Potsdam - Nur eines sei klar, hat Dietmar Woidke zuletzt immer wieder betont: Von diesem Mittwoch an sei er nicht mehr Innenminister Brandenburgs, weil mit dem angekündigten Rücktritt von Ministerpräsident Matthias Platzeck (beide SPD) das gesamte Kabinett entlassen werde. Die erste Etappe in der Nachfolge aber hat Woidke gestern Abend hinter sich gebracht. Ein Sonderparteitag der Sozialdemokraten in Potsdam wählte ihn mit knapp 96 Prozent der Stimmen zum neuen Landesvorsitzenden. Auch dieses Amt hatte Platzeck nach seinem Schlaganfall im Juni aufgegeben.

Woidke versprach in seiner Antrittsrede, er werde sich für ein geeintes, tolerantes und offenes Brandenburg einsetzen. Dazu gehöre, dass Nazis „bei uns kein Bein auf den Boden bekommen“. Schon in seinem bisherigen Amt als Innenminister war der 51-Jährige konsequent gegen Rechtsextremisten vorgegangen. Er wolle, dass das Land „noch besser wird“. Die SPD beschrieb Woidke als „die Brandenburgpartei“: Sie müsse für die breite Mitte der Gesellschaft da sein. Ihr fehle es aber noch an einer größeren Mitgliedschaft.

Von der CDU grenzte sich der designierte Ministerpräsident deutlich ab. Diese habe eine „abenteuerliche Geisterbahnfahrt“ hinter sich und noch einen sehr weiten Weg zurückzulegen, bevor sie wieder verlässlich und regierungsfähig sei. Die Koalition aus SPD und Linkspartei hingegen habe seit 2009 erfolgreich gearbeitet. Als Beleg nannte er den Kampf gegen Lohndumping, die Neueinstellung von Lehrern und die Haushaltskonsolidierung. Woidke unterstrich aber, ohne Koalitionsaussage in die Landtagswahl im Herbst 2014 gehen zu wollen.

Platzeck verabschiedete sich mit einer nur stellenweise emotionalen, insgesamt sachlich gehaltenen Rede aus dem Landesvorsitz. Der Rückzug aus gesundheitlichen Gründen sei ihm schwer gefallen; dennoch sei er richtig – in seinem eigenen Interesse und dem des Landes. Er bleibe aber politisch aktiv, versprach Platzeck. Sein Landtagsmandat behält er, und die SPD in der Uckermark nominierte ihn jüngst erneut zum Direktkandidaten für die Wahl im Herbst 2014. Die CDU kritisierte das. „Man sollte nicht so tun, als wenn ein Landtagsmandat eine Arbeit in der dritten oder vierten Reihe wäre“, die wenig Aufwand verlange, sagte ihr Vize-Landeschef Ingo Senftleben.

Woidke erhielt bei der Wahl zum Landeschef 115 Ja- und fünf Nein-Stimmen. Damit schnitt er besser ab als Platzeck beim letzten Parteitagsvotum im September 2012; der scheidende Regierungs- und Parteichef hatte 93,5 Prozent bekommen. Die Sozialdemokraten schenkten Platzeck zum Abschied ein großes Kanu samt Paddeln. Woidke bekam zu seiner Wahl vom Vorgänger Platzeck ein Foto seines Vorbilds überreicht: Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt beim Segeln.

Für Brandenburgs SPD ist der Wechsel eine Zäsur. Seit 1990 hatte sie nur zwei Vorsitzende, Steffen Reiche und seit 2000 Platzeck. Auch in der Potsdamer Staatskanzlei gab es in 23 Jahren nur einen Führungswechsel, von Ministerpräsident Manfred Stolpe zu Platzeck im Juli 2002. Dieser verabschiedet sein Kabinett an diesem Dienstag auf dem Pfingstberg, für dessen Erhalt er sich ab 1988 einsetzte – so geriet er in die Politik.

Der jetzt 59-Jährige Platzeck war in der letzten DDR-Volkskammer Abgeordneter der Grünen Liga, danach Umweltminister unter Stolpe und Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Potsdam. Überregional bekannt wurde er als „Deichgraf“ 1997 beim Hochwasser an der Oder.

Neue Generalsekretärin der Landes-SPD wird die bisherige Vizevorsitzende Klara Geywitz. Das neue Team um Woidke muss schnell zeigen, dass es Wahlen gewinnen kann: Auf die Bundestagswahl in knapp vier Wochen werde der Wechsel zwar keine Auswirkungen haben, heißt es quer durch alle Parteien. Im kommenden Jahr wählen die Bürger jedoch nicht nur einen neuen Landtag, sondern auch Kommunalvertretungen und ihre Vertreter für das Europäische Parlament.