Das Sommermärchen endet: Hatten wir 2022 tatsächlich Rekordtemperaturen?

Meteorologisch endet die wärmste Jahreszeit am 31. August. Da stellt sich die Frage, ob die realen Wetterdaten mit dem subjektiven Eindruck übereinstimmen.

Ein Junge in einem Freibad: Selten war Wasser so begehrt wie in diesem Sommer.
Ein Junge in einem Freibad: Selten war Wasser so begehrt wie in diesem Sommer.dpa/Joerg Carstensen

Berlin-Auf dem Kalender endet der Sommer erst am 22. September und kann noch für Überraschungen sorgen. Aber meteorologisch ist der Sommer bereits am 31. August vorbei, am 1. September beginnt der Herbst. Dass es zu trocken war, haben inzwischen wohl alle mitbekommen, denn die große Dürre hat dieses Jahr große Teile Europas erfasst. Aber wie sah dieser Sommer ganz speziell in der Region Berlin-Brandenburg aus? Ein Gespräch mit dem Meteorologen Jürgen Schmidt über die Frage, ob das Jahr 2022 mit einem Rekordsommer in die Geschichte eingeht.

Herr Schmidt, wie war dieser Sommer in Deutschland?

Grundsätzlich war es überall zu warm und viel zu trocken, auch im Westen der Republik. Im Nordosten, also in der Region Berlin-Brandenburg, ist das in den vergangenen Jahren ja schon oft der Fall gewesen.

<strong>Jürgen Schmidt</strong> ist 55 Jahre alt. Er ist Diplom-Meteorologe und Geschäftsführer des Wetterdienstes Wetterkontor mit Sitz in Ingelheim bei Mainz.
Jürgen Schmidt ist 55 Jahre alt. Er ist Diplom-Meteorologe und Geschäftsführer des Wetterdienstes Wetterkontor mit Sitz in Ingelheim bei Mainz.Privat

Was sagen die Zahlen über den Sommer in unserer Region?

Der Juli hatte fast Normaltemperatur und war gar nicht so ungewöhnlich heiß, wie viele glauben. Aber der Juni und der August waren deutlich zu warm. Diese Monate lagen mit mehr als zwei Grad über den langjährigen Mittel des Vergleichszeitraums 1991 bis 2020.

Wie steht Berlin-Brandenburg im bundesweiten Vergleich da?

Die Hauptstadt war mit dem Saarland in diesem Sommer die bundesweit wärmste Region mit 20,6 Grad.

Wird dieser Sommer als ein Extremsommer in die Statistik eingehen?

Es war definitiv ein Extremsommer, aber er wird nicht den Rekord von 2019 brechen. Das war der bislang heißeste Sommer in Berlin und Brandenburg. Danach folgte bislang das Jahr 2018, dann der Sommer 1992 und dann 2003. Die Daten für diesen Sommer sind noch nicht vollständig ausgewertet, aber er wird wohl auf Platz 2 oder 3 landen. Ganz genau wissen wir das erst nächste Woche. Die Daten zeigen eines ganz klar: Es gab diesen Ausreißer im Jahr 1992, alle anderen Rekordsommer wurden seit dem Jahr 2000 verzeichnet.

Ausgetrocknete Fischteiche in Brandenburg an der Havel
Ausgetrocknete Fischteiche in Brandenburg an der Haveldpa/Kevin Dettlaff

Wie sah es beim Niederschlag aus?

Nehmen wir die Werte von Potsdam, das ist eine der ältesten Wetterstationen überhaupt. Den üblichen Sollwert beim Niederschlag haben wird dort zum letzten Mal im Februar erreicht. Dann kam ein knochentrockener März mit nur drei Prozent des üblichen Regens. Auch im Sommer regnete es sehr viel weniger als sonst: Im Juni waren es nur 47 Prozent, im Juli 71 und August nur 63 Prozent. Auch war die Sonnenscheindauer deutlich über normal. Die Luft war sehr trocken. Dann verdunstet das Wasser am Boden viel schneller.

In der Region Berlin-Brandenburg wird davon gesprochen, dass es in den vergangenen fünf Jahren gleich vier Dürrejahre gab. Woran liegt das?

Im bundesweiten Vergleich ist die Region nun mal weiter weg vom Atlantik. Da hat die Region wirklich schlechte Karten. Denn zwei Drittel des Wetters und damit auch der Regenfälle kommen aus dem Westen. Berlin-Brandenburg liegt etwa in der Grenzregion zwischen dem feuchteren Seeklima, das vom Atlantik kommt, und dem trockeneren Kontinentalklima, das von Russland kommt. Dadurch ist Berlin-Brandenburg grundsätzlich trockener als zum Beispiel der Schwarzwald. Dort ist es mit dem Niederschlag dann schon extremer, weil drei- oder viermal so viel Regen fällt. In Brandenburg wird die Dürre noch durch die Märkischen Sandböden verstärkt, die kaum Wasser speichern.

Nie gab es in Brandenburg mehr Waldbrände als in diesem Jahr.
Nie gab es in Brandenburg mehr Waldbrände als in diesem Jahr.dpa/Jan Woitas

Wie sieht es mit der Anzahl der sogenannten Sommertage aus, an denen es wärmer als 25 Grad ist?

Bislang hatten wir dieses Jahr 67 solcher Tage und 21 Tage mit mehr als 30 Grad in der Region. Der heißeste Tag war der 20. Juli mit 38,9 Grad in Potsdam. Das ist ein neuer Rekord für diese Station, die es immerhin schon seit 1893 gibt.

War es eigentlich überall in Deutschland zu trocken?

Der Juni war fast überall zu warm und zu trocken. Da gab es zum Beispiel im Raum Trier nur ein Prozent des üblichen Niederschlags. Aber im Juli gab es auch mal viel Regen, etwa in den Alpen oder in Bayern südlich der Donau.

Wenn es dann doch mal regnet, sind es inzwischen oft Extremwetterereignisse, also Unwetter oder Gewitter, wie am vergangenen Wochenende, als es in der Lausitz innerhalb kurzer Zeit örtlich auch mal fast 100 Liter pro Quadratmeter regnete. Woran liegt das?

Dass es nicht flächendeckend regnet, dass es also kein lang anhaltender Landregen ist, liegt daran, dass die Zuggeschwindigkeit der Wolken gering ist. Der Jetstream ist schwach. Die Tiefdruckgebiete ziehen oft nur noch langsam dahin. Es kommt zu Gewittern, die nur lokale Ereignisse bleiben. Der Niederschlag war auch in diesem Jahr nicht gerecht verteilt. Und auch in der aktuellen Woche ist kein erlösender Landregen in Sicht, vielleicht kommt am Sonntag ein wenig Niederschlag.

Warum gibt es inzwischen weniger Winde?

Grundsätzlich, weil sich die Arktis so stark erwärmt hat. Dadurch ist der Temperaturunterschied zwischen den kalten Polen und dem Äquator geringer geworden und dadurch schwächen sich die Winde in den hohen Luftschichten ab.

Ist das noch Wetter oder schon Klima?

Bevor wir von Klimaeffekten sprechen, müssen sich die Werte über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren verändert haben. Aber es gibt natürlich ganz klare Hinweise, dass der Klimawandel da ist, wenn eine solche Häufung an warmen und trockenen Sommern verzeichnet wird. Und auch für Berlin ist eine Tendenz auffällig: Die Zahl der heißen Tage mit mehr als 30 Grad nimmt deutlich zu. Im langjährigen Mittel waren es früher 13 Tage. Doch das sieht inzwischen anders aus: In vier der vergangenen fünf Jahre waren es nun um die 20 Tage mit mehr als 30 Grad.

Was sagen die Wettermodelle für die Zukunft?

Es zeigt sich insgesamt für Berlin und Brandenburg, dass die Zahl der trockenen und heißen Sommer weiter zunimmt. Die Wettermodelle zeigen auch, dass die Zahl der milden Winter steigt, und milde Winter bringen meist mehr Niederschlag, der dann die Grundwasserspeicher wieder auffüllen kann.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.