Dieter Kunzelmann soll am 14. Mai gestorben sein. Seine Tochter, so heißt es, habe ihn in der Nacht auf den 15. in seiner Wohnung tot aufgefunden: „mit einer nicht brennenden Zigarette in der Hand.“

Ich bin geneigt, das symbolisch zu nehmen. Für eine Existenz, die lange zwischen Simulation und mörderischer Realisierung schwankte. Als die Studentenrevolte noch nicht einmal Zukunftsmusik war, da betätigte sich der 1939 in Bamberg geborene Dieter Kunzelmann in München in der subversiven Künstlergruppe SPUR.

Er wurde mit seinen Freunden Anfang der 60er Jahre wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften, Religionsbeschimpfung und Gotteslästerung verurteilt. In zweiter Instanz wurde das Urteil aufgehoben. Zu den Aktivitäten der Gruppe gehörte auch die Übernahme der Staatsmacht für ein paar Minuten, indem man sich auf eine Kreuzung stellte und in einer Fantasie-Uniform den Verkehr lenkte.

Ein „Pudding-Attentat“

Am 1. Januar 1967 zählte Kunzelmann zu den Gründern der Kommune 1. In ihr wollten die Genossen und Genossinnen sich von bürgerlichen Vorurteilen lösen und zugleich sollte die Kommune einer Öffentlichkeit, die fasziniert und entsetzt das Experiment – nicht zuletzt dank der Bildzeitung – beinahe täglich verfolgte, zeigen, wie eine Alternative zur Trinität von Vater-Mutter-Kind aussehen konnte. Der heiligen Familie musste ein Ende gemacht werden, hatten die Kommune-Ideologen doch in ihr die Brutstätte des autoritären Charakters und also des Faschismus ausgemacht.

Im April 1967 machte die Gruppe Schlagzeilen, weil sie angeblich ein Attentat auf den amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey vorbereitet hatte. Als die Polizei genauer hinsah, stellte sich heraus, dass es bei dem angeblichen Anschlag um ein „Pudding-Attentat“, also um eine Posse, die Simulation eines Attentates, ging.

Verarscher der Republik

Es sah aus, als verfolge die Kommune 1 die Strategie, den starken Staat, je stärker er sich gab, desto lächerlicher erscheinen zu lassen. Das befreite Gelächter, das man anstimmen konnte, wenn der blutige Ernst wieder einmal der heiteren Ironie weichen musste, steckte viele an. Das berühmte Nacktfoto mit den Rückenansichten der Kommunarden entstand Mitte 1967. Viele lasen es damals als Götz-Zitat.

Irgendwann einmal aber wurden Fritz Teufel (1943-2010), dessen Namen hier unbedingt auch genannt werden muss, und Dieter Kunzelmann ihrer Rollen als Verarscher der Republik überdrüssig. Sie machten sich nicht mehr lustig über den Ernst der Politik, sondern sie begannen selbst Ernst zu machen mit der Politik. Das war fatal.

Ich habe Kunzelmann nicht persönlich gekannt. Ich beschreibe also weniger ihn als das Image, das ich mir aus der Ferne von ihm machte.
Wer Mitte 1969 in die italienische Linke geriet, der hatte mit Gruppen zu tun, die den bewaffneten Kampf diskutierten, die ernsthaft glaubten, vor einer Revolution zu stehen. Kunzelmann und seine Freunde zogen damals von Rom weiter nach Jordanien und absolvierten dort eine kurze Militärausbildung. Statt Pudding- jetzt also doch Schießpulver.

Eierwürfe auf Dienstwagen des Bürgermeisters

Zum Einsatz sollte das das erste Mal kommen am 9. November 1969 bei einem – glücklicherweise gescheiterten – Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in der Berliner Fasanenstraße. Im Szeneblatt Agit 883 schrieb Kunzelmann damals: „„Palästina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax. Wenn wir endlich gelernt haben, die faschistische Ideologie ’Zionismus’ zu begreifen, werden wir nicht mehr zögern, unseren simplen Philosemitismus zu ersetzen durch eindeutige Solidarität mit Al Fatah, die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von Gestern und Heute und seine Folgen aufgenommen hat.“

Dieter Kunzelmann saß die Jahre danach viel im Gefängnis oder aber als Abgeordneter der Alternativen Liste im Berliner Stadtparlament. In den 90er Jahren versuchte er mit Eierwürfen auf den Dienstwagen des Regierenden Bürgermeisters an seine symbolischen Aktionen in den sechziger Jahren anzuknüpfen. Als er aber im Dezember 1995 mitten in einer Gerichtsverhandlung auf Diepgens Kopf ein Ei zerdrückte, da war Schluss mit lustig. Kunzelmann floh. In der Berliner Zeitung kündete er in einer Anzeige seinen Freitod an. 1999 tauchte er wieder auf und ging doch ins Gefängnis. Am 13. Mai 2000 wurde er entlassen. Mehr weiß Wikipedia nicht. Ich auch nicht.

Ein bundesrepublikanischer Charakter

Solange er den Till Eulenspiegel gab und dem Establishment zeigte, wie es aussah, solange hatte er etwas zu sagen. Sobald er die Machtfrage stellte und glaubte, selbst etwas sagen zu müssen, schämte man sich, jemals über seine Scherze gelacht zu haben. Er ist gerade in dieser Gespaltenheit ein Stück bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte. Eine Figur wie ihn gab es in der DDR nicht, hat es dort zu keinem Zeitpunkt geben können.

Dieter Kunzelmann war ein bundesrepublikanischer Charakter: in seinem Witz und in seinem Antisemitismus. Die Bundesrepublik ist vorbei. Dieter Kunzelmann ging durch sie hindurch. Wie sie durch ihn hindurchging. Wir könnten froh sein, dass die Zeit der Kunzelmanns vorbei ist, wenn wir nicht die Befürchtung hätten, es könnten noch schlimmere kommen.