Berlin - Die Hochstraße in Wedding, zwischen Wiesen- und Gerichtsstraße, ist offenbar eine der gefährlichsten Straßen in Berlin für Fahrradfahrer.

Am 1. September 2020 zum Beispiel wurde dort eine Fahrradfahrerin von einem Lieferwagen überholt. Und zwar so dicht, dass die Fahrerin den Vorfall als „beängstigend“ markiert hat. Am 24. Juli und am 11. August 2021 geschah das ebenfalls – und noch mehr als 200 weitere Male. Dieser Abschnitt der Hochstraße ist so gefährlich für Fahrradfahrer, dass er in der Karte dunkelrot hervorgehoben wird.

Screenshot https://simra-project.github.io/map.html?region=berlin
Die Karte vom Simra Project

Diese Karte (die Adresse: https://simra-project.github.io/map.html?region=berlin) ist online einzusehen und ist über den Zeitraum von zwei Jahren langsam gewachsen.

Dahinter steckt ein Projekt der Technischen Universität (TU) und eines ihrer Juniorprofessoren, David Bermbach. Über eine dazugehörige App (im App Store muss man etwa „SimRa“ im Suchfenster eingeben) können Berliner ihre Fahrt mit dem Mobiltelefon aufzeichnen und anschließend einzelne Abschnitte näher markieren, in denen sie etwas Unangenehmes erlebt haben: zu dichtes Auffahren oder Überholen, das Drängeln durch Taxi-Fahrer, oder auch das „Dooring“.

So heißt es, wenn ein Autofahrer die Tür des geparkten Autos öffnet, ohne vorher zu schauen, ob womöglich gerade ein Fahrradfahrer vorbeifahren möchte. Erst vor wenigen Monaten ist wegen eines solchen Vorfalls auf der Sonnenallee ein Fahrradfahrer gestorben.

BLZ
Der QR-Code für die SimRa-Map

SimRa zeichnet die Fahrt auf

TU-Professor David Bermbach kam auf die Idee zu diesem Projekt, weil er selbst eines Tages auf dem Weg in die Uni fast mit einem Auto zusammengestoßen wäre. „Ein Rechtsabbieger hat mir die Vorfahrt genommen, ich konnte gerade noch über den Gehweg ausweichen, wo zum Glück in dem Moment keine Fußgänger waren.“ Zum Glück war ihm damals nichts Ernstes passiert. Als er am gleichen Tag eine E-Mail bekam, in der ein Förderprojekt für Bürger-Forschungsprojekte angekündigt wurde, kam er ins Grübeln. „Dafür, dass Berlin eigentlich von der Geografie her eine ideale Fahrradstadt ist“, sagt er, „ist die Stadt nicht sehr fahrradfreundlich.“ Er setzte er sich mit seinem Team zusammen und schuf das Projekt „Sicherheit im Radverkehr“, kurz: SimRa.

Die Idee war, dass Berliner ihre Fahrt aufzeichnen. Sobald das Fahrrad plötzlich stoppen muss oder seine Bewegung ändert, registriert das Telefon diese Bewegung und markiert diese Stelle anschließend. Am Ziel angekommen, müssen die Nutzer der App nur die Stellen auf der Karte anklicken und können markieren, was dort passiert ist. Sie können auch andere Stellen der Strecke markieren, an denen etwas vorgefallen ist und anschließend noch mit Farben Rot (gefährlich) oder Blau (ungefährlich) noch einstellen, wie ernst die Unfallgefahr war. Kurz nachdem sie das Projekt eingereicht haben im Jahr 2018, haben Bermbach und sein Team den Zuschuss gewonnen und konnten mit der Ausführung des Projektes starten.

„Vision Zero “ für Berlin

Mittlerweile ist das Projekt, das in Berlin begonnen hat, Deutschlandweit benutzbar und in einigen Städten wird es sogar von der Kommune eingesetzt. „Konstanz und Cottbus versuchen, so herauszufinden, wo es besonders kritische Stellen im Stadtgebiet gibt“, sagt Bermbach. Die Berliner Senatsverwaltung für Verkehr wollte sich trotz mehrfacher Anfrage dazu nicht äußern.

Einzelne Straßen können nach Gefährlichkeit eingestuft werden und so kann man sehen, wo es sicherer ist für Radfahrer. „Für Berlin mussten wir am Anfang den Regler etwas nachjustieren“, sagt Bermbach, „weil sonst die meisten Straßen rot gewesen wären.“ Die meisten Nutzerinnen und Nutzer tragen nur ernstzunehmende Stellen ein.

Der Berliner Landesverband des Fahrradclubs ADFC begrüßt auf Nachfrage, dass es mehr Projekte für die Verkehrssicherheit in Berlin gibt: „Gerade im Bereich Vision Zero, also dem Ziel von null Verkehrstoten und null Schwerverletzen, hat Berlin noch viel zu tun.“ Auf der Website veröffentlicht der Club regelmäßig eine Übersicht und Analyse der getöteten Radfahrenden in Berlin nach Jahr. Besonders hilfreich findet der ADFC bei SimRa, dass auch Beinahe-Unfälle in die Karte einbezogen werden. „Das stellt aus unserer Sicht eine sehr gute und sinnvolle Ergänzung dazu dar.“

Sicher ans Ziel kommen

Seit diesem Februar hat David Bermbach eine Statue im Büro stehen, auf der ein Fahrrad einen Hügel hinauffährt. Diese Statue ist der Deutsche Fahrradpreis, der seinem Projekt gerade verliehen wurde. Doch viel wichtiger ist ihm, dass Radfahrer sicher ans Ziel kommen, auch in Berlin. „Die wenigsten wissen beispielsweise, wie groß der Abstand zu einem Fahrradfahrer beim Überholen sein muss“, sagt er. Laut Straßenverkehrsordnung müssen es mindestens 1,50 Meter sein. Bei älteren Menschen zwei Meter. Das wusste zum Beispiel jener Fahrer nicht, der am 20. Juni 2020 die Xantener Straße in Wilmersdorf befuhr. Der Kommentar des Radfahrers bei SimRa: „20 Zentimeter! Unglaublich!“

Alle Infos zu SimRa: https://www.digital-future.berlin/forschung/projekte/simra/