Wird Bestatten und Trauern gerade zeitgemäßer? Schon, aber das hat eher nichts mit der Digitalisierung zu tun  
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BerlinGerne fangen Journalisten Gespräche mit mir mit Worten wie „Wandel“ und „Veränderung“ an. Das klingt immer gut. Über Sachen, die sich verändern, lässt sich gut berichten. Und gerade der alten Bestattungsmafia möchte man ein Scheitern wünschen. Aber gibt es die vermeintliche Veränderung? Wird Bestatten und Trauern gerade zeitgemäßer?

Natürlich macht die Digitalisierung vor der Bestattungsbranche keinen Halt. Aber kann man Bestattungen ins Digitale verlegen? Besonders clever haben sich die Anbieter im Markt dabei noch nicht verhalten. Sie arbeiten nach dem Prinzip einer Pizza-Bestell-App. Sie vermitteln, verkaufen, aber arbeiten müssen andere. Und das sind häufig kleine Bestatter, die eher nicht zu viel zu tun haben – man kann sich denken, warum. Und dann steht der gruselige Bestatter von der Ecke, den man eigentlich nicht wollte, doch wieder bei der Trauerfeier, und alles ist genauso schlecht wie immer und je.

Aber so funktioniert Digitalisierung nicht. Menschen nehmen digitale Produkte an, wenn sie einen inhaltlichen (Sachen werden besser) oder materiellen (es wird billiger) Mehrwert haben. Bei uns sitzen Reihenweise Menschen, die von digital organisierten Bestattungen enttäuscht waren und sich irgendwie mehr erwarten.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn jemand einen ernsthaften und vor allem guten Ansatz hätte, Trauernden auch im Digitalen etwas Nachhaltiges und vor allem Besseres anzubieten, ich würde meine Ersparnisse opfern und investieren. Aber den gleichen Mist nur im Netz zu verkaufen, ist keine Digitalisierung. Das ist Stillstand.

Als wir vor Jahren angefangen haben, habe ich gedacht, es wäre immens wichtig, vor allem die Ästhetik von Bestattungen zu verändern: zeitgemäßere Särge und Urnen, schönere und freundlichere Räume, empathische Kollegen. Aber: Das ist maximal die Kerze auf dem Kuchen, das Tüpfelchen auf dem i. So wie in der teuren S-Klasse kein besserer Mensch sitzt, so wird niemand weniger traurig, weil er für 3000 Euro einen Sarg gekauft hat. Das Problem ist, dass wir nach Jahren der Vorschriften durch Kirchen und Politik gar nicht mehr wissen, was uns eigentlich hilft, wenn jemand stirbt. Ich habe mich mal irgendwann dazu hinreißen lassen, zu sagen, wir haben keine Abschiedskultur. Und je länger ich darüber nachdenke, um so richtiger finde ich den Satz. Kultur entwickelt sich aus Bedürfnissen. Kultur ist etwas, das Menschen selbstgestaltend erschaffen. Das hat nichts mit „kaufe etwas“ zu tun, sondern mit „mach etwas“.

Mach etwas, das dir gut tut, mach etwas, das dich Abschied nehmen lässt. Nur wie findet man heraus, was das ist? Und was hilft mir, es herauszufinden?  Hier kann ich nur Erfahrungen wiedergeben, an der perfekten Antwort arbeiten wir auch noch. Zeit hilft, Zeit für sich und Ruhe. Eine Bestattung hat meistens mehr Zeit, als man anfänglich glaubt. Ein guter Bestatter nimmt auch Zeitdruck.

Ein Raum hilft. Orte, die nicht zu Hause sind, an denen man aktiv werden kann. Denn Aktivsein ist gut. Sachen selber zu machen, gibt wieder Vertrauen in die Welt.

Selber ein paar Worte finden, statt den Redner professionell reden zu lassen. Gute Redner und Pfarrer lassen einem immer Raum für Eigenes. Man muss nur fragen.

Selber ein paar Blumen vor der Stadt pflücken und dabei über die Macken von Opa reden – das hat schon so manches kurzes Lachen in eine traurige Zeit gebracht. Aber es ist eben jedes Mal etwas anderes.

Nur eines weiß ich ganz klar: Wegschieben hilft nicht. Wegschieben zum Bestatter, der alles erledigt und organisiert. Sei es der an Ecke, sei es der aus dem Internet. Also traut euch.