrabungen am Petriplatz und gräbt dort die Petrikirche aus. Ihr Engagement geht weit über das hinaus, was sie im Rahmen ihres Jobs tun muss.

Sie sagten noch, in Berlin hat jeder eine Chance.

Weil man hier mit wenig Geld etwas Neues aufbauen kann. Mit einer Bäckerei, als Fotograf, oder als Freier. Es gibt hier viele Möglichkeiten, sich seinen Traum zu erfüllen und das zu machen, was man machen möchte.

Sind Ihre Träume hier in Erfüllung gegangen?

Auf jeden Fall. Ich bin 1993 nach Berlin gekommen, davor habe ich als Journalist in München gearbeitet. Berlin fand ich spannender, weil sich hier etwas bewegte. Ich habe erst viel fürs Radio gearbeitet und konnte geradeso meine Familie, meine drei Kinder ernähren. Als ich 1997 mit der Berlin Story angefangen habe, war das meine Rettung aus der Arbeitslosigkeit.

Sie haben Jura studiert, schreiben aber Reiseführer über Berlin und Bücher über die Geschichte der Stadt. Woher kommt dieses Interesse?

In der Schule fand ich Geschichte grausam, aber danach hat sie mich immer mehr interessiert, insbesondere Berlins Geschichte.

Wo wohnen Sie eigentlich?

Immer noch in Kreuzberg. Ich habe in den 70ern am Kotti gewohnt, heute wohne ich am Engelbecken. Ich konnte meine Wohnung 2004 kaufen – das war das größte Glück, das ich je im Leben hatte.

Sie leben in einer Ecke Berlins also, wo sich die Veränderungen der Stadt mit am deutlichsten zeigen.

Dort ist es nur deshalb so schön, weil wir mit unserer Willenskraft aus diesem Ort etwas Neues gemacht haben. Ich habe viele Jahre lang im Bürgerverein Luisenstadt mitgearbeitet, der hat ganz viel dafür getan, dass sich das Engelbecken so herausgemacht hat.

Das klingt absurd, da setzen sich Bürger dafür ein, dass auf einer Brache etwas entsteht, und jetzt verdienen andere damit Geld. Am Engelbecken gibt es mit die teuersten Wohnungen der Stadt.

Das ist doch immer und überall so. Mich beunruhigt das eher nicht. Es gibt noch viel Platz in Berlin, genug Flächen, auf denen verdichtet werden und preiswerter Wohnraum entstehen kann.

Sie verkaufen Spielzeug-Trabis, Ampelmännchen, Schneekugeln, Buddybären, ein bisschen kitschig das alles. Haben Sie nichts Besseres zu bieten?

Wenn ich das nicht verkaufen würde, könnte ich meine Berlin-Bücher nicht drucken.

Welche Souvenirs kaufen denn die Touristen am meisten?

Die Mauersteine sind noch immer der Renner. Die gibt es ja nicht nur in Klein, ich verkaufe auch noch ganze Segmente. Gerade sind zwei an ein Museum nach Arizona gegangen. In den USA stehen inzwischen mehr Mauerteile ausgestellt als in Berlin. Zuletzt habe ich im Dezember vorigen Jahres ein Segment nach Lille in Frankreich verkauft.

Wo nehmen Sie die ganzen Mauerstücke her?

Die sind alle echt. Es gab einmal 42 000 Mauersegmente in und um Berlin. Etwas mehr als 100 dürften davon noch übrig sein. Allein in Teltow stehen etliche Teile auf einem privaten Stück Land. Ich bekomme die Mauerbrocken von einem Händler, der hatte rechtzeitig Teile aufgekauft und dafür ein Lager gemietet. Er ist durch die Mauer recht wohlhabend geworden.

Sie haben offenbar keine Scheu, Geschichte Berlins zu verkaufen. Gibt es für Sie eine Grenze?

Ein Trabi in einer Schneekugel ist für mich okay, aber ich verkaufe kein Nazi-Zeugs.

Steht bei Ihnen zu Hause auch ein Berlin-Souvenir?

Ja. Die Prinzessinnengruppe von Schadow in Lebensgröße aus Gips, also die preußische Kronprinzessin und spätere Königin Luise mit ihrer Schwester Friederike. Die wurden ja unter Friedrich Wilhelm III. aussortiert, weil die ihm zu dünn gekleidet waren.

Das Gespräch führten Sabine Deckwerth und Elmar Schütze.