Digitale Jugendkultur: Normalos, Nerds und Hipster auf der Tincon in Berlin

Es ist erstaunlich ruhig im großen Saal im Haus der Berliner Festspiele in Wilmersdorf. Etwa 300 Jugendliche haben es sich auf gestapelten Kisten bequem gemacht, tippen auf Smartphones oder unterhalten sich. Gleich beginnt das erste Festival für digitale Jugendkultur, die Tincon. Eröffnet werden soll es von Familienministerin Manuela Schwesig, doch die Politikerin verspätet sich. Die Jugendlichen nehmen es gelassen und schauen sich unterdessen an, wie der Medienpädagoge Ulrich Tausend Fotos von Freiwilligen auf einem großen Bildschirm mit Lightpainting verfremdet. Im abgedunkelten Saal wirkt das toll.

Eine der ersten, die sich traut, ist die 20-jährige Isra. Sie ist alleine auf die Tincon gekommen. „Ich mache zur Zeit ein Praktikum in einer Werbeagentur“, erzählt sie, „und die haben mich hergeschickt, damit ich gucken kann, welche Themen bei den Jugendlichen gerade ansagt sind.“ Ihre älteren Kollegen durften sie aber auch gar nicht begleiten.

Millionen Follower

Auf der Tincon werden nur Teilnehmer zwischen 13 und 21 Jahren eingelassen. Ausnahmen gibt es lediglich für freiwillige Helfer, Journalisten, die Redner und natürlich für die Ministerin, die mit knapp halbstündiger Verspätung eingetroffen ist. Dann ist die Tincon offiziell eröffnet und alle strömen in unterschiedliche Richtungen. Im großen Saal spricht Oguz Yilmaz von Y-Titty über die Verantwortung, wenn man plötzlich Millionen Follower im Netz hat. Ein Stockwerk darüber erläutert die Verschlüsselungsexpertin Marie Gutbub, wie man seine Daten im Internet ein bisschen sicherer macht. Zeitweilig hört auch TV-Moderator Ralph Caspers zu, der wenig später zur Show CyberCyberCyber einlädt, in der er die Geschichte des WorldWideWeb präsentiert.

Auch Charly (eigentlich Cheyenne), Bela und Jan Ole wechseln zwischen den einzelnen Schauplätzen. Das Programm der Tincon haben sie zum Teil mit verantwortet. Die drei 15-Jährigen gehörten zum Jugendbeirat der Tincon, der die Organisatoren Tanja und Johnny Haeusler unterstützt hat, als es darum ging, Redner auszusuchen und Workshops zu planen. Charly, die selbst Comics zeichnet, freut sich auf den Youtuber Darkviktory, der seine Animationen verfilmt und auf die Youtuberin Melissa Lee (Breeding Unicorns).

Jan Ole baut seine Computer am liebsten selbst, also wäre der Hacker Space für ihn der geeignete Ort auf der Tincon. „Ich vermute aber, dass ich etwas weiter bin als die“, sagt er selbstbewusst. Bela ist ein Zocker. Wer jetzt in die Richtung illegales Glücksspiel denkt, liegt völlig falsch. Wer zockt, ist ein Online-Spieler. Dabei geht es nicht um Geld, sondern ums Erklimmen immer höherer Levels. Bela spielt am liebsten Rocket League und bezeichnet es als „Autofußball mit Raketenantrieb“. Dann fügt er gleich hinzu: „Jeder Experte würde das als völlig banale Definition empfinden, weil es viel mehr und vielschichtiger ist.“

Telefonieren war gestern

Die Drei sind komplett unterschiedlich – jeder bevorzugt andere Spiele und Kanäle. Nur Snapchat und Whatsapp benutzen alle drei, das eine, weil es Spaß macht und das andere aus purer Notwendigkeit als Kommunikationsmittel. Telefonieren war gestern. Über die Teilnehmer der Tincon hat sich Charly bereits ein Urteil gebildet: „Etwa 70 Prozent sind Normalos, der Rest zur Hälfte Nerds und Hipster. Trendtussis sind nicht da.“ Klingt nach einer sympathischen Mischung, die man da noch bis Sonntag in der Schaperstraße 24 kennenlernen kann.