Berlin - In der Alten Schönhauser Straße in Mitte sind es nur zwei Stufen von einer in eine andere Welt. In der einen werden in jeder Sekunde 40.000 Fotos geschossen, stündlich 190 Millionen Fotos per Whatsapp verteilt und täglich 900 Millionen Aufnahmen bei Facebook, Instagram & Co. hochgeladen. In der anderen ist ein Bild ein Prozess. Nach heutigen Maßstäben ein sehr langer Prozess.

Mitten in Mitte, wo einst die Hornbrille wieder entdeckt wurde, hat ein kleiner Laden namens Fotoimpex sein Revier wacker gegen Edelboutiquen und In-Coiffeure verteidigt und sich als Treffpunkt für die Aussteiger der Generation Fixfoto etabliert. Hier bekommt der Freund der ursprünglichen Fotografie alles, was er für seine Leidenschaft braucht. In dem Regal hinter dem Tresen stapeln sich bunte Filmschachteln bis an die Decke. Es gibt Entwicklerdosen und Plastikschalen, Fotopapiere in vielen Formaten, Chemikalien und Vergrößerungsgeräte.

Zahl der Neueinsteiger ist beträchtlich

Marc Stache, 39, selbst Fotograf, führt das Geschäft und kennt seine Kundschaft. Einige seien einfach immer dem Fotofilm treu geblieben, sagt er. Vor allem aber gebe es viele Neueinsteiger. Wer in Staches Laden kommt, ist im Schnitt nicht älter als 30 Jahre. Viele haben von ihren Eltern, die inzwischen auf bequeme Art digital fotografieren, deren Analog-Kamera übernommen und entdecken seitdem eine alte Welt neu – inklusive der prickelnden Ungewissheit, bis man das fertige Bild in den Händen halten kann.

Dass Digital-Fotografie etwas für alte Leute sei, hört Stache nicht selten von seinen Kunden, und tatsächlich ist die Zahl der Neueinsteiger beträchtlich. Von sogenannten Starter-Sets, mit denen man Schwarzweiß-Filme selbst entwickeln kann, verkauft Stache jedenfalls etwa zehn bis zwölf im Monat.

Bildermacher statt Fotografen

Von der Faszination der Fotografie mit Film muss Artur Kowallick, der mit Stache im Laden steht, nicht erst überzeugt werden. Er ist ebenfalls Fotograf. Seit 30 Jahren. Irgendwann stieg er um, tauschte den Film gegen einen Speicherchip. „Ein Jahr habe ich durchgehalten, dann hat es mir gereicht“, sagt er. „Bildermacher“ steht auf seiner Visitenkarte. 

Für Kowallick ist die Limitierung der entscheidende Unterschied zwischen der analogen und digitalen Fotografie. Analog bedeutet, nicht endlos viele Fotos machen zu können. Ein Kleinbildfilm gebe nun mal nur 36 Aufnahmen her, ein Rollfilm sogar nur zwölf. „Da musst du vor dem Druck auf den Auslöser überlegen, was du tust“, sagt er und schätzt es ebenso, ohne die unendlichen Möglichkeiten von Photoshop auskommen zu müssen. Es sei Handwerk ohne doppelten Boden. Außerdem trainiere das Fotografieren mit Film das Selbstvertrauen. „Du lernst, mit dem Bild zufrieden zu sein, auch wenn du das Ergebnis noch gar nicht gesehen hast.“

Immer höhere Nachfrage

Längst hat sich der Laden zum Szenetreff der fotografierenden Digitalskeptiker und Handwerksentdecker mit Spaß an der Magie einer Dunkelkammer entwickelt. Laut Stache lernen sich immer wieder Leute im Laden kennen und tauschen sich nicht selten auf den Stufen vor dem Laden endlos über ihre Canon AE1 oder Pentacon Six aus.

Dabei ist der Laden in Mitte nur ein Teil von Fotoimpex. Das gleichnamige Unternehmen dahinter wurde ebenfalls in Berlin gegründet, sitzt aber längst im brandenburgischen Bad Saarow und vertreibt Filme, Chemikalien und Fotopapier in großen Serien. Mirko Böddecker ist der Gründer.

Er trotzt bereits seit 1992 der Digitalfotografie, übernahm die Traditionsmarke Adox und kaufte später eine Produktionslinie der Firma Ilford in der Schweiz. Böddecker verkauft vor allem Fotopapier und Chemikalien, aber jährlich auch rund 150.000 Filme. Gerade entsteht in Bad Saarow eine Produktionshalle, um der höheren Nachfrage gerecht werden zu können. Schon bald sollen dort die ersten Filme „gegossen“ werden. Weltweit steigt der Absatz von Kleinbild- und Rollfilm bereits seit einiger Zeit um 15 bis 20 Prozent. Jährlich. Filme, keine Chips.