Diese gute Neugier: Wie Kinder durch Berlin krabbeln und laufen

Während Erwachsene auf die Displays ihr Smartphones schauen, blicken Kinder pur und neugierig in die Welt und auf Berlin. Unsere Autorin ist neidisch.

Große Augen und offener Mund – so sehen Neugier und Überraschung aus.
Große Augen und offener Mund – so sehen Neugier und Überraschung aus.imago/imagebroker

„Was wird er machen? Dasselbe wie viele andere, er wird die Zauberschere suchen, mit der man die Schatten abschneiden kann.“ Er, das ist ein Neugeborenes namens Kristaps, und sein Leben beginnt auf den letzten Seiten der lettischen Familiensaga „Das Bett mit dem goldenen Bein“ von Zigmunds Skujins. An diesen Satz denke ich seit der Lektüre oft, wenn sich der Horizont verdunkelt, sei es wegen der Weltlage, des Kummers eines Freundes oder wegen eigener Sorgen. Das wär’s, eine Schere, mit der man Löcher schneiden kann, durch die dann Licht fällt.

Was mein kleiner Neffe sucht, als er krabbelnd die Küche verlässt in Richtung irgendwo, weiß ich nicht. Er dreht sich noch einige Male zu uns Erwachsenen um, mit diesem typischen Blick eines sich auf den Weg ins Ungewisse machenden Kindes. Die Frage „Seid ihr noch da, wenn ich mich umdrehe und auch dann, wenn ich zurückkehre?“ ist darin sowie die andere: „Darf ich das?“ Was er alles gefunden hat, weiß ich auch nicht. Sicher ist: viele Stifte, die später den Küchenboden zieren. Die Schere nimmt man ihm schnell ab.

Auf der Straße höre ich einen Gesprächsfetzen zwischen Vater und Sohn mit. Der Vater sagt: „In Afrika gibt es heute noch Piraten.“ Der Junge im Buggy fragt: „Morgen auch?“ Wann immer mir der Mini-Dialog durch den Kopf geht, muss ich lächeln. Und es wird kurz hell, ganz ohne Werkzeug.

Das kleine Mädchen im Berliner U-Bahn-Waggon

In der U-Bahn fällt mir ein Mädchen im Kinderwagen auch deswegen auf, weil es das einzige Wesen im Waggon ist, dessen Augen ich sehen kann. Ausnahmslos alle anderen halten den Blick auf die Geräte gesenkt. Das ist nichts Neues, aber manchmal fällt es mir immer noch auf. Unter anderem dann, wenn ich die Szenerie durch die Augen eines Menschen sehe, der noch zu klein ist fürs Wischen und Tippen. Anders als die Schwester, die neben der Mutter sitzt und immer wieder versucht, der das Gerät zu entreißen. Das Kind im Wagen beobachtet das Handgemenge mit klarem Blick, ohne Meinung, gar Urteil darin.

Nur Neugier, diese gute Neugier, die mit Gier so wenig zu tun hat wie Staunen mit Neid. Es ist dieselbe, die auch meinen Neffen antreibt und den Jungen im Buggy. Für den „heute“ kein Synonym für Gegenwart ist, sondern schlicht der aktuelle Tag. Der das Wort „Zukunft“ nicht kennt, sondern nur „morgen“. Was werden die drei und all die anderen machen, wenn sie groß sind? Vielleicht die Schere suchen, mit der man Schatten abschneiden kann. Vielleicht haben sie aber auch gelernt, mit ihnen zu leben.