Berlin/ Schulzendorf - Nicht mehr lange, dann erstreckt sich der Urban Jungle auch ins Umland. Urban Jungle, Dschungel der großen Stadt: So heißt das rot-blau-graue Sitzbezugsmuster, das in vielen Fahrzeugen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) den Augen zusetzt. Das chaotische Design prägt auch das Äußere des jüngsten Verkehrsmittels, das in der Hauptstadt-Region den Betrieb aufnimmt.

Am Montag startet der Berlkönig, der bislang nur in der östlichen Innenstadt unterwegs ist, auf seiner ersten Strecke von Berlin nach Brandenburg. Als Berlkönig BC verbindet das Mittelding zwischen Sammeltaxi und Rufbus den U-Bahnhof Rudow und Schulzendorf südöstlich der Stadt. Weitere Verbindungen zwischen den Tarifgebieten B und C sollen folgen, auch eine Route in Berlin.

Am Freitagvormittag machten sich die ersten Minibusse in das rund 8 300 Einwohner zählende Schulzendorf auf – noch als Sonderfahrt, die auf vollen Straßen an jetzigen und künftigen Neubaugebieten vorbeiführte. Ein Vorgeschmack auf die Stauprobleme, mit denen Personal und Fahrgäste zurechtkommen müssen. An Bord waren unter anderem BVG-Chefin Sigrid Nikutta, Taxiinnungs-Chef Leszek Nadolski, Jürgen Roß vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) und der BVG-Planer Helmut Grätz, der das Projekt leitet.

50 Cent Zuschlag pro Fahrt

Im Rathaus Schulzendorf erklärte Grätz, was die Fahrgäste vom Berlkönig BC erwarten können. „Es ist ein Angebot an Pendler, vom Auto umzusteigen“, sagte der Planer. Ein Angebot, das attraktiver sei, als reguläre Busse, die im Umland nur selten und auf weitmaschigen Liniennetzen verkehren. Beim Berlkönig BC ist das so: Er hält fast vor der Haustür, und er fährt, wenn er gebraucht wird – ohne einen festen Fahrplan.

Der neue Service startet mit drei Minibussen vom Typ Mercedes-Benz Sprinter City, die normalerweise nachts auf BVG-Linien verkehren. Sie haben zehn Sitzplätze, Stehplätze werden zwischen Rudow und Schulzendorf nicht vergeben. Betreiber sind Berliner Taxi-, Bus- und Mietwagenunternehmen, am Steuer sitzen ausgebildete Busfahrer. Vertragspartner der BVG ist die Innung des Berliner Taxigewerbes, die für 23 Nacht- und rund ein Dutzend Taglinien des Landesunternehmens die Betreiber organisiert. 

„Die Fahrzeuge sind montags bis freitags zwischen 5 und 9 sowie zwischen 14 bis 20 Uhr im Einsatz“, erläuterte Grätz. Wer mitfahren will, braucht in jedem Fall die App für den Berlkönig BC. Auf seinem Mobiltelefon tippt der Fahrgast ein, wann und auf welchem Abschnitt er mitfahren will. Ein Computer beim BVG-Kooperationspartner ViaVan wertet die Wünsche aus, koordiniert sie und stellt die Streckenführungen zusammen, die bei den einzelnen Touren unterschiedlich ausfallen können. Es handelt sich um Ride Sharing: Fahrgäste sollen sich die Fahrzeuge teilen. Beim Berlkönig in der östlichen Innenstadt ist es ebenfalls so.

Wie bei ihm, so sind auch die Haltestellen in Schulzendorf (zwei Bereiche von Zeuthen gehören ebenfalls zum Reich des Berlkönigs BC) virtuell – nur aus der App ersichtlich. Die üblichen gelben Haltestellen gelten nicht. Es müssten auch ziemlich viele sein, so Grätz: „Es gibt 430 virtuelle Haltestellen“ – fast überall, nur in Sackgassen nicht. Im Schnitt müssten die Fahrgäste höchstens hundert Meter zum Stopp laufen.

Start oder Ziel ist stets der U-Bahnhof Rudow, Fahrten innerhalb von Schulzendorf oder Zeuthen sind nicht möglich. Der Berlkönig BC fährt auch nicht zum S-Bahnhof Eichwalde, obwohl die Station nur wenige Meter von der Schulzendorfer Gemeindegrenze entfernt liegt.

„Er ist bewusst als Ergänzung zur S-Bahn geplant“, erklärte Grätz. Außerdem verkehre die S-Bahn ab Eichwalde nur alle 20 Minuten. Es könnte also sein, dass der Berlkönig, der keinen minutengenauen Fahrplan hat, kurz nach Abfahrt der S46 eintrifft – was die Fahrgäste ärgern würde. Dagegen startet die U7 in Rudow tagsüber alle fünf Minuten.

Für Pendler und andere, die regelmäßig mitfahren, gebe es einen besonderen Service: Es ist möglich, den Berlkönig für jeden Tag zur selben Zeit zu ordern. Auch Bestellungen bis zu 30 Tage im Voraus sind drin.

Und wie viel kostet die Fahrt? „Ein Fahrausweis für Berlin BC ist erforderlich“, sagte Grätz. Das Personal verkauft Fahrscheine gegen bar. Außerdem muss jeder Fahrgast pro Tour einen Zuschlag in Höhe von 50 Cent zahlen, per Kreditkarte oder Paypal. Der Aufpreis wird erhoben, weil den Nutzern mehr geboten wird als Fahrgästen regulärer Busse, so Grätz. Zum anderen dient der Betrag auch als Schutzgebühr – damit nicht mutwillig viele Fahrten bestellt und nicht wahrgenommen werden.

Auch von Tegel nach Heiligensee

"Wir sind stolz, dass Sie bei Ihrer Ideenfindung an uns gedacht haben", lobte Stephan Loge (SPD), Landrat des Landkreises Teltow-Fläming. „Schulzendorf hat jetzt einen U-Bahnhof“, freute sich der Schulzendorfer Bürgermeister Markus Mücke. Der zunächst bis Ende 2020 befristete Probebetrieb, der vom Landesamt für Bauen und Verkehr als Linie 740 genehmigt wurde, entlaste hoffentlich die vollen Straßen.

Der tägliche Stau werde aber auch den Berlkönig bremsen, hieß es in der Taxibranche, die nur einen Monat Vorbereitungszeit hatte. Die ständig wechselnden Routen, die zum Teil durch schmale Siedlungsstraßen führen, könnten dem Personal ebenfalls zu schaffen machen – und den straffen Fahrplan, der 15 bis 28 Minuten pro Weg vorsieht, durcheinander bringen. Auf der A113, die zur Route gehört, darf der Berlkönig nur Tempo 60 fahren.

Zwei Millionen Euro stehen für das Projekt bereit, davon steuert das Bundesverkehrsministerium die Hälfte bei. Das Geld würde für weitere Verbindungen reichen – im Gespräch sind U-Bahnhof Hönow – Altlandsberg sowie U-Bahnhof Alt-Tegel – Leegebruch. Auch eine Verbindung innerhalb Berlins könnte 2020 dazukommen: zwischen dem U-Bahnhof Alt-Tegel und Heiligensee. In der Koalition gibt es Forderungen, dass der Berlkönig in Berlin nicht mehr nur im Zentrum fahren sollte.