„Alta, ick hab keen Handyempfang!“ Berliner Schüler landen im antiken Rom

Berlin „wiederholt“ seine Wahl, als gäbe es eine Zeitmaschine. Anderswo will man virtuelle Reisen ins alte Rom anbieten. Doch echte Zeitreisen brächten mehr.

Fast wie eine Zeitreise, nur ohne alte Römer. Straßen im antiken Herculaneum, untergegangen im Jahre 79 beim Ausbruch des Vesuvs.
Fast wie eine Zeitreise, nur ohne alte Römer. Straßen im antiken Herculaneum, untergegangen im Jahre 79 beim Ausbruch des Vesuvs.imago/Jose Peral

Angesichts der Tatsache, dass man bald die Berliner Abgeordnetenhauswahl von 2021 „wiederholen“ will, fällt mir auf, dass es noch immer keine Zeitmaschine gibt. Auch wenn alle Kandidaten – soweit es möglich ist – wieder auf den Plätzen von 2021 antreten: Die Welt hat sich weitergedreht. Man kann nur so tun, als ob man etwas wirklich wiederholt.

Ich finde es übrigens gut, dass es keine Zeitmaschine gibt. So muss man letztlich den Lauf der Dinge akzeptieren. Wenn man Mist gebaut hat, kann man nicht einfach zurückreisen, um alles „wieder gut“ zu machen – und damit neues Chaos anrichten. Allerdings würde ich schon mal gern gucken, wie es in früheren Zeiten wirklich war. Dass so etwas möglich sein soll, behauptet eine Werbung, die ich jetzt öfter bekomme. Darin heißt es: „Schüler:innen werden im Metaversum das antike Rom entdecken.“

Gemeint sind virtuelle Unterrichts-Zeitreisen in der Computer-Parallelwelt mittels VR-Brille. Aber was lernt man da wirklich über das alte Rom? Man sieht saubere Plätze, Tempel, Senatoren in Togen. Einen wirklichen Effekt hätten wohl nur echte Zeitreisen. Stellen wir uns vor: Eine neunte Klasse des Berliner Kurt-Krömer-Gymnasiums kommt per Zeitmaschine im antiken Rom an.

Bunt gemischt auf der steinernen Latrinenbank

„Alta, ick hab keen Handyempfang!“, schallt es sofort übers Forum Romanum, gefolgt von: „Digga, stinkt dit hier!“ Ja, man hätte im Unterricht die Klagen der altrömischen Zeitgenossen erwähnen sollen – und zwar über den Gestank, der oft aus den Verrottungsgruben (puticuli) hinter den Stadtmauern herüberzieht. Hier liegen neben Tierkadavern auch verstorbene Sklaven und Hingerichtete. Den ersten Schülern wird übel.

„Ick muss mal aufs Klo“, ruft ein Mädchen. Na, dann aber ab zur nächsten Großlatrine! Männlein, Weiblein (und Diverse?) hocken hier bunt gemischt auf einer langen steinernen Bank mit Löchern. Trennwände braucht es nicht. „Is ja ekelhaft! Sexismus!“, rufen da schon einige. Was sich später noch fortsetzt: „Waaas? Keine einzige Frau im Senat? Ungerecht!“ Und anderes mehr.

Alte römische Latrine – Beispiel aus einer Villa in Sizilien
Alte römische Latrine – Beispiel aus einer Villa in SizilienBerliner Zeitung/Torsten Harmsen

Plötzlich hat die ganze Klasse Hunger auf Pizza, Pasta und Eis. Man ist ja schließlich in Rom. Doch: Überraschung! Nichts davon gibt es. Tomaten, Nudeln, Schokolade – all dies kennt man noch nicht. Auch keine Eisbuden. Dafür gibt es Garküchen mit Eintöpfen, Fleisch, Gemüse. „Jibt’s ooch Ketchup?“, ruft einer. Nein! Stattdessen diese penetrante Fischsauce, Garum genannt, die auf alles raufkommt.

Eine Pauschal-Zeitreise hat ihre Nachteile

Leider hatten die Lehrer die Pauschal-Zeitreise gebucht, nicht die Luxusvariante „Quirinal“. Also geht’s zur Nacht nicht in eine Villa auf den Hügel, sondern in ein mehrstöckiges Wohnhaus. Die Klasse wohnt in Räumen mit unverglasten Fenstern. Die Buden sind baufällig und brandgefährlich, haben kein Wasser, kein Klo. Geschweige denn eine Steckdose zum Handy-Aufladen.

Nach zwei Tagen sind alle genervt. Viele haben Kopfweh und Durchfall. Ein Mädchen kriegt auch noch Zahnschmerzen. Die Lehrer bekommen Panik. Wohin nur? Zum griechischen Sklaven, der ein Händchen für Zahnbehandlungen haben soll? Doch die Instrumente wirken nicht sehr vertrauenerweckend. Und ob die Versicherung das trägt? Also beschließt man, die Zeitmaschine zu aktivieren. Und wupps, geht’s zurück. Nächstes Mal macht man dann wieder eine schöne altrömische Sightseeing-Tour im Metaversum.

Torsten Harmsen: Berlin brummt. Geschichten aus dem Hauptstadt-Kaff BeBra-Verlag, Berlin 2022, 208 Seiten, 16 Euro